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Festspiele:Rasche Erlösung

Parsifals Schwan - Katharina Glas - lebt. Und wie.

(Foto: Xiomara Bender)

Gustav Kuhn dirigiert Wagners "Parsifal" in Erl

Jetzt haben sie es geschafft, aus Erl ein Tiroler Bayreuth zu machen. Im Festspielhaus wird hier zu Ostern Wagners "Parsifal" gezeigt, in der Produktion, die 2006 im Passionsspielhaus - vulgo: "Zwölfapostelsilo" - nebenan herauskam. Da es aber an Ostern in den Bergen saukalt ist und sich der Silo nicht heizen lässt - deshalb und wegen der Kollision mit den Passionsspielen alle paar Jahre gibt es ja das Festspielhaus überhaupt - wanderte "Parsifal" ins neue Haus. Dieses hat zwar den größten Orchestergraben der Welt, aber nur 800 Plätze, was bedeutet, dass ein offenspielendes Wagnerorchester viel zu laut hier drin wäre. Also kam ein Deckel auf den Graben, der nun wirklich so wirkt wie der in Bayreuth, nur lauter ist es hier immer noch, aber das ist großartig.

Denn egal wie voluminös das Orchester spielt, dank der sehr unmittelbaren Akustik des Hauses können sich die Sänger jederzeit durchsetzen, man versteht sogar annähernd jedes Wort. Das sorgt für ein ungeheuer theatralisches Erlebnis, selbst beim Bühnenweihfestspiel, auch wenn die Inszenierung von Gustav Kuhn selbst nicht gerade mit Aktionismus aufwartet. Eher wäre es - abgesehen von den Blumenmädchen und dem tanzenden Schwan von Katharina Glas - ein erlesenes Herumstehen zwischen den geometrischen Gebilden und im beeindruckenden Licht von Peter Hans Felzmann, verfügten die Akteure nicht über eine ungeheure Spielfreude. Das Leiden Amfortas' ist riesengroß, weil Thomas Gazheli diesen singt, mit unfassbar raumfüllender Stimme und ganz viel Pein, ein enormes Erlebnis. Ferdinand von Bothmer hat sich als Parsifal viel Lyrisches in der Stimme bewahrt, Pavel Kudinov ist ein herrlich erzählender Gurnemanz. Theater machen auch Kundry und Klingsor. Michael Kupfer-Radecky will sie, hoch oben auf einer Leiter stehen, mit jugendfrischer Stimmgewalt zum Gehorsam zwingen. Nicola Beller Carbone spuckt ihm Kundrys "ich will nicht" vor die Füße. Beller Carbone ist eine blendend schöne Kundry, ist dunkle Verführung in der Stimme und noch im dritten Akt als dienendes Leid ungemein präsent. Die Wahl der Solisten passt exakt.

Und das Orchester spielt keineswegs unterbezahlt. Kuhn dirigiert hemdsärmelig, ohne Raunen von Geheimnis. Aber das Ergebnis ist in Perfektion klangschön, solistisch durchwirkt, weil die Akustik die Transparenz fördert. Und Kuhn ist flott. Um 17 Uhr beginnt der "Parsifal", um 21.40 ist er aus, dazwischen liegen zwei Pausen von je 25 Minuten - kein Rekord, aber vorne bei den Schnellsten dabei.

Da man in Erl in diesen Tagen natürlich genau weiß, was über Erl geredet, geschrieben und in anonymen Blogs verbreitet wird, kursiert hier auch der schöne Witz, Kuhn dirigiere deshalb so schnell, damit er sich nicht ausbeuterische Arbeitszeiten vorwerfen lassen müsse. Aber auch ernsthafter wird diskutiert, nicht unter den Zuhörern, unter ihnen der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler. Aber unter denen, die hier arbeiten. Natürlich, so ist zu hören, wäre es schön, wenn die Musiker aus Minsk, die etwa ein Drittel der "Parsifal"-Orchesterbesetzung stellen, so viel verdienten wie ein österreichisches Orchester. Und zwar das ganze Jahr über. Aber jeder Opernprofi kennt Fluch und Segen der Globalisierung. Es ist üblich, dass Gesangsstars mit osteuropäischen Orchestern auf Tour gehen, die als Kollektiv einen Bruchteil der Stargage verdienen. Aber halt immer noch mehr als daheim. Das gilt für die weißrussischen Musiker in Erl genauso. Das System muss man nicht gut heißen, aber nur so ist vermutlich der Festspielbetrieb überhaupt möglich.

Auch ein Thomas Gazheli verdient woanders mehr, aber in Deutschland nur an den paar Top-Häusern. Die Erler Gagen entsprächen denen mittlerer Häuser in Deutschland oder Österreich. Gazheli wirkt wie einer, der mit einem Patriarchen wie Kuhn gut umgehen kann. Sollte der einmal laut werden, würde Gazheli mit Sicherheit lauter sein.