Film Beruht auf einer wahren Begebenheit

Von der Traum- zur Faktenfabrik: Das Kino will möglichst viel Realität abbilden. In einer unübersichtlichen Welt gibt die Tatsachengeschichte Halt.

Von Susan Vahabzadeh

Die amerikanische Satire-Website The Onion hat ein neues Freigabezertifikat erfunden, das aussieht wie eine Altersfreigabe - ein "O", das vor Original-Stoffen warnen soll. Das ist zwar witzig gemeint, aber das Kino wirft inzwischen so oft mit Geschichten um sich, die auf wahren Begebenheiten basieren, dass es wirklich nicht mehr überraschend wäre, hätten Filme bald Warnhinweise wie Schokoriegel: Könnte Spuren von Fiktion enthalten. In den deutschen Kinos läuft zwischen September und November eine ganze Kollektion verfilmter "True Stories": "Black Mass" und "Everest", "Königin der Wüste" und "Life", "The Program" über Lance Armstrong und "A Royal Night", "Madame Marguerite" und " The Walk,", "Der Staat gegen Fritz Bauer" und "Bridge of Spies", der neue Spielberg-Film, über die Vorgeschichten des ersten Agentenaustauschs auf der Glienicker Brücke - und natürlich "Steve Jobs" über den Apple-Gründer. Und ach so, ja: Die Filmrechte am VW-Abgas-Skandal hat sich Leonardo DiCaprio gesichert, noch bevor Martin Winterkorn sein Büro geräumt hatte.

Man könnte meinen, die ganze Fiktion sei inzwischen in Verruf geraten

Es gefällt Filmproduzenten, dass reale Stoffe sozusagen eine eingebaute Marketing-Kampagne haben. Weil sie so nah dran sind an der aktuellen Zeitgeschichte, dass sich irgendjemand, der an der wahren Begebenheit beteiligt war, bitterlich beklagt. Ein gutes Beispiel dafür ist "Truth", der in Amerika in den vergangenen zwei Wochen für Debatten sorgte - es geht um Rathergate, den Skandal, der 2004 die Karriere des legendären Journalisten Dan Rather beendete. Robert Redford spielt Rather und Cate Blanchett Mary Mapes, seine Produzentin bei der Nachrichtensendung "60 Minutes", auf deren Memoiren der Film basiert. Das Team hatte sich kurz zuvor mit Berichten über Folter im Irak, in Abu Ghraib, Lorbeeren verdient, dann aber machten sie einen Beitrag über George W. Bushs Militärkarriere: Es waren Dokumente aufgetaucht, die beweisen sollten, dass die Familie dafür gesorgt hatte, dass der Pilot George W. Bush nicht nach Vietnam musste. Die Dokumente, stellte sich heraus, waren wohl gefälscht, der Sender NBC feuerte Mapes und beendete bald auch die Zusammenarbeit mit Dan Rather. Nun ist es so, dass andere Journalisten, beim Boston Globe beispielsweise, zu diesem Zeitpunkt bereits zweifelsfrei bewiesen hatten, dass George W. Bushs militärische Laufbahn tatsächlich so löchrig ist wie ein Schweizer Käse - darum ging es dann aber auch bei der jetzigen Debatte nicht. Sondern eher darum, dass CBS sich weigerte, Werbung für den Film auszustrahlen. Und sich genau dieselben Leute über Bush stritten wie schon vor zehn Jahren. Als sei der Film dazu da, den Fall endgültig zu klären.

Vladimir Nabokov befand, dass eine Geschichte, die sich das Label "True Story" verpasst, im Allgemeinen die Wahrheit und die Kunst gleichermaßen beleidigt. Egal, ob das so ist - das Verhältnis des Publikums zur Genauigkeit von Geschichten hat sich stark verändert. Als Oliver Stone "JFK" drehte, war klar, dass dieser Film keine Geschichtsstunde ersetzen würde - und das hat auch früher niemand vom Kino verlangt. Ob ein Film gut ist oder schlecht - das hat sowieso relativ wenig damit zu tun, ob der Drehbuchautor seine Wahrnehmung der Welt in eine Fiktion verpackt oder ob er sich Tatsachen ausleiht - um eine Geschichte zu erzählen, die dann immer noch seine Wahrnehmung der Welt zeigt. Wenn das nicht so ist, dann kommt etwas heraus wie Werner Herzogs "Königin der Wüste", der das Leben der Nahost-Forscherin Gertrude Bell erzählt. Ob man das Ergebnis nun kurzweilig findet oder nicht: Man kommt nicht dahinter, warum er einem von dieser Frau erzählen will.

Erst in den letzten Jahren sollen Filme die Realität immer ganz genau abbilden, dramaturgische Freiheiten sind passé - man könnte meinen, die gesamte Fiktion sei in Verruf geraten. Klar, dass es immer um Genauigkeit geht, wenn noch lebende Personen gezeigt werden; aber es hat auch mit der Überprüfbarkeit zu tun, die das Internet ermöglicht. Und vor allem: mit einer veränderten medialen Welt. Das betrifft nicht nur das Internet. Man kann heute zwischen mindestens einem Dutzend Nachrichtenkanälen wählen, von NTV über Al Jazeera bis zu BBC World, Fox News und CNN - es könnte einem schwindlig werden, so viele Weltanschauungen und Wahrheiten konkurrieren in den Sendern der Welt. Da mag es vielen schwerer fallen, auszuhalten, dass es die eine Wahrheit gar nicht gibt. In diesem unübersichtlichen Meer der Meinungen ist das Label "basiert auf einer wahren Geschichte" zu einem vermeintlichen Rettungsanker geworden.

So kommt dann ein Film zustande wie Stephen Frears' "The Program" über den Fall Lance Armstrong - ein Film mit dem Charme eines Wikipedia-Eintrags. Keiner hat Frears vorgeworfen, er hätte den größten aller Dopingsündenfälle ungenau beschrieben; sein Film sieht eben so aus, als habe das letzte Wort nicht der Regisseur, sondern die Rechtsabteilung gehabt, der Film ist wasserdicht gegen alle potenziellen Klagen. Was soll der künstlerische Mehrwert eines solchen Films sein gegenüber einem ausführlichen Bericht im Sportstudio? Was Lance Armstrong dazu getrieben hat, sich mit gesundheitsschädlichen Substanzen vollzupumpen, ist am Ende dieses Films so klar oder unklar wie zuvor.

Ob der echte Steve Jobs sich so aufgeführt hat wie im Film Michael Fassbender, ist egal

Biopics sind oft sehr - schlicht. The Onion witzelt in der (frei erfundenen) Reportage zu dem gefakten Freigabezitat, die Zuschauer seien komplett überfordert, wenn sie einer Handlung folgen müssten, die ihnen neu ist und sie sich auf Personen einlassen müssen, von denen sie noch nie gehört haben. Da ist was dran. Biopic-Macher glauben oft, eine berühmte Vorlage ersetze eine ordentliche Charakterzeichnung.

Es gibt einen großen Satz von Pablo Picasso: Die Kunst ist eine Lüge, die uns erlaubt, die Wahrheit zu begreifen. Geschichten sind nicht gut oder schlecht, weil sie erfunden sind - sondern sie sind gut oder schlecht erfunden; und die wahren Geschichten sind gut oder schlecht erzählt. Es gibt drei wunderbare Filme aus dem Reich der wahren Begebenheiten in diesem Herbst. Die Coen-Brüder haben das Drehbuch zu Spielbergs "Bridge of Spies" geschrieben, auch der basiert auf einer wahren Geschichte - aber er konzentriert sich auf den wahren Kern, einen Lobgesang der Diplomatie. Lars Kraume hat sich auch nicht an alle Fakten gehalten in "Der Staat gegen Fritz Bauer" - er bog sich seine Geschichte des Generalstaatsanwalts, der später die Auschwitz-Prozesse möglich machte, so hin, dass man gut nachvollziehen kann, was für ein Underdog der Mann gewesen sein muss, wie er sich nach jedem Rückschlag wieder zusammenriss.

Oder "Steve Jobs" - Danny Boyle und der Drehbuchautor Aaron Sorkin haben sich an Kinotraditionen gehalten: Es ist nicht wichtig, dass alles, was man sieht, nachweislich so passiert ist, sondern dass im Kern die Wahrheit steckt. Die Eckdaten stimmen, und ob der echte Steve Jobs sich vor seinen großen Apple-Präsentationen nun wirklich so aufgeführt hat wie Michael Fassbender im Film, ist egal. Wichtig ist: Es entsteht auf der Leinwand eine reizvolle Figur, in der eine verkorkste Biographie und überragende Intelligenz zu einem Visionär verschmelzen, und man versteht, warum. Wer genau wissen will, wie viele Kinder der Mann hatte, kann das ja nachlesen.

Auch Fiktionen handeln, wenn sie gut sind, von der Wirklichkeit - auf ganz unterschiedliche Art. James Camerons "Avatar"erzählt von einer fremden Welt und handelt doch von menschlichem Imperialismus. Und es gibt gute Gründe, warum "Citzen Kane" (1941) nicht Citizen Hearst heißt, obwohl es der Medienzar Randolph Hearst war, den Orson Welles in seinem Film porträtierte - richtig, aber nicht immer den Fakten treu: Er hatte ihn ja auch umbenannt; und die Geschichte mit dem Schlitten namens Rosebud ist einfach gut, auch wenn sie nicht stimmt. Die Erben von Hearst haben Welles inzwischen vergeben.

Was werden wohl die Bewohner der Zukunft über die Filme denken, die wir heute sehen? Vieles wird vergessen sein - alles, was sich nur durch Aktualität gerechtfertigt hat, landet auf dem Müllhaufen der Geschichte, wird bestenfalls noch einmal untersucht, um herauszufinden, wie wir tickten, als das Kino von der Traumfabrik zur Faktenverarbeitungsmaschine wurde. Reizüberflutete Krämerseelen werden sie uns vielleicht nennen am Ende des Jahrhunderts, so berauscht vom Informationsüberangebot, dass sie den Blick fürs Wesentliche ganz und gar verloren haben.