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Figuren-Theater:Der Krieg als Kinderspiel

Das 20. Internationale Figuren-Theater-Festival in Erlangen, Fürth, Nürnberg und Schwabach setzt seine Besucher einem Strom von hoch renommierten Produktionen aus

Von Sabine Leucht

Eine gigantische Überforderung: 71 Kompanien und Einzelkünstler - davon 35 einheimische und 36 aus aller Welt - produzieren 11 300 Veranstaltungsminuten in vier Städten! Wenn auch nicht unbedingt im kleinen Schwabach, wo nur zwei Produktionen zu sehen sind, oder wenn man in Fürth und damit bei den eher klassisch-literarischen Stoffen bleibt. Doch schon, wer nur durchs Festivalzentrum Erlangen hoppt, wo alle zwölf Spielstätten maximal zehn Gehminuten trennen, hat vom 19. bis 28. Mai allerhand zu tun. Bodo Birk, der das Figurentheaterfestival Erlangen, Fürth, Nürnberg und Schwabach seit 2003 leitet, spricht lieber als von "Überforderung" von der Chance, für mehrere Tage aus dem Alltag abzutauchen - vom "Festivalflow" und von "Erschöpfungszuständen um 24 Uhr", denen er selbst seine intensivsten Theatererfahrungen verdankt. Dieser Moment, wenn sich im euphorisierten oder auch total entnervten Zustand aus den rot glühenden Synapsen das eine Bild oder die eine große Erkenntnis löst!

Ausgewähltes Mischfutter für Augen und Hirn gibt es auch bei der 20. Ausgabe des Publikums-Festivals genug, dessen Organisationsform (das gesamte Leitungsteam besteht aus Angestellten der Kulturreferate der programmautonomen Städte) einzigartig sein dürfte - und nicht nur personell einzigartig stabil. Bis auf das Jahr 2011, als der Stadtrat seine Zuschüsse auf Null herunterfuhr und Siemens als Großsponsor in die Bresche sprang. Birk aber spürt nach all den Jahren "kein bisschen Routine" - und überdies, sagt er, sorge auch das Theater selbst dafür, dass das Erlanger Programm "jung bleibt". Heuer sind allein 47 Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche geboten, aber auch beständige Entdeckungsreisen an den Genre- und Spartengrenzen.

Das Fest schreibt sich seit diesem Jahr "figuren.theater.festival". Die Punkte zwischen den Substantiven sind nicht zufällig da hineingeraten: Die Genrebezeichnung "Figurentheater" soll damit aus dem Titel der Biennale genommen werden. Denn das Festival ist mit Kollektiven wie der Needcompany, Berlin (beide Belgien), Akhe (Russland), dem Wahrnehmungsmanipulator Pieter Ampe oder mit Miet Warlop, die in ihrer Musiktheaterproduktion "Fruits of Labour" "nach der Seele der Dinge" zu greifen versucht (Warlop über Warlop), überraschend ähnlich programmiert wie etwa das Münchner Performance-Festival Spielart. Auch dort ist Philippe Quesne oft zu Gast, dessen übermannsgroße und sehr rührigen "Maulwürfe" am Freitag mit einer Mittagsparade am Erlanger Rathausplatz das Festival eröffnen.

"Manchmal", sagt Birk, "erlauben wir uns etwas zu zeigen, einfach weil wir es spannend und wichtig finden." Bei den meisten Produktionen aber erschließt sich der Zusammenhang zum Figurativen. Zumal jedes Bild, in das Performer eintauchen, jedes Ding, das mehr ist als Bühnenbild oder Requisit, jeder autonome, nicht bloß atmosphärische Ton zum dramaturgisch wichtigen Element werden kann. Etwa wenn der österreichische Choreograf Chris Haring in "Foreign Tongues" Körper und Stimmen voneinander entkoppelt oder in der Erlanger Variante von Rimini Protokolls "Remote X" eine computergenerierte Stimme eine Zuschauergruppe durch die Stadt führt. Dann ist das - so Birk - "natürlich eine Figur". Ebenso wie die (Medien-)Bilder, deren Verführungskraft der libanesische Künstler Rabih Mroué in seinen szenischen Lectures befragt.

71 eingeladene Gruppen: Allein die Zahl spricht schon gegen ein Best-Off. "Wir wollen die Bandbreite aufzeigen", sagt Birk. Und da haben die Erfinder des "Cinematographic Theatre" Meinhardt Krauss Feigl mit ihren oft etwas verkopften Multimedia-Installationen ebenso ihren Platz wie das Basteln riesiger Origami-Figuren mit Frank Bölter und die zweifelsfrei als Figurentheater erkennbaren Produktionen der Nürnberger und Erlanger Lokalmatadoren Thalias Kompagnons und Theater Kuckucksheim. Der unbestrittene Meister der Klappmaulpuppen und differenzierten Beziehungsauslotung zwischen Figur und Spieler ist Neville Tranter. Er kommt mit seiner "Mathilde" im Altersheim wieder zum Festival. Zudem führt er erstmals "Babylon" auf, ein Stück, das Flüchtlingsdramen ebenso wie die griechische Tragödie kreuzt (20. Mai, Redoutensaal).

Tranter-Schüler Nikolaus Habjan hat wie 2015 wieder seinen "Friedrich Zawrel" im Gepäck und seine ganze Liebe zu diesem durch nichts von seiner Güte und seinem Humor zu heilenden Menschen. Außerdem zeigt der Grazer Alleskönner seine bitterböse Kreisler-Revue "Schlag sie tot" und (als Regisseur) eine Faust-Version für junges Publikum ("Next Liberty", nur am 25. Mai im Stadttheater Fürth). Dem Festivalleiter besonders am Herzen liegt der hierzulande noch weniger bekannte Ariel Doron aus Israel, dessen "Plastic Heroes" wie die Tranter-Produktionen in Erlangen, Nürnberg und Fürth zu sehen ist: "Eine kleine Performance, die auf einem Tisch nur mit Kinderspielzeug Gewalt- und Kriegsszenen nachstellt" und damit so berührt, dass sie für Birk exemplarisch für das steht, was nur richtig gutes Figuren- und Objekttheater schafft: Dorons am "tjg Dresden" herausgekommenes Puppenhinrichtungsstück "Besuchszeit vorbei" (27. und 28. Mai in Erlangen), brachte bei seiner Premiere das geschockte Publikum so weit, dass es die Exekutionen zu unterbinden suchte.

20. Internationales Figuren-Theater-Festival; in Erlangen, Nürnberg, Fürth und Schwabach, 19. bis 28. Mai, www.figurentheaterfestival.de

© SZ vom 18.05.2017
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