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"Fidelio" in London:Wer hat geschossen?

Probleme benennen, aber nicht lösen: Tobias Kratzer versucht in London, seine "Fidelio"-Inszenierung mit einem einzelnen, genialen Einfall zu retten.

Von Reinhard J. Brembeck

In Ludwig van Beethovens "Fidelio" wird eigentlich nicht geschossen. Am Königlichen Opernhaus in London fällt zwanzig Minuten vor Schluss dennoch ein Schuss, worauf der Schuft Pizarro am Arm getroffen und durchs weiße Hemd theatralisch blutend hinstürzt. Verblüffung im trotz Coronavirus vollbesetzten Saal. Vollbesetzt, weil schließlich der vergötterte Jonas (Kaufmann) singt, der sich zwar wegen Indisposition entschuldigen lässt, aber dennoch nicht viel anders klingt als sonst. Aber bitte: Wer hat da geschossen?

Ginge es nach dem Libretto, das der Regisseur Tobias Kratzer sehr oft sehr genau nacherzählt, dann müsste es die als Fidelio vermännlichte Titelheldin Leonore sein, die den Schurken per Pistole am Mord an ihrem in geheimer Einzelhaft gehalten Ehemann hindern will. Doch diese Pistole haben des Schuftes Helfershelfer schon zuvor bei der Leibesvisitation gefunden, bevor der falsche Fidelio als Gefängniswärter überhaupt in den Hochsicherheitstrakt durfte. Wer also schießt da in London?

Tobias Kratzer verlegt den "Fidelio" von Sevilla nach Frankreich in die erste wirre Zeit nach der Revolution von 1789 und macht einen Akt lang hemmungslos auf historisches Kostümstück. Düster ist der von Rainer Sellmaier gebaute Gefängnishof mit der riesigen Tricolore überm Eingangstor. Zottelig-dubios sind die hier tätigen Revolutionäre, die sich in nichts von den Gefangenen unterscheiden. Gleich zu Beginn kommt ein Korb mit den Häuptern der frisch Guillotinierten auf die Bühne, deren Frauen kreischen, während die Wachen feixen. Der Terror wirkt wie Pappmaché-Schrecken peinlich aufgepappt, und die Gemütlichkeit der Genreszenen im Wächtermilieu wird durch das mangelnde Engagement von Hausdirigent Antonio Pappano nur noch unterstrichen.

Der zweite Teil der Oper hat die Regisseure schon immer mehr fasziniert als der erste

Wie die große Mehrheit seiner Kollegen kann Pappano mit dem ersten Teil des "Fidelio" rein gar nichts anfangen. Die schlichte und hoffnungslose Biedermeierliebe der Marzelline zu Fidelio ist ihm genauso fremd wie die ungelenke Eifersucht des Schließergehilfen Jacqino und die pragmatisch geldgierige Kriecherei des Gefängnisdirektors. Pappano, dieser sonst so wunderbare Dirigent, winkt diese wenig inspirierten Petitessen agil durch wie lästiges Kleinvieh.

FIDELIO_ ROYAL OPERA, ROH Covent Garden, Cast Leonore; Lise Davidsen, Florestan; Jonas Kaufmann, Rocco; Georg Zeppenfeld, Don Pizarro; Simon Neal, Marzelline; Amanda Forsythe, Jaquino; Robin Tritschler, Don Fernando; Egils Silins, First Prisoner; Filipe M

Übermächtig: Lise Davidsen am Royal Opera House in London als Leonore.

(Foto: Bill Cooper/Royal Opera)

Erst mit dem Auftritt Pizarros und dessen wutschnaubender Rachearie kommt Furore in Pappanos Dirigieren. Genauso dann in der großen Kampf- und Verzweiflungsarie der Leonore. Lise Davidsen ist der von allen beklatschte Publikumsliebling dieser Sonntagnachmittagspremiere. Sicher und schnörkellos setzt diese groß gewachsene Frau ihre Töne, Beethovens manchmal aberwitzig unvokale Linien beeindrucken sie nie, sie ist jedem Fortesturm des Orchesters gewachsen. Schmelz aber ist nicht wirklich ihre Sache. Langsam dämmert dabei Marzelline, dass mit diesem Fidelio etwas grundsätzlich nicht stimmt, dass er voll der Lüge ist, dass es nie ein Liebespaar Marzelline-Fidelio geben wird. Amanda Forsythe zeichnet die menschlichste Gestalt dieser Aufführung, sie gibt Marzellines Größe zart und unwiderstehlich, auch gegen Pappanos Desinteresse. Und schon ist der Gefangenenchor auf der Bühne, lamentiert und warnt vor Staatsspionen. Pause. Große Enttäuschung. Wer aber hat geschossen?

Wer letztes Jahr Tobias Kratzers grandiose Inszenierung von Wagners "Tannhäuser" in Bayreuth erlebt hat, wie da der Titelheld unbekümmert und voller Witz durch die Geschichte, das Heute und die Psyche seines Sänger- und Frauenhelden kutschierte, der will nicht glauben, dass der gleiche Kratzer jetzt diese vorabendserientaugliche Geschichtsoberflächlichkeit angerührt haben soll. Doch nach der Pause wird erst einmal alles besser, wird alles in verblüffender Weise heutig.

Der Chor sitzt jetzt modern schwarz gekleidet um einen unförmigen Dreckhaufen herum, auf dem Jonas Kaufmann als Leonores Liebesobjekt Florestan im Zottellook von 1791 angekettet ist. Kratzer ist Moralist. Mit dem Chor meint er das Publikum und die gesamte Weltöffentlichkeit, die dem Leid fasziniert, staunend, verblüfft und manchmal auch gelangweilt Schokolade kauend zusieht. Ganz egal, ob da Syrer totgebombt werden, Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, Coronakranke oder Opernhelden sterben. Alles eins, Botschaft angekommen.

FIDELIO_ ROYAL OPERA, ROH Covent Garden, Cast Leonore; Lise Davidsen, Florestan; Jonas Kaufmann, Rocco; Georg Zeppenfeld, Don Pizarro; Simon Neal, Marzelline; Amanda Forsythe, Jaquino; Robin Tritschler, Don Fernando; Egils Silins, First Prisoner; Filipe M

Der ewig Leidende und der Publikumsliebling der Premiere: Jonas Kaufmann und Lise Davidsen.

(Foto: Bill Cooper/Royal Opera)

Jonas Kaufmann singt (krankheitsbedingt) seine Arie verhalten, er ist wie gewohnt der ewige Leidensmann, der allerdings gegen die übermächtige Lise Davidsen nicht bestehen kann. Dann kommen nacheinander in ihren historischen Kostümen Fidelio, der Gefängniswärter, der Schuft, die Musik wird immer dramatischer und verzweifelter, Pappano gibt sich immer engagierter. Dieser zweite "Fidelio"-Teil hat schon immer alle Dirigenten, Zuschauer, Regisseure mehr fasziniert als der Rest. Und als der Schuft dann Florestan erstechen will, fällt endlich der erlösende Schuss. Doch wer schießt?

Plötzlich ist Marzelline aufgetaucht mit einer Trompete in der einen Hand, in der anderen aber die Pistole, die die Wachen zuvor bei Leonore sichergestellt haben. Marzelline schießt den Schuft zusammen. Es ist dies ihr letzter und größter Liebesbeweis für den falschen Fidelio, der ihr Liebe vorgespielt hat, nur um die eigene Liebe zu retten. Aber in London ist es Marzelline, die diese fremde Liebe rettet, die die eigene unmöglich macht. Es ist ein grandioser und grandios bitterer Moment. Er bestätigt Kratzer als jenen Ausnahmeregisseur, als der er sich mit dem Bayreuther "Tannhäuser" empfohlen hat. Bitter daran ist, dass sich Kratzers Regie letztlich auf diesem genialen Einfall ausruht, dass er ansonsten bloß die Probleme dieses schwierigen Stücks benennt, aber keines löst und ansonsten recht bieder und gewöhnlich Oper macht. Und Pappano schmettert dazu das finale "Heil"-Gebrüll unerträglich affirmativ und laut in den Raum. Gut aber ist gar nichts, weder in diesem Stück noch in der Welt. Daran ändert auch der eine erlösende Schuss nichts.

© SZ vom 03.03.2020
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