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"Feuerwerk am helllichten Tage" im Kino:Annäherung an den westlichen Existenzialismus

Ein Triumph der Berechenbarkeit? "Es gibt einen wachsenden Bedarf an Arthouse-Filmen bei uns", sagt Diao Yinan. "Ich glaube, mein Film ist der kommerziellste Kunstfilm. Oder vielleicht der artifiziellste Kommerzfilm."

Die großen, weltweit gerühmten Filmemacher aus Chinas Fünfter Generation hatten jahrelang auf den Festivals international gewaltigen Erfolg, Chen Kaige und Zhang Yimou. Als sie dann anfingen, populäre Filme zu machen, chinesische Blockbuster, verschwanden sie allmählich aus den Festivalkonkurrenzen.

Das Zusammengehen von Kunst und Kommerz hat den chinesischen Markt und seine Filmbürokratie radikal verändert, das werden auch die Amerikaner noch merken, die gerade auf den Markt vorstoßen - die "Transformers" haben in China aktuell schon mehr eingespielt als im Heimatland.

Jahr für Jahr wird von der Motion Picture Association of America in zähen Verhandlungen versucht, endlich die Quote zu erweitern, die für Kinoimporte gilt. Der Bauboom im Land erstreckt sich natürlich auch auf die Kinos und Cineplexe, das Expansionspotenzial ist unermesslich.

In seinen neuen Helden hat das chinesische Kino sich dem westlichen Existenzialismus angenähert. Ihr Handeln ist nicht länger im Einklang mit der Gesellschaft, von Idealen nicht mehr dirigiert. Sie sind Einsamkeitsexzessen ausgesetzt, ziehen die Nacht dem Tage vor, laborieren an unbestimmter Tristesse.

Die Zerstückelung ist ein trauriges Sinnbild dieser Situation. In einer Szene auf einem Riesenrad wiederholt sich das unproduktive Nebeneinander vom Paarlaufen, man sitzt Seite an Seite in der Gondel und schaut aus der Höhe über die Stadt. In der Ferne sieht man ein Vergnügungslokal, es heißt Feuerwerk am helllichten Tage. "Feuerwerk am helllichten Tage" ist die Übersetzung des chinesischen Originaltitels.

Die faszinierende Figur des Losers

In Berlin ließ der Regisseur seinen Film unter dem Titel "Black Coal, Thin Ice" laufen. Die Titel sind vielsagend gemeint, aber durchaus ironisch. Feuerwerk am helllichten Tage, sagt Diao Yinan, ist eine Metapher für das Verlangen des chinesischen Volkes nach Katharsis. Also eine Kontradiktion.

Das Genre des Film noir blüht immer auf in Gesellschaften, die mit Destabilisierung zu kämpfen haben, die aus dem Gleichgewicht geraten sind - damals in der amerikanischen Nachkriegszeit, nun in der übersteigerten Kapitalisierung der chinesischen Produktionsbedingungen.

Die wirtschaftlichen, politischen, ideologischen Systeme können den emotionalen Haushalt nicht mehr regulieren. Einzelgänger, Vigilanten betreten die Szene, wie man es im neuen Film von Jia Zhangke, "A Touch of Sin", erlebte. Auch China wird lernen müssen, mit der faszinierenden Figur des Losers zu leben.

Bai ri yan huo, China 2014 - Regie, Buch: Diao Yinan. Kamera: Dong Jinsong. Schnitt: Yang Hongyu. Musik: Wen Zi. Mit: Liao Fan, Gwei Lun Mei, Wang Xuebing, Yu Ailei, Wang Jingchun, Ni Jingyang. Weltkino, 106 Minuten.