Theaterfestival d'Avignon:Himmel, hilf

Pressefoto Festival d'Avignon, 5. Juli 2021 - 25. Juli 2021 -- PENTHÉSILÉ·E·S

Lorry Hardel in der feministischen Version von "Penthésilé·e·s", inszeniert von Laëtitia Guédon.

(Foto: Christophe Raynaud de Lage)

Mit Geschichten über Schwesterlichkeit und antike Feministinnen blickt das Festival von Avignon in die Zukunft.

Von Joseph Hanimann

Es begann vor drei Wochen mit dem spontanen Applaus des Publikums und es endete mit dem braven Vorzeigen von Covid-Impfzeugnis oder PCR-Test. Enthusiasmus und Disziplin bestimmten dieses 75. Theaterfestival in Avignon, mehrere Aufführungen mussten wegen der neuen Pandemiewelle abgesagt und die Zugangsbestimmungen geändert werden. Mit gut 100 000 verkauften Karten für insgesamt 300 Aufführungen von 45 Produktionen an 38 Spielorten liegt das Besucherergebnis leicht hinter jenem von 2019. Dennoch: Utopien, glaubwürdige und versponnene, waren unter dem Stichwort "sich der Zukunft entsinnen" das große Thema dieses insgesamt gelungenen vorletzten Festivals unter Olivier Py.

Dabei brachte schon der erste Abend eine Enttäuschung. So erfreulich die Bekanntgabe von Tiago Rodrigues als künftiger Festivalleiter war, so ernüchternd erwies sich dessen Inszenierung von Tschechows "Kirschgarten". Der 44-jährige Portugiese, seit 2015 Direktor des Teatro Nacional D. Maria II in Lissabon, der im kommenden Jahr die Nachfolge von Olivier Py antreten wird, hat sich auf den europäischen Bühnen als Meister neuer Theaterformen wie des Repertoires hervorgetan. Sein "Kirschgarten" überzeugte aber weder im Konzept, noch in der Besetzung.

Das Treiben um den Verkauf des Ranjewskajaschen Landguts mit den alten Kirschbäumen an den Spekulanten Lopachin verlegt der Regisseur auf die leere Papstpalastbühne, ausgestattet nur mit 150 alten Stühlen aus den ersten Festivaljahren (Bühne: Fernando Ribeiro). Diese Stuhlreihen werden im Lauf des Geschehens im Schein wuchtiger Lichtbouquets umgestellt, zu Gerümpelbergen aufgetürmt und schließlich weggeräumt. Als jüdisches Orchester, das bei Tschechow in der Entscheidungsnacht des Verkaufs aufspielt, produzierte sich eine Rockband. Glotzt nicht so romantisch, diese Stühle sind Kirschbäume, schien statt einer Botschaft der Private Joke dieser kalten Aufführung ohne Schwung und stringente Aussage zu lauten.

Vor allem aber krankt sie an der Besetzung. Isabelle Huppert spielt mit ihrem schrillen Auflachen, abwesenden Dahocken, jähem Herumhopsen, angeödetem Zigarettenrauchen statt der Gutsherrin Ranjewskaja eher Isabelle Huppert. Und wie soll man Adama Diop als schwarzen Lopachin, Sohn von Leibeigenen und neuer Besitzer des Anwesens, verstehen? Wenn er nach dem Grundstückkauf herumstampft und mit Stühlen um sich wirft, als wolle er all seine versklavten Vorfahren zum Freudenfest wecken, ist das gewiss eine eindrückliche Szene. Sollte man nun afrikanische Schicksale mitdenken? Oder gerade nicht und vielmehr über die Hautfarbe dieses Mannes hinwegsehen? Rodrigues scheint das selbst nicht genau zu wissen.

Pressefoto Festival d'Avignon, 5. Juli 2021 - 25. Juli 2021 -- LA CERISAIE/Der Kirschgarten

Schwung kam in dieser Stühletheater-Version des "Kirschgarten" nicht auf, trotz Isabelle Huppert als Gutsbesitzerin.

(Foto: Christophe Raynaud de Lage)

Besser durchdacht war das von der Brasilianerin Christiane Jatahy mit ihrem an der Comédie de Genève produzierten Stück "Entre chien et loup" (Zwischen Hund und Wolf, oder in freierer Übersetzung: Vom Regen in die Traufe). Eine Theatergruppe probt darin die Handlung von Lars von Triers Film "Dogville" über eine Dorfgemeinschaft, die die Verfolgte Grace aufnimmt, sie jedoch ausbeutet und vergewaltigt. Die Gruppe will herausfinden, ob eine weniger finstere Version möglich ist, als auch bei ihnen eine Fremde hereinplatzt, Graça, die auf der Flucht vor dem autoritären Regime in ihrem Land ist. Sie wird aufgenommen, doch dann nimmt das Geschehen eine ähnliche Wende wie im Film: Gastfreundschaft geht mit Hintergedanken einher, Wohltaten werden mit Gegenerwartung verrechnet. Das harte Fazit des Films hat Jatahy humanistisch aufgeweicht, indem sie zumindest das Opfer Graça als positive Figur retten will und sie sich ein positiveres Ende ausdenken lässt. Sie gesteht ein, nicht früh genug die Rückkehr von Fremdenhass, Frauenverachtung, Schwulen-, Lesben- und Queerphobie, kurz: von Faschismus in ihrem Land erkannt zu haben. Und ab diesem Moment fällt die Aufführung als plakative Denunziation in sich zusammen.

Christiane Jatahy gehört zu den Theatermachern, die das Filmen mit der Handkamera als Ausdrucksmittel auf der Bühne einsetzen. In Avignon sind mit der Belgierin Anne-Cécile Vandalem und ihrem Stück "Kingdom" oder mit der Franko-Vietnamesin Caroline Guiela Nguyen auch andere Vertreterinnen dieses Genres eingeladen. "Fraternité" heißt Guiela Nguyens jüngstes Stück mit dem Untertitel: "fantastisches Märchen". Astronomen entdecken darin, dass die Gestirnbewegung erlahmt, weil die in den menschlichen Herzen angehäuften leidvollen Erinnerungen für die Himmelsmechanik zu schwer geworden sind. Nun sollen Überlebende einer Sonnenfinsternis Teile ihrer Erinnerung löschen, um die Himmelsbewegung wieder in Gang zu bringen. Science-Fiction lässt grüßen und hätte der Regisseurin den Ausgangspunkt für individuelle Geschichten liefern können. "Fraternité" kommt aber so wenig vom Fleck wie die Gestirne, weil der Zusammenhang zwischen ihnen und Menschenherzen mit Apparaturen und Filmbildern vom All nur behauptet und nicht szenisch eingelöst wird.

Kleists romantische Penthesilea sei überholt, behauptet das Stück

Vollkommen geglückt ist die Verbindung von Bühne und Kamera hingegen in Kornél Mundruczós Inszenierung von "Czastki Kobiety" ("Eine Frau in Stücken") von der ungarischen Autorin Kata Wéber. Die Produktion aus dem Warschauer TR, eine der besten des Festivals, wird im November am Hamburger Thalia-Theater zu sehen sein. Eine Frau irrt mit den ersten Anzeichen von Geburtswehen durch ihre Wohnung, macht ihren Partner nervös und wartet auf die Hebamme. Dies und dann das schmerzverzerrte Gesicht der Frau bis zum Durchschneiden der Nabelschnur zeigt der Regisseur nur als mitgefilmte Bilder aus der Kulisse. Großformatig jagen sie einander auf der Außenfassade der Wohnung vor der verschlossenen Bühne, aus der manchmal der Mann zum Rauchen nach vorn tritt und wie ein Fremdkörper durch die Filmbilder tappt. Das Neugeborene wird nicht überleben, und der Hauptteil des Stücks zeigt, wie die Mutter ihren Schmerz gegen die Welt verteidigen muss.

Reines und teilweise stummes Körpertheater zeigte das Kollektiv FC Bergman aus Antwerpen mit seinem von Renaissance- und Barockmalerei angeregten Bilderpanorama "The Sheep Song" über die komplizierte Menschwerdung eines Schafs oder die sizilianische Regisseurin Emma Dante mit "Pupo di zucchero", einem Fest für die Toten nach sizilianischer Tradition am Allerseelentag. Das Thema Weiblichkeit stand oft im Vordergrund wie in Laëtitia Guédons Inszenierung von Marie Dilassers Text "Penthésilé.e.s". Die mythologische Figur Penthesilea tritt da nicht mehr mit Waffen zur Konfrontation gegen Achilles an, sondern sucht ihn durch Vereinnahmung zu überwinden. "Glaubst du, ich werde nun meine Hunde auf dich hetzen, wie es in manchen Theaterstücken geschieht?", spottet sie. Kleists romantische Penthesilea sei überholt, behauptet das Stück, das die Figur mit einer Sprecherin, einer Sängerin und einem Tänzer in unterschiedliche Profile auffächert und mit einer Queer-Grammatik ohne genderspezifische Sprachelemente experimentiert: "Wir werden nicht mehr Frau und Mann, sondern das immer wieder Andere sein".

© SZ/clu
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