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Festival:Zur Abendstunde

Adam Baldych

Stilistisch breit aufgestellt: Der polnische Geiger Adam Baldych setzt im Quartett auf Psychedelisches.

(Foto: Kasia Stanczyk)

Beim renommierten BMW-Welt-Jazz-Award ändert sich zur zwölften Ausgabe vor allem eines: die Austragungszeit. Das Line-up verspricht nach wie vor Spannendes

Kultur hat auch etwas mit Ritualen zu tun. Wer in die Oper geht, packt - so er denn nicht zu den Turnschuhrevoluzzern mit subversivem Gestus gehört - gerne seinen edeln Anzug oder das Abendkleid aus der Hülle, um sich dem Anlass gemäß in Schale zu werfen. Rockkonzertgänger entmotten für die alten Recken mit einem Seufzer der Nostalgie die Lederjacke von damals, Hipster schamponieren hingebungsvoll ihren Bart oder ondulieren dezent ihre Understatement-Businessfrisur, bevor sie den Laptop für ein paar Stunden zuklappen, um sich ins Partyleben zu stürzen. Und die Freunde des BMW-Welt-Jazz-Awards gewöhnten sich während der vergangenen elf Jahre daran, während wechselnder Sonntage ab Jahresstart sich nach der Morgenöffnung in die Schlange der Autowelt einzureihen, um einen der begehrten Plätze der Wettbewerbskonzerte zu ergattern, zuweilen Thermoskanne inklusive.

Damit ist jetzt Schluss. Denn mit dem Dutzend ändert sich auch der Termin, zu dem in den Doppelkegel der BMW-Welt geladen wird. Aus Sonntagsmatineen wird früher Abend am Dienstag - von 14. Januar an bis 10. März, mit sechs Konzerte jeweils um 19 Uhr, weiterhin bei freiem Eintritt. "Wir möchten den BMW-Welt-Jazz-Award sowie den Jazz einem breiteren Publikum zugänglich machen", erklärt Doris Fleischer, die für die Kulturkommunikation der BMW-Group zuständig ist, die Neuausrichtung der Veranstaltungsreihe. "Wir haben uns deshalb entscheiden, die Konzerte in diesem Jahr an einem Wochentermin abends zu veranstalten. Und das diesjährige Motto 'The Melody At Night' passt perfekt zum Abendformat."

Das ist einerseits verständlich, schließlich hatte so mancher Musiker über die Jahre das Matinee-Publikum aus alter Gewohnheit mit "Good Evening!" begrüßt. Es stellt die Wettbewerbskonzerte aber auch in einen anderen Zusammenhang. Bislang waren sie ein weitgehende singuläres Wochenend-Musikereignis, terminlich familien- und arbeitnehmerfreundlich samt potenziell anschließendem Winterspaziergang durch den Olympiapark. Von nun an stehen die Konzerte aber in direkter Konkurrenz zu anderen Veranstaltungen, einschließlich von Partnern wie dem Kulturreferat München, das beispielsweise zu den Förderern des Jazzclubs Unterfahrt gehört, oder dem neu zum Team gestoßenen Hotel Bayerischer Hof, das ebenfalls mit eigenen Konzerten Publikum anzusprechen versucht. Das mag Synergien ergeben, kann aber auch zu einer Aktivitätsermüdung von Jazzhörern führen, die die Tagesfrische der Abendstimmung vorgezogen haben und die man sonst nie in einschlägigen Konzerte traf.

So wird es aufschlussreich sein zu beobachten, ob und wie sich das Publikum verändert. Aus musikalischer Sicht jedenfalls wird wieder Spannendes geboten. Die Eröffnung des Wettbewerbs am 14. Januar übernimmt eine hierzulande noch wenig bekannte Musikerin, die norwegische Saxofonistin Cecilie Grundt. Sozialisiert im stilistischen Umfeld des klassisch modernen Jazz wird sie mit ihrem Quintett unter anderem an Vorbilder der Hardbop-Ära anknüpfen, nicht ohne der Tradition allerdings das Augenzwinkern der Gegenwart hinzuzufügen. Die Münchner Pianistin Andrea Hermenau übernimmt am 21. Januar den Abend mit einem Quintett heimischer Koryphäen und einem Programm, dass sich an ihrem Album "Die Nachtpracht" orientiert. Der polnischen Geiger Adam Baldych wiederum ist ein stilistisch weit aufgestellter Tausendsassa, der sich derzeit bevorzugt seinen klassischen und kammerjazzigen Wurzeln widmet und daher am 11. Februar im Quartett sanft psychedelische Töne anstimmen wird.

Als zweiter Ortskundiger des Wettbewerbs hat es der Bad Aiblinger Schlagzeuger Peter Gall in die von der Jury nach Hörproben erstellte Auswahl geschafft und stellt am 18. Februar sein Quintettprogramm vor, gefolgt von dem Luxemburger Klaviertrio "Reis/Demuth/Wiltgen" am 25. Februar und dem Quintett des italienischen Pianisten Giovanni Guidi als Abschluss der Competition am 10. März. Dann wird entschieden und im Finale am 9. Mai der Sieger ermittelt. Egal ob vormittags oder abends, die Musik des BWM-Welt-Jazz-Awards wird wieder ein Genuss sein.

BMW-Welt-Jazz-Award, jeweils dienstags, 14. Januar bis 10. März, 19 Uhr, BMW-Welt, Am Olympiapark 1

© SZ vom 11.01.2020