"Fiktionen":Gegen die Tyrannei des Naturalismsus

Markus Gabriel bei der Vorstellung seines Buches Der Sinn des Denkens in der Stadtbibliothek Köln

Markus Gabriel, Jahrgang 1980, lehrt Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit und Gegenwart an der Universität Bonn. Allgemein bekannt wurde er mit seinem Buch „Warum es die Welt nicht gibt“ (2013).

(Foto: imago/Future Image)

Sind Einhörner wirklich real? Steht uns ein transhumanes Zeitalter bevor?Mit "Fiktionen" legt der Philosoph Markus Gabriel ein Grundwerk der Ontologie vor, das seinen brandaktuellen Gehalt nur zögernd freigibt.

Von Burkhard Müller

Kein Zweifel, die Welt bedarf der Besinnung über sich selbst. Und zwar vor allem angesichts der vorwaltenden Weltanschauung eines unreflektierten, aber herrischen Naturalismus, der sich zu Unrecht auf die Naturwissenschaften beruft und meint, gestützt auf deren praktischen Resultate, die atomistisch-analytische Methode auf schlechterdings alles übertragen zu dürfen, was zwischen Himmel und Erde und darüber hinaus der Fall ist; Widerspruch pflegt er tyrannisch abzufertigen.

Daneben halten sich zäh die alten Religionen samt ihrer privatistischen Schwundstufe, der esoterischen Spiritualität, die sich in einem grimmigen "Trotz alledem!" verschanzen und schon darum ihrem alten universalen Anspruch nicht mehr gerecht zu werden vermögen. Mit einem Wort, es wird auf der Welt viel zu wenig gedacht.

Da könnte neuerdings die Stunde der Philosophie schlagen. Als Wegbereiter eines neuen philosophischen Zeitalters gilt seit einiger Zeit Markus Gabriel, seinerzeit jüngster deutscher Philosophieprofessor und auch heute noch nicht älter als 40, der aber schon auf ein umfangreiches Œuvre zurückblicken kann. "Der Denker der Stunde", zitiert der hintere Umschlag eine Pressestimme, und der Klappentext kündigt das neue Buch als ein "philosophisches Grundlagenwerk" an, das nicht weniger leiste als die Errettung der im postfaktisch-digitalen Zeitalter fundamental bedrohten Wirklichkeit überhaupt.

Das weckt hohe Erwartungen. Der Leser hofft auf ein Produkt, das wissenschaftliche Gründlichkeit mit fasslichen Vorschlägen verbindet. Zu sagen, dass sich die Philosophie hier zwischen Skylla und Charybdis befinde, hieße die Lage simplifizieren; denn eigentlich sind es drei Ungeheuer, zwischen denen sie hindurchsteuern muss. Da ist erstens die Philosophiegeschichte, die sich aufgrund ihres rein archivalischen Auftrags der Wahrheitsfrage enthält und damit für eine breitere Öffentlichkeit uninteressant wird; zweitens das Orchideenfach, das angesichts seiner sachlichen Schwierigkeit und der scheinbaren Entlegenheit seiner Problemstellungen eine zwar scheu geachtete, aber weithin gemiedene Existenz führt wie die höhere Mathematik; und drittens die Versuchung, sich aufs ratgeberische Feld zu begeben, das Paradigma der Wahrheit gegen das der Weisheit auszutauschen und dem Publikum Halt und Hilfe bei der praktischen Lebensführung zu geben, der Weg, den Seneca und Richard David Precht einschlagen.

Hier argumentiert ein Anwalt des Augenmaßes und des gesunden Menschenverstandes

Um es vorwegzunehmen: Gabriel geht die Sache solide, aber ungeschickt an. Er startet mit einem Vorwort, in dem nicht weniger als 103 Personen gedankt wird. Warum hat er dieses Stück nicht ans Ende des Buchs gestellt, wo es hingehört? Es folgt eine Einleitung, die zusammenfassen soll, worum es in den einzelnen Kapiteln geht, dabei aber die Themen so stark komprimiert, dass sie dem Leser, dem sie doch den Eingang zu öffnen hätte, die Zugbrücke vor der Nase hochzieht.

Ein Satz wie "Auf diese Weise löst sich das eleatische Rätsel auf, weil die Aussage, ein bestimmter Gegenstand G oder eine Art von Gegenständen A (G) existiere nicht, G bzw. A (G) keine Eigenschaft zuspricht, die nur instanziiert sein kann, wenn der Gegenstand in dem Sinnfeld existiert, in dem man seine Abwesenheit zu konstatieren beabschtigt" ist bestimmt weder falsch noch sinnlos; das Problem entsteht, wenn zehn solcher Sätze hintereinander kommen. Der geneigte Leser sollte außerdem schon über einige Vorkenntnisse darüber verfügen, worum es beim eleatischen Rätsel geht und was es zum Beispiel mit dem Neo-Meinongianismus auf sich hat, der wiederholt in Erscheinung tritt.

Gern greift der Autor bei der Wiedergabe von Fakten zum Gestus des "bekanntlich", ein Wörtlein, das den Leser, der das Faktum eben nicht kennt, als Ochsen dastehen lässt. Damit hat der Autor (wohl eher gegen seinen Willen) starke Signale der Exklusion gesetzt: Laie, halte dich fern! Und so stellt sich die Frage: Für wen eigentlich ist das geschrieben?

Bestimmt wird sich die Fachöffentlichkeit über dieses Grundlagenwerk der Ontologie nicht zu beschweren haben. Aber indem es den wissenschaftlichen Prinzipien der Auseinandersetzung in solch ausdrücklicher, um nicht zu sagen, ausgewalzter Weise Genüge tut (es hat mehr als 600 Seiten), fällt es dem Ungeheuer Nummer zwei zum Opfer, dem Orchideenfach. Dabei handelt es doch von zwei Fragen, die ausnahmslos jeden betreffen: Stimmt es, dass alle Wahrheit und speziell alle Qualitäten, die den einzelnen Menschen auszeichnen, nur beliebig zuschreibbare und widerrufliche Konstrukte darstellen? Und: Steht uns wirklich ein transhumanes Zeitalter bevor, in dem entweder eine nicht menschliche Hyperintelligenz das Ruder an sich reißt oder ein wissenschaftlich komplett neu überholter Übermensch den Weg aus Tod, Beschränkung und Geschichte findet?

Darum geht es freilich erst im dritten und letzten Teil, der den Titel trägt "Sozialer Realismus". Teil eins und zwei haben es mit "Fiktionalem Realismus" und "Mentalem Realismus" zu tun, das heißt, mit klassischer Ontologie, einem Teilgebiet der Philosophie, das offenbar besonders viele Absurditäten gezeitigt hat, an welchen sich der Autor getreulich abarbeitet.

Die Ontologie indessen ist für den Nichtphilosophen wahrscheinlich der unergiebigste philosophische Bezirk überhaupt. Gibt es Einhörner oder gibt es sie nicht? Die Antwort darauf, so komplex sie im Einzelnen ausfällt, ist niemandem ernsthaft fraglich: Es gibt sie in einer sehr spezifischen Weise als Fantasieprodukt, das aber als solches durchaus wieder in die Lebensrealität zurückwirkt, wenn sich zum Beispiel ein kleines Mädchen um jeden Preis ein Einhorn wünscht und damit seine Eltern zur Verzweiflung treibt.

Gabriel erweist sich bei solchen und ähnlichen Themen stets als der Anwalt des Augenmaßes und des gesunden Menschenverstandes; aber da seine Gegner sich davon weit entfernen, muss auch er das Handgreifliche hinter sich lassen, wenn er sich auf ihre Spur setzt, um sie zu widerlegen. Er vertritt dabei eine "Sinnfeldontologie", kurz SFO, die, sehr verknappt ausgedrückt, das Einheitliche einer Weltanschauung durch die Vorstellung verschiedener wirklicher und wirksamer Teilbereiche ersetzt, die lose interagieren und niemals als Gesamtsystem beschrieben werden können. Das ist wenig, aber richtig.

Dass es so etwas wie "Sozialontologie" geben soll, leuchtet erst nicht so recht ein, dann aber umso mehr: Es geht darum, gewisse Tatsachen der Willkür interessegeleiteter An- oder Aberkennung zu entziehen und darauf hinzuweisen, dass es jenseits der zäh feilschenden und zankenden Lobbys doch so etwas wie Wahrheit und Wirklichkeit gibt, woran man nicht vorbeikommt. Gabriel beharrt (und das ist sein größtes einzelnes Verdienst) auf der "Unhintergehbarkeit" des Geistes, die er gegen den bornierten Positivismus, den "naturalistischen Überfall", ebenso wie gegen die sozialkonstruktivistische Relativierung verteidigt.

Der Autor hat uns viel zu sagen, tut aber sozusagen alles, damit das Wesentliche untergeht

An erster Stelle setzt er, egal was die Evolutionisten vom Affen im Anzug oder die Neurologen vom Bewusstsein als Funktion feuernder Nerven fabeln, unverrückbar die menschliche Freiheit. Und erst im Licht dieses Buchs erkennt der Leser, dass sich, bei aller sonstigen Unübersichtlichkeit und Widersprüchlichkeit, alle heute vorherrschenden Ideologien und Mythologien (zwischen denen Gabriel im Übrigen sauber und triftig unterscheidet) gewissermaßen verschworen haben, unsere Freiheit erst theoretisch in Abrede zu stellen und dann praktisch zu vernichten. Dabei liefert er viele schöne Beispiele einer ausdifferenzierten Eristik, das heißt Streitkultur, was für die Zukunft des Deutschen als Wissenschaftssprache doch gewisse Hoffnungen weckt. In hohem Grade lesenswert sind etwa jene Passagen, wo er Habermas in die Pfanne haut (was hier leider nicht ausgeführt werden kann); wer bis Seite 600 durchgehalten hat, wird reich belohnt.

Gabriel ist in der Vergangenheit polemisch angegangen worden, weil er allzu populär und trivial operiere, als übereifriger Streber und jugendlicher Frechdachs zugleich, und diese unfaire Kritik hat ersichtlich ihre Spuren hinterlassen: Das soll ihm niemand mehr vorwerfen können! Aber so verstrickt er sich tief ins Handgemenge mit den irrenden Kollegen - daran kann jene breitere Öffentlichkeit, an die er doch auch denkt, unmöglich Anteil nehmen.

Markus Gabriel hat uns viel zu sagen, tut aber sozusagen alles, damit das Wesentliche untergeht. Man möchte aus diesem Buch jenes zweite schälen, das drinsteckt und nicht herauskann. Es gibt ein Gedicht von Bert Brecht, "Die Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration", worin ein Zöllner auftritt, der den Denker bei einer Rast auf der Flucht dazu veranlasst, sein Wissen auf fassliche Art niederzuschreiben, damit es nicht verloren gehe, "denn wer wen besiegt, das interessiert auch mich". Einen solchen Zöllner wünscht man Markus Gabriel.

Markus Gabriel: Fiktionen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 636 Seiten, 32 Euro.

© SZ vom 05.08.2020
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