Süddeutsche Zeitung

Festspiele:Statt Seelenschau nur Fernsehrealismus

In Salzburg inszeniert Simon Stone Luigi Cherubinis Oper "Médée" am Kern der Tragödie vorbei. Elena Stikhina singt eine verzweifelte Titelheldin. Aber kann sie den Mord an ihren Kindern beglaubigen?

"Aber die Liebe kennt keine sicheren Orte." Das lässt Regisseur Simon Stone als Teil einer Sprachnachricht auf die Bühne des großen Salzburger Festspielhauses projizieren, es ist die Hauptthese seiner Inszenierung von Luigi Cherubinis selten gespielter Liebesfiasko- und Kindermordoper "Médée" (1797), die erst durch das Engagement von Maria Callas wieder ins Bewusstsein der Musikwelt geriet. So zeitgeistig wahr dieser Satz sein mag, die Protagonistin hätte ihm heftig widersprochen. Denn Médée, die einst der griechische Großdramatiker Euripides als die mit übernatürlichen Kräften begabte Medea weltberühmt machte, kennt und anerkennt nur die Liebe als sichere Konstante ihres Lebens.

Welch verheerende Urgewalt die Liebe ist, erfährt Medea, als der Ausländer Jason den Staatsschatz ihres Schwarzmeerstaates Kolchis rauben will. Sie liebt, sie hilft, sie stellt sich gegen ihre Familie, sie mordet ihren Bruder - aus Liebe. Jahre später, als Jason sie verlassen hat, mordet sie weiter aus Liebe. Nicht ihn, den Treulosen, das wäre ja keine Strafe für ihn. Sondern dessen neue Gattin samt deren Vater und die Kinder, die sie von Jason empfangen hat. Das Euripides-Drama ist deshalb so aufwühlend beklemmend, weil, wer es liest oder sieht, begeistert zugeben muss, dass Medea völlig recht hat und absolut richtig handelt. Diese Suggestionskraft erreicht dann keine der vielen nachgeborenen Medea-Versionen mehr mit Ausnahme des Pasolini-Films mit Maria Callas.

Der Regisseur bringt ein Immigrationsschicksal auf die Bühne

Simon Stone aber will dezidiert anderes. Er möchte keine mit Zauberkräften ausgestattete Überfrau. Er möchte die schlichte Emigrantin aus dem Osten, verheiratet mit einem Salzburger Upperclassschnösel, der sie wegen einer Jüngeren, einer Einheimischen, sitzen lässt. Médée muss dann als unerwünschte Ausländerin in die Ex-Heimat zurück, sie wird bei der Rückeinreise nach Österreich von den Behörden drangsaliert, sie läuft Amok, sie gibt den Kindern Schlaftabletten und fackelt sich mit ihnen im Auto an einer Tankstelle ab. So zeigt das Stone, dieser als neuer Wunderregiemann gehypte Theatermacher, in riesigen Schwarz-Weiß-Film-Projektionen und in einem rasch wechselnden Reigen von Salzburger Alltagsorten, die Bob Cousins detailverliebt realistisch hingebaut hat.

Nun ist Realismus in der unrealistischen Kunstform Oper mit ihrer sowieso unrealistischen Musik immer eine lästige Beschränkung. Auch in Salzburg. Letztlich verhindert der Realismus, den jeder Besucher 24 Stunden am Tag erleidet, dass der Regisseur ein modernes Pendant zu der schon in der Antike unrealistischen Medea findet. Stone rechnet eine mythologisch nichtmenschliche Gestalt, in der Grundkonflikte menschlichen Daseins mit furchtbarer Härte ausgetragen und entschieden werden, auf ein alltägliches Frauen- und Immigrationsschicksal herunter. Die sind schlimm, fallen aber zuerst nicht in den Bereich der Kunst, sondern in den von Institutionen, die mit dergleichen allzu oft überfordert sind oder zynisch kneifen: Kirchen, Innen- und Sozialministerien, Presse, Wohlfahrtsverbände, Hilfsorganisationen und das Ego jedes einzelnen Bewohners der Ersten Welt.

Simon Stone inszeniert wie ein Sozialarbeiter. Er benennt dieses Frauenschicksal, zeigt den Weg in die wachsende Verzweiflung. Nie aber geht er einen Schritt weiter. Stets bleibt er an der Oberfläche. Seine Bilder sind am Gefühlsleben der Protagonistin unbeteiligt. Ihre Radikalisierung, ihr erster Mord an der Serviererin, dann an Jasons neuer Gattin, zuletzt an den Kindern: Es sieht harmlos und unbeholfen aus. Weil Stone nie den Sprung vom billigen TV-Realismus zur Seelenschau und Menschendurchleuchtung schafft.

Vielleicht hat Stone all das der Musik überlassen wollen, die ja für solche Projekte unübertrefflich die Nummer eins ist. Das Kalkül ist, falls es bestand, nicht aufgegangen, weil sich die Musik genauso wenig um das von Cherubini avisierte Drama kümmert wie das Bühnenteam. Elena Stikhina singt die Médée leidenschaftlich engagiert, traditionell. Sie zeigt eine zunehmend verzweifelte Frau. Sie bringt aber nicht jene Intensität und Verstörung auf, dass sie den Mord an den eigenen Kindern beglaubigen könnte. Um das zentrale Moment des Stücks macht Elena Stikhina genauso einen Bogen wie Simon Stone. Pavel Černoch singt den Jason, wie alle französischen Tenorpartien sehr hoch gesetzt, etwas angestrengt und freudlos fahl. Seiner neuen Flamme Dircé gibt Rosa Feola von Anfang an Ruhe und Angst mit, ihr Vater Créon gerinnt bei Vitalij Kowaljow zum grauen Apparatschik. Alisa Kolosova als Médées Vertraute ist ein Lichtblick. Ihr Mitgefühl für die Herrin und die Kinder, ihre Einsicht in die unnötige Eskalation schwingt frei im Gefühl aus.

Die Wiener Philharmoniker begleiten hölzern, häufig viel zu massiv. Raffinierte Klangmischungen, Abgründe, Schrecken, Sinnlichkeit, Leichtigkeit, Vision sind sehr selten. Dirigent Thomas Hengelbrock bemüht sich stets um Leidenschaft, zielt also in die gleiche Richtung wie Stone. Alle verkleinern ein Menschheitsdrama auf einen oberflächlich berichteten Amoklauf aus Verzweiflung.

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SZ vom 01.08.2019
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