Festival Total verschachtelt

Von einem kauzigen Einzelgänger erzählt der aus Mexiko stammende Antonio Cerezo in seiner Papiertheater-Produktion "There is no home like place".

(Foto: Rainer Sennewald)

Zwischen Partizipation und Kunstanspruch: Das IETM-Meeting, ein Netzwerktreffen freier Theaterschaffender in München, endet mit einem Performance-Programm

Von Sabine Leucht

Immer wieder dieses Wort: "Gap", was auf Deutsch "Riss", "Kluft" oder "Unterschied" meint. Der Versuch, "Gaps" zu überbrücken, verbindet viele der Panels und "Working Sessions" beim IETM-Meeting - dem ersten Netzwerktreffen freier Theaterschaffender aus aller Welt in München. Das beginnt schon bei dem von persönlichen Schrullen geprägten Eröffnungsdiskurs des österreichischen Schriftstellers Robert Menasse und der Politologin Ulrike Guérot zum Festivalthema "Res Publica Europa", bei dem es vornehmlich um die rechtliche Ungleichheit der Bürger ging und das von Menasse, Guérot und Milo Rau angeleierte "European Balcony Project", das am 10. November von allerlei Balkonen des Kontinents aus symbolisch die Europäische Republik ausrufen wird. Aber auch beim Erfahrungsaustausch von Künstlern, die auf dem Land und mit Partnern aus anderen Kulturen arbeiten, war immer wieder von "Gaps" die Rede. Und sowieso in Bezug auf "Gender" oder wenn es generell um die Grenze zwischen Bühne und Publikum ging.

Ja, die internationale Performance-Szene hat sich der Lösung einer Vielzahl von Problemen verschrieben - und als einen Schlüssel dazu die möglichst gleichberechtigte Teilhabe ausgemacht. Dieses Augenmerk auf Partizipation setzt sich auch im Performance-Programm fort, wo neun Gastspiele und eine Münchner Produktion das Branchentreffen fürs allgemeine Publikum öffnen. Sofern dieses nicht schon auf dem parallel stattfindenden Festival Politik im freien Theater (#reich) ist. Der reinste Wahnsinn ist das dieser Tage in München! Zumal sich Anfangszeiten wie Themen überschneiden.

So geht es in "Global Belly" von Flinn Works um den "Gap" zwischen vermögenden weißen Europäern mit Kinderwunsch und der Armut gebärfähiger Inderinnen oder Ukrainerinnen. Doch weil die Gruppe um die Schwestern Sophia und Lisa Stepf schlau ist, führen Cornelia Dörr, Matthias Renger, Lea Whitcher und eine indischstämmige Performerin namens Sonata ihre Besucher durch eine Installation, wo sie selbst in die Rollen von Freunden eines schwulen Paares schlüpfen, als Leihmütter von der geschäftigen Wertschätzung einer Betreuerin überschüttet werden oder als Eltern in spe den seelischen Eruptionen einer auf illegale Adoptionen spezialisierten Anwältin lauschen. "Global Belly" erspart einem kein noch so unangenehmes Detail dieses Geschäftes mit Sehnsüchten und baut doch wohlfeiler Empörung vor. Man fühlt und denkt mit und kann bis zum Schluss nicht entscheiden, wo die Grenze zwischen weiblicher Selbstbestimmung und Versklavung des fremden oder eigenen Körpers verläuft. Toll!

Schlichter operiert "There is no home like place", eine Papiertheater-Produktion des aus Mexiko stammenden und seit 2007 in Deutschland lebenden performativen Tausendsassas Antonio Cerezo. Seine Ich-Erzählung von einem kauzigen Einzelgänger, der sein Elternhaus verlassen muss, handelt von der Interdependenz von Wohnen und Leben, erzählt im passender- oder unverschämterweise ungeheizten Pathos-Theater von Migrations-Ursachen in einer beschleunigten Welt und der Schwierigkeit, zwischen den Kulturen seinen Platz zu finden. Schön gemein die Wendung, wie eine psychiatrisch angeleitete Entrümpelungsmaßnahme durch die Wohnungskündigung plötzlich zu einer existenziellen Sache wird. Schön auch die kleinen Räume und großen Welten, die Cerezo mit einer Vielzahl von groben bis wunderbar feinziselierten Scherenschnitten kreieren kann. Partizipativ wird es hier erst am Ende, als der einsame Mensch, für den Heimat auch bedeutet "frei von der Leber weg furzen" zu können, seine letzten Güter versteigert. Und als sein trauriges Aquarium unter den Hammer kommt, schaut er, als schwimme darin seine aus einer anderen Zeit herübergerettete Seele.

Vier Jahre alt und kein bisschen angestaubt ist der "Fight! Palast" von der Gruppe Peng! Palast. Die drei Performer Nina Mariel Kohler, Dennis Schwabenland und Christoph Keller aus bern tourten damit zuletzt in Asien, und auch in der Reaktorhalle zeigen sie die Exportversion. Heißt: auf Englisch, wie es bei diesem international ausgerichteten Festival Usus ist. Ausgehend von der Erzählung "Fight Club" von Chuck Palahniuk boxen die drei sich mit viel Körpereinsatz frei von Fremdbestimmung, miesen Jobs, Unterbezahlung und dem ganzen digitalen Kram. Mit wunderbarem Rhythmusgefühl bewegen sie sich vom Konkreten zum Assoziativen, sind die allerfreundlichsten Gastgeber und lassen zwei Zuschauerinnen erst ein Ikea-Regal zusammenbauen und es dann zerstören.

Nette Gastgeber sind auch die beiden jungen Damen aus Köln, die sich als "katze und krieg" vorstellen, bevor sie einen mit verbundenen Augen ins Café der Lothringer 13 führen. "wirklich sehen" steht auf dem Programm. Was nach dem Stimmengewirr im Raum zu urteilen für die meisten Teilnehmer eine anregende Konversation mit einem unsichtbaren und unbekannten Partner bedeutet, der ebenfalls als "Zuschauer" gekommen ist. Dann aber übergeben einen "katze" oder "krieg" etwas fahrlässig an unbeteiligte Passanten, was den Abend in meinem Fall abrupt beendet.

Was genau schafft die spontane Intimität zwischen uns? Die Blindheit oder die Extremsituation?, haben mein tolles Blind Date und ich uns zuvor gefragt. Aber auch: Was macht eine Performance, die einen ganz auf sich selbst zurückwirft, eigentlich zum Kunstwerk? Auf IETM-Ebene werden solche Fragen auch weiterhin diskutiert werden. Das nächste Mal Ende März, beim Meeting in Hull, Yorkshire.