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"The United States vs. Billie Holiday":Grandios und gescheitert

Billie Holiday Film

Andra Day und Trevante Rhodes.

(Foto: Takashi Seida/Paramount Pictures)

Regisseur Lee Daniels schenkt der Jazzlegende Billie Holiday einen fragwürdigen Film - und eine Liebe, die es nicht gegeben hat. Sein Biopic rettet nur Hauptdarstellerin Andra Day.

Von Kathleen Hildebrand

Billie Holiday ist wohlhabend, schön und glamourös frisiert, trägt teure Kleidung und teuren Schmuck. Sie ist auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Aber in diesen Hotelaufzug darf sie nicht rein, so sind die Regeln. Auch wenn der Liftboy, der ihr das beibringen muss, selbst schwarz ist. "Farbige", wie man damals in den späten Vierzigerjahren noch sagte, "müssen den Lastenaufzug nehmen", nicht den in der Lobby. Holiday will sich am Liftboy vorbeidrängen, ob er denn nicht wisse, wer sie sei. Aber es hilft nichts. Er sagt: "Bitte, Ma'am, bringen Sie mich nicht in Schwierigkeiten. Im Süden werden wir für weniger aufgehängt." Da gibt sie auf. Aber in den Lastenaufzug steigt Billie Holiday trotzdem nicht. Lieber verlässt sie das Hotel.

Andra Day hätte den Oscar für dieses furiose Debüt mehr als verdient gehabt

So oder so ähnlich soll es diese Szene wirklich gegeben haben im Leben von Billie Holiday, neben Ella Fitzgerald und Nina Simone der wohl wichtigsten Sängerin der Jazzgeschichte. Unwahrscheinlich ist das nicht. Die US-amerikanische Gesellschaft trennte sehr lange und längst nicht nur in den Südstaaten de facto, wenn auch nicht überall de jure, in Schwarz und Weiß. Auch Stars waren davon nicht ausgenommen, auch wenn es hier und da Ausnahmen für sie gab. Welche Auswüchse der Rassismus auch dort hatte, wo es keinen Ku-Klux-Klan gab und keine Lynchmorde, wie in New York City, wo Holiday lebte, davon handelt Lee Daniels' Film. Dass er kein großer Wurf ist, hat viele Gründe. Dass man ihn trotzdem mit Gefühl und Gewinn ansieht, nur einen: Andra Day. Sie war für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert und hätte ihn für dieses furiose Debüt mehr als verdient gehabt. Einen Golden Globe immerhin hat sie gewonnen.

Day ist Soul- und R&B-Sängerin. Sie war mit Lenny Kravitz auf Tour, Stevie Wonder ist ihr Mentor, die Rolle der Billie Holiday ihr Schauspieldebüt. Und was für eines. Nur zum Beispiel in der Aufzugszene: Wie ihr Gesicht da von selbstverständlichem Stolz in Unverständnis kippt, dann in traurige Frustration und Wut, ist beeindruckend. Sie spielt Holiday als sich selbst verausgabende Frau, die stark ist und lässig, aber immer direkt am Abgrund steht. Ihre Auftrittsszenen, die sie alle selbst singt, mit einem Klang, der an Holidays angeraute, erzählende Stimme erinnert, sind die Höhepunkte in einem Film, der ohne ihre konzentrierte Darstellung kein Zentrum hätte - so wie sein Fokus springt, Figuren undefiniert lässt und sich wie hilflos an die Konventionen des Künstler-Biopics hält: Auf großen Erfolg folgen Großaufnahmen von Nadeln, die Drogen in Arme spritzen, folgt Unglück in der Liebe, folgt der Zusammenbruch.

Die Regierung hatte es auf Holiday abgesehen, weil sie nicht aufhörte, "Strange Fruit" zu singen

Kohärenz erzeugt Daniels Film eigentlich nur mit der Liebesgeschichte, die er Holiday und einem feschen FBI-Agenten andichtet. Jimmy Fletcher wird als Drogenfahnder auf sie angesetzt und weil die strahlende Holiday hinter der Bühne ganz offen Heroin konsumiert, hat er es nicht sonderlich schwer, sie ins Gefängnis zu bringen. Doch später bereut Jimmy, und als er sie auf einer Tournee überwachen soll, verlieben sich die beiden. Neben all den halbseidenen Männern in ihrem Liebesleben, die sie ausnutzen und schlagen, ist er der erste gute Kerl, ihre Rettung. Fletcher hat es wirklich gegeben, die Geschichte von Verrat und Reue wohl auch. Ihre romantische Beziehung aber ist reine Spekulation. Keine Frage, ein Film darf das. Der Effekt dieses Kniffs ist nur, dass die Figur Billie Holiday dadurch an Selbständigkeit und an Kraft verliert: Sie muss gerettet werden.

Billie Holiday Film

1947 wird Billie Holiday zu einem Jahr Haft verurteilt: Wegen Drogen, aber eigentlich wegen "Strange Fruit".

(Foto: Takashi Seida/Paramount Pictures)

Dabei ist der Kern ihrer Geschichte doch eigentlich genug starker Stoff für einen Film: Die US-Regierung hatte es auf Holiday abgesehen, weil Holiday seit 1939, damals war sie 23, nicht aufhörte, "Strange Fruit" zu singen. Jenes schrecklich poetische Lied über die "seltsamen Früchte" - die Leichen von Schwarzen, die nach Lynchmorden in den Bäumen des Südens hingen: "Blut auf den Blättern, Blut auf den Wurzeln, ein schwarzer Körper schaukelt in der südlichen Brise". Abel Meeropol, ein kommunistischer jüdischer Lehrer aus New York, hatte den Text geschrieben. Dass "Strange Fruit" aber als eines der Zündfeuer für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung gilt, lag sehr an Billie Holidays Interpretation. Und an ihrer Hartnäckigkeit, das Lied zu singen, auch wenn es ihr gewaltigen Ärger machte. Was "Strange Fruit" bewirkte, zeigt Lee Daniels' Film kaum. Nur einmal sieht man sie den Song so aufführen, wie Holiday es der Überlieferung nach immer tat: Das Licht im Saal aus, nur ein Spot auf ihrem Gesicht. Andra Day singt den grausamen Text langsam, königlich. Nach ein paar Zeilen stürmen Polizisten die Bühne.

Ganz offiziell konnte man in den USA auch in den Vierzigern niemanden für das Singen eines Lieds verhaften. Doch der Chef der Drogenfahnder, Harry Anslinger, fand einen Weg: Holiday nahm Heroin, und für Drogenbesitz kamen und kommen Schwarze in Amerika in großer Zahl ins Gefängnis. Anslinger brachte sie 1947 vor Gericht. Holiday musste für ein knappes Jahr hinter Gitter, danach bekam sie ihre Lizenz zum Singen in Clubs nicht zurück, was ihre Karriere beinahe beendet hätte. Bis zu ihrem Tod ließ Anslinger nicht von ihr ab. Mit Handschellen ketteten seine Männer Holiday an ihr Sterbebett im Metropolitan Hospital New York, wo sie 1959 mit nur 44 Jahren einer Leberzirrhose erlag.

Man sieht das im Film. Man sieht aber auch, wie Jimmy ihr im Krankenzimmer die Fingernägel lackiert und ihr nochmal zulächelt, bevor er abends die Tür hinter sich schließt, um nach Hause zu gehen. Das geht ans Herz, na klar. Es ist aber auch ein falscher Trost, der einen Film über das Leben einer kraftvollen Frau schaler und altmodischer erscheinen lässt, als er sein möchte.

The United States vs. Billie Holiday - USA 2020. Regie: Lee Daniels. Buch: Suzan-Lori Parks, Johann Hari. Kamera: Andrew Dunn. Mit: Andra Day, Trevante Rhodes, Miss Lawrence, Garrett Hedlund. Als Video-on-Demand, ab 14. Mai auf DVD erhältlich.

© SZ/knb
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