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"Feuchtgebiete" am Theater:Vom Terror der Körperlichkeit

Maximale Aufmerksamkeit bei minimaler Erwartung: Charlotte Roches Skandal-Bestseller "Feuchtgebiete" ist auf der Bühne klüger als die Romanvorlage.

Annabel Dillig in Bildern

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Feuchtgebiete, ddp

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Da liegt sie in weißen Nierenschalen: Helen Memel, in siebenfacher Ausführung. Die hämorrhoidal gebeutelte Romanheldin der "Feuchtgebiete" wird von sieben Schauspielern verkörpert: vier Männer und drei Frauen in blütenweißen Feinripp-Unterhosen und BHs aus Mullbinden, kindlich eingerollt, verliebt-versunken in die eigene Anatomie. Am Ende werden sie mit blut- und erdverschmierter Unterwäsche wieder in ihre Wannen steigen - und trotzdem eine Inszenierung hinter sich haben, die reinlicher nicht hätte ausfallen können.

Foto: ddp Text: Annabel Dillig/ SZ vom 30.09.2008/sst

Charlotte Roche, ddp

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Charlotte Roches "Feuchtgebiete" haben sich inzwischen mehr als eine Million Mal verkauft, und es war nur eine Frage der Zeit, wer das Skandalwerk zuerst auf die Bühne bringt. Dass ausgerechnet das Neue Theater Halle den Zuschlag für die Uraufführung erhielt, ist, so heißt es, auf die Bekanntschaft der Regisseurin Christina Friedrich mit Charlotte Roche zurückzuführen.

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Feuchtgebiete, dpa

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Seit Wochen sind die Vorstellungen ausverkauft: maximale Aufmerksamkeit bei minimaler Erwartung eines Publikums, das bereits vor der Premiere freudig feixte, wie die bevorstehende Illustration der Stichwörter Analfissur, Muschischleim und Popelverzehr auf der Bühne wohl aussieht. Doch dazu kam es nicht, denn Regisseurin Christina Friedrich lässt sich gar nicht erst ein auf Roches ausufernde Selbstbefriedigungspostulate.

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"Eine Art sexueller Überforderung von sich selbst", hat Charlotte Roche ihrer fast zwanghaft experimentierfreudigen Heldin attestiert. Helen Memel ist eine, die sich mit ihrer Freizügigkeit für größere Herausforderungen des Lebens stählen will als für sexuelle.

Wenn im Buch seitenlang beschrieben wird, was alles Helen sich vaginal einführt, von Duschköpfen über Rasierer bis zu ungereinigten Grillzangen, wird das entweder nicht erwähnt, verkürzt oder ironisch so gebrochen, dass es nicht mehr weh tut. Einmal werden dem Chor, der gerade Helens versaute Lieblingsvokabeln intoniert, Sätze untergejubelt, die dem Medienrummel um das Buch entstammen: der Beweis, dass man sich in Halle bewusst war, wie schmal der Grat zur Peinlichkeit ist.

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Offenbar hat die Regisseurin aus dem Mario-Barth-Effekt der "Feuchtgebiete"-Lesungen gelernt: Wenn das Tabu zum Kollektiverlebnis wird, mag vielleicht befreit gelacht werden, aber was so offenherzig daherkommt, ist doch nur doof und banal.

Christina Friedrich macht aus dem Text ein Kondensat extremer Schmerz- und Lusterfahrungen einer jungen Frau - und nimmt Roches Figur damit ernster als die Autorin selbst. In einer szenischen Collage, die immer wieder den Halt zu verlieren droht und der ein Nicht-Kenner des Buchs kaum folgen kann, oszilliert die Inszenierung unentschieden zwischen Komik und Tragik. Helens physischer Schmerz wird dabei im Jetzt des Klinikaufenthalts verortet, ihr psychischer im Verarbeiten traumatischer Familienerlebnisse.

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Trost im sterilen Krankenhausalltag spendet Pfleger Robin, der bald zum Fixpunkt analer Sexphantasien wird. Am Ende gehen die beiden nicht nur in eine der im Bühnenboden eingelassenen Wannen zurück, sondern einer gemeinsamen Zukunft entgegen. Dass sich die radikale, von körperlichen und weiblichen Rollenerwartungen emanzipiert gebende Helen am Ende in die Arme eines professionellen Kümmerers wirft, ist noch immer der größte Skandal des Buchs.

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Die Metaebene von Roches Text, das Anprangern eines fehlgeleiteten Körperverständnisses, vermittelt das Stück durch jene programmatischen Sätze, die sich überall im Buch finden und die kompiliert - mal durch den Chor, mal szenisch, mal in Songs - dargestellt werden. Durch diese Textmontage entstehen neue Zusammenhänge und ein Tiefgang, den das Buch nicht bietet.

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Das vielleicht schönste Bild der Inszenierung ist, wenn Ines Schiller als Helen ganz selbstverständlich ein Stück rohes Fleisch verzehrt, das ihr operativ entferntes Furunkel symbolisiert: So zeigt die Regisseurin das radikale Annehmen des eigenen Körpers in Schmerz und Lust, die autoerotische Selbstvergewisserung einer Frau - stellvertretend für eine Generation, die auf den medial vermittelten Terror der Körperlichkeit verunsichert reagiert.

Ja, die Bühnenfassung ist klüger als ihre Vorlage. Aber was heißt das schon? Man möchte sich ein Feuchtgebiet für das Theater wünschen, wo sich eigene Ideen vermehren wie Helens Bakterien auf dem Krankenhausflur. Ein Biotop schlauer, schmutzig-schöner Stoffe, nur fürs Theater.

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