"Feuchtgebiete"-Lesung mit Charlotte Roche Wir finden uns doch alle heiß

Charlotte Roche spricht, wie sie schreibt: kindlich. Mit ihrer bewusst unbeholfenen Art nähert sie sich ihren Fans bis auf Freundinnen-Ebene. Die Emanze zum Anfassen, ganz ohne böse Attitüde Männern oder gar der Gesellschaft gegenüber. Wir wollen doch nur Spaß, allerdings ein bisschen schmutzigen, wenn's geht. Denn sauber und sexy, das sind schon die anderen, davon hat die glitzernde Heidi-Klum-Welt, die viel eher zum Erbrechen ist, genug reproduziert. Das hier ist anders, das ist echt. Man wägt sich fast in einem Viva-Studio, das Publikum voller pubertierender TV-Junkies, die Scheinwerfer heizen die Stimmung an.

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"Ich bin die neue Erika Berger"

Da meldet sich ein Grauhaariger, fragt, ob er kurz auf die Toilette gehen dürfe, weil ihm so heiß geworden sei. "Wenn wir alle mitgehen dürfen?", lispelt Roche. Später wird sie weiteren alleinstehenden Herren anbieten, sie nach der Lesung näher kennenzulernen. Das ist das Spiel: Wir reden möglichst schmutzig über Sex, wie nach einem bierseligen Abend unter Freunden, wir finden uns doch alle heiß.

Am Ende wird die Autorin allerdings verkünden, dass ihr nächstes Buch nicht von Sex handeln wird, sondern vom Münzensammeln. "Weil ich es nicht so schlimm finde, wenn mir Münzensammeln im Privaten verdorben wird." Schließlich habe sie seit Januar über nichts anderes als über Sex geredet. Mit Journalisten, vor der Kamera, mit dem Publikum. Da bliebe nicht mehr so viel Lust übrig für zu Hause. Wir tun ja nichts, wir wollen ja nur spielen.

"Ich werde jetzt schon als die neue Sex-Expertin gehandelt, ich bin die neue Erika Berger", empört sich die ehemalige Viva-Moderatorin. "Ich soll Sex-Ratgeberin für Jugendliche im Fernsehen werden, das finde ich sehr lustig, wie kommen die da drauf?" Na, wie wohl?

Dadurch, dass Charlotte Roche sich gleichzeitig ironisch von ihrer Aufklärungsarbeit distanziert, hat sie einmal mehr das Publikum auf ihrer Seite. Und kann danach unter Beifall wieder verkünden, dass es ihr eigentliches Ziel sei, gegen die frisch glänzende Werbewelt anzugehen, in der Frauen stets unbehaart und wohlduftend umhertänzelten. "Ich wollte mit der Romanfigur Helen Memel eine Figur schaffen, die sich von solchen Mustern befreit", erklärt sie den Stuttgartern.

Bei der anschließenden Autogrammstunde ist sie wieder die Klassensprecherin, als hätte sie gerade eine flammende Rede gehalten und würde nun von jüngeren Schülern bedrängt, die ihr zur Wiederwahl verhelfen wollen. "Es leben die Achselhaare!", schreibt sie auf Wunsch auf Plakate mit ihrem Konterfei. Wenn Deutschland einen neuen Feminismus hat, dann trägt er tatsächlich das Gesicht von Charlotte Roche. Ob ihm das nun gefällt oder nicht. Denn einen Dienst hat die Autorin mit dem Spitzbubenlächeln ihren Geschlechtsgenossinnen mit Sicherheit erwiesen: Sie stellt Rollenklischees auf pikantem Gebiet definitiv in Frage. Und ihre Fans schließen sich an.