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Leopold Tyrmands Roman "Filip":Krieg im Foyer

Zerstörter Eiserner Steg in Frankfurt am Main

Versteck im Auge des Sturms: Auch Frankfurt am Main wurde im Zweiten Weltkrieg durch Luftangriffe der Alliierten beschädigt, hier der Eiserne Steg und die ebenfalls schwer beschädigte Altstadt um den Römerberg.

(Foto: SZ Photo/SZ Photo)

Der polnische Jude Leopold Tyrmand überlebte den Zweiten Weltkrieg als Kellner getarnt in einem Frankfurter Luxushotel. Jetzt wurde sein autobiografischer Roman "Filip" erstmals ins Deutsche übersetzt.

Von Moritz Baumstieger

Der Lebenslauf von Leopold Tyrmand ist so schillernd und rasant, dass es ein Rätsel ist, warum man in Deutschland bislang kaum von diesem Mann gehört hat. 1920 wurde er in Warschau in eine assimilierte jüdische Familie geboren, nach kurzem Studium in Paris und einer kurzen Zeit beim polnischen Widerstand geriet er in Gefangenschaft bei den Sowjets, konnte aber fliehen - und setzte sich ausgerechnet nach Nazi-Deutschland ab, mit gefälschten Papieren zum freiwilligen Arbeitseinsatz.

Gegen Kriegsende versuchte er dann, als Matrose auf einem Schiff nach Skandinavien zu gelangen, wurde wieder festgenommen, als er sich davonzustehlen versuchte. Aber er überlebte die Kriegszeit - im Gegensatz zu seinem Vater, der im KZ Majdanek ermordet wurde. In der Nachkriegszeit wurde Tyrmand Korrespondent, Bestseller-Autor, dandyhafter Gründer von Polens erstem Jazzclub und guter Bekannter von Marcel Reich-Ranicki, mit dem er sich etwa beim Skifahren in der Hohen Tatra ablichten lies.

Das alles kam bei vielen jungen Menschen in Polen hervorragend an, bei den kommunistischen Herrschern weniger. Zensur und Publikationsverbote waren die Folge für den Mann, den Polens Staatssicherheit in ihren Akten einmal als "Idol der Jugend" bezeichnete. Tyrmand floh abermals, dieses Mal mit echten Papieren und in die USA, wo er 1985 in Florida starb.

In Deutschland gibt sich die Hauptfigur als in Warschau geborener Franzose aus

Einen Roman über Tyrmands Leben muss niemand schreiben, das hat er schon selbst getan - immer wieder verwendete er Autobiografisches in seinen Büchern. Ein paar von ihnen, in denen Kritisches über das Sowjetsystem stand, wurden bereits vor Jahrzehnten ins Deutsche übersetzt. Für seinen Roman "Filip", in dem Tyrmand die wohl verwunderlichste Episode seines Lebens verarbeitete, interessierte sich hierzulande bislang jedoch niemand - obwohl er die Deutschen weit stärker betrifft.

"Filip" wird vom Verlag als Schelmenroman angepriesen, tatsächlich ist es die Geschichte einer Selbstbehauptung. "Siege liegen in der Kraft des Menschen", davon ist der 23-jährige Filip Vincel überzeugt, auch Siege über das Niederträchtige und das Unlösbare. Wie der Autor selbst ist die Romanfigur ein ehemaliger Architekturstudent, jüdisch, Pole, wie der Autor selbst gelangt sie zu der Überzeugung, dass es im "Auge eines Orkans" immer am ruhigsten ist. Also gibt sich Filip als in Warschau geborener Franzose aus, die beim Studium in Paris erworbenen Sprachkenntnisse reichen dafür locker.

Das Auge des Orkans, das ist im Roman wie in Tyrmands echter Geschichte das Parkhotel in Frankfurt am Main, ein vornehmes Haus, das in der kriegsbedingten Mangelwirtschaft des Jahres 1943 die noble Fassade zu wahren versucht. Ein geschickter Patissier zaubert aus Stärke und Geschmacksersatzstoffen Desserts, die zumindest raffiniert aussehen, aber nicht immer so schmecken. Eine internationale Kellner-Brigade - die deutsche Stammbelegschaft kämpft an fernen Fronten - poliert ihre ausgelatschten Halbschuhe auf Hochglanz und bürstet abends die dünner werdenden Fräcke aus.

Die Kellner aus Holland und Italien führen den Krieg mit ihren Mitteln

Dass sich mit der Frankfurter Verlagsanstalt nun ein am Handlungsort ansässiges Haus für den Roman interessierte und es endlich übersetzen ließ, ist nur logisch. Als der Verleger Joachim Unseld 2019 von diesem wunderlichen Buch erfuhr, bemühte er sich schnell um die Rechte. Warum es aber mehr als sechs Jahrzehnte dauerte, bis das Werk nach Deutschland fand, ist kaum erklärlich: Der Blick eines Außenseiters zeigt den großstädtischen Alltag im Zweiten Weltkrieg auf bisher kaum gekannte Weise - und Filip Vincels Selbstbehauptung gerät an vielen Stellen ziemlich komisch.

Die Kellner versuchen, kleine Siege über die verhassten Parteibonzen und Offiziere, Gauleitergattinen und Industriellen zu erringen, die im Parkhotel absteigen. Sie spucken in Kaffees, zwacken den Gästen zu viel von den wegen der allgemeinen Rationierung wertvollen Lebensmittelkarten ab und dem Arbeitgeber so häufig es geht eine Flasche raren Moselweins. "Es ist somit ganz selbstverständlich, dass ich ihnen die Finger in die Suppe stecken musste und mich freute, wenn die Finger gerade schmutzig waren", beschreibt der Protagonist seine Form von Widerstand, "das verlangte meine Würde von mir, meine Ehre, meine Menschlichkeit." Während die Alliierten den Krieg gegen die Nazis im Großen führen - in "Filip" vor allem aus der Luft, der Titelheld jubiliert über jedes Bombengeschwader, das seine Fracht über Koblenz, Mainz oder Offenbach abwirft -, führen ihn die Kellner aus Holland, Italien und auch der vermeintliche Franzose im ganz Kleinen und am Boden.

Dass er da eine ziemlich gewagte Wette eingegangen ist, weiß Filip. "Ich war mir der Unermesslichkeit der Scheiße, in der ich steckte, mehr als bewusst, und das erschien mir wundervoll", bilanziert er einmal nach dem Aufwachen. Tyrmands Held neigt nicht nur zu beständiger Selbstbeschau, vor allem analysiert er die Feinde, unter denen er nun lebt, mit fast schon ethnologischem Interesse.

Leopold Tyrmand

Leopold Tyrmand: Filip. Roman. Aus dem Polnischen von Peter Oliver Loew. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2021. 632 Seiten, 24 Euro.

(Foto: Frankfurter Verlagsanstalt)

Die Gestapo-Leute und Soldaten auf Heimaturlaub, die Schwarzmarktschieber in den Zuhälterkneipen, die Ladenbesitzer, die mit Pappmaché-Attrappen in den Schaufenstern über den immer drastischer werdenden Mangel hinwegzutäuschen versuchen. Als falscher Franzose kann sich Filip in fast jedem Milieu bewegen, ohne groß aufzufallen - misstrauisch beäugt wird seine Anwesenheit eigentlich nur von den Besuchern des Strandbades Mosler am Main, in dem die Kellner ihre Freizeit vertändeln, aufreizend braun gebrannt posierend in engen Badehosen.

Tyrmands Filip ist trotz allem, was um ihn herum passiert, ein junger Mensch. Der sich für Kino und Musik interessiert, für Mode und Marken, der einem heiteren Materialismus zuneigt, wann immer es der Mangel erlaubt. Darin und auch in seinem kontinuierlichen Kreisen um sich selbst und seine Gefühle wirkt er manchmal fast wie eine in die falsche Epoche geratene Figur der Popliteratur.

Filip interessiert sich nicht nur für die Menschen in Frankfurt als Feindbeobachter: Die Gefahr, wegen "Rassenschande" verhaftet und womöglich getötet zu werden, kann ihn nicht davon abhalten, die angeblich überlegene Moral der Deutschen mit ein paar Affären zu untergraben zu versuchen. Filip feiert auch an dieser Front seine kleinen Siege, zumindest bis er an die Grenzen seiner Abgebrühtheit stößt - und sich verliebt.

© SZ/fxs
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