Festival Stromstoß für die Szene

Klang und Krawall: Das Verworner Kraus Kammerorchster spielt mit Münchner Allstars.

(Foto: Steffi Rettinger)

Die "Manic Street Parade" soll an zwei Tagen und sieben Spielstätten Pop-Impulse für München geben

Von Michael Zirnstein

Die "Manic Street Parade" ist ein Pop-Festival für Fans, Fachleute und Flaneure. Da trifft es sich gut, dass mit Michi Kern quasi ein Vertreter der Hauptzielgruppe gerade am Schwabinger Büro der Veranstalter vorbeispaziert, einer, der sich als ehemaliger Betreiber des Kulturhotels The Lovelace auskennt im Nachtleben. Freilich kennt er auch den Zwischenprost e.V., den Verein zur Förderung der Pop-Kultur in München. So grüßt er herzlich die drei Anwesenden von den insgesamt fünf Ehrenamtlichen, Julia Viechtl, Fabian Rauecker und Marc Liebscher. Kern bleibt stehen und fragt: "Was muss man denn da sehen dieses Jahr? Was ist das Beste?" Rauecker hält inne, man merkt, dass ihm - Konzertveranstalter, Booker, Band-Betreuer, Dozent, Promoter - die Frage zu simpel erscheint für so einen verzweigten Festivalkosmos, dann antwortet er: "Du musst zwei Tage hingehen. Tom Rosenthal. Und Verworner Krause Kammerorchester." Kern hakt nach: "Und wo ist das?" Rauecker reicht ihm ein Programmheft und deutet auf den Lageplan: Schlachthofviertel, sieben Spielstätten fußläufig erreichbar, die Musiklokale Strom, Substanz und Schlachthof, die Kirche St. Anton, und neu dabei die Kneipe Frisches Bier und aus dem Daniel-Hahn-Gastro-Universum Bahnwärter Thiel und Alte Utting. Basiswissen.

So einfach kann man es sich mit der dritten "Manic Street Parade" machen. Der Höhepunkt ist freilich gesetzt für Freitag, 20 Uhr, im Schlachthof: Das 18-köpfige VKKO, eine Klangmaschine, eines der spannendsten Big-Band-Kollektive Münchens, das Symphonisches mit Dub, Elektro, Rock, Jazz verschraubt, verbündet sich einen Abend lang auf der Bühne mit weiteren "Munich Allstars". Man kapert Stücke von Rüde Linhof und Florian Weber (Sportfreunde Stiller), Blackout Problems, Me & Marie, Roger Rekless, Thomas Petritsch (von den Wienern Granada) und Fiva. Die Promi-Rapperin hat mit derlei bereits 2017 auf der Parade beste Erfahrungen gemacht, als sie dort mit der Jazzrausch Bigband fusionierte - aus der einmaligen Sache wurden eine zweijährige Tournee und ein Album.

Die "Manic Street Parade" soll ein Impulsgeber sein. "Coole Sachen entdecken und eine neue Lieblingsband finden, das ist unser Anspruch", erklärt Fabian Rauecker. Als Booker möchte er - wie auch sein Agenturpartner Stefan Schröder und Programmmacher Pese Puscher - mit der Parade aber auch München als Plattform für Bands attraktiv machen. Auf anderen urbanen Festivals wie der C/O Pop in Köln merke er, dass Musiker München als Popstadt oft nicht für voll nehmen. "Bei unserem Festival verstehen die Bands: Du kannst hier entdeckt werden und wiederkommen. Wir haben kein Eventpublikum, sondern ein musikalisches Publikum, das zuhört." Und darum buhlen am Samstag in 14 Konzerten Szene-Phänomene wie der britische Pianist-Gitarrist-Sänger Tom Rosenthal, die Berliner "Klangarchitektin" Jinka, der neue Grönemeyer-Zögling Das Paradies und Buntspecht aus Wien mit "Kinderliedern für Erwachsene". Aus Australien kommen Imbibe und Money For Rope, aus Zwolle in den Niederlanden The Cool Quest, aus Reykjavik der Minimal-Techno-Gnom Janus Rasmussen und aus Berlin das sehr laute, sehr hippe Sixties-Girl-Singalong-Duo Gurr.

Sieht man einmal ab von der "Sound-Kombüse" im Event-Dampfer Alte Utting (Samstag, 15 bis 18 Uhr), wo das Münchner Künstlerkollektiv "Mediendienst Leistungshölle" um Stephanie Müller und Klaus Erik Dietl die Besucher mit Alltagsgegenständen Klänge collagieren lässt, köchelt da kaum Münchner Szene im eigenen Saft. Gerade deshalb ist das ehrenamtlich organisierte Ereignis so wichtig für den Popstandort und wird sowohl vom Kulturreferat als auch vom Kompetenzteam Kreativwirtschaft gefördert. Gerade weil es Inspiration und Know-how von außen hereinholt.

Das gilt vor allem für den integrierten Branchen-Treff "Manic Day Parade" am Freitag im Schlachthof - der ganze Stolz von Julia Viechtl, die hauptberuflich die städtische Fachstelle Pop im Feierwerk leitet. Auch bei der Parade können Musiker, Künstlermanager und Veranstalter konkret Rat für ihren Beruf bekommen, etwa wenn die Organisatoren von Festivals wie Immergut, Haldern Pop oder C/O Pop erklären, was ein gutes Festival ausmacht. Oder wenn der Soundtrack-Professor Gerd Baumann und Alle Farben-Betreuerin Yasmine Gallus zeigen: "Wie kommt meine Musik in Film und Werbung?" Darin gehe es aber um mehr als um Kommerz, erklärt Viechtl: "Die Wirtschaft muss erkennen: Musik gibt es nicht gratis, Musik ist etwas wert."

Dass die Stadt München sich die Popkultur derzeit etwas mehr kosten lässt, liegt auch an der vorangegangenen "Manic Day Parade" und dem großen öffentlichen Interesse für ihre Diskussionsrunden. 2017 brachte sie das Thema "Nachtbürgermeister" erstmals auf ein Podium. Eine referatsübergreifende Strategiegruppe "Nächtliches Feiern" installierte daraufhin zumindest schon einmal eine Fachstelle zu diesem Kultur- und Konfliktfeld im Sozialreferat. "Das ist ein Fortschritt", sagt Julia Viechtl, aber jetzt müssen wir das vorantreiben. Die Szene soll Einfluss nehmen und mitgestalten." Das gilt auch für die zweite große Podiumsrunde, wo Experten diskutieren, wie man bei den städtebaulichen Planungen für die ehemalige Bayern-Kaserne die Sub-Kultur berücksichtigen kann. "Ich rege mich immer auf, wenn es heißt: Die Kultur findet schon ihren Platz", sagt Viechtl, "nein, es wird nicht zufällig passieren, weil hier einfach kein Platz ist." Die "Manic Street Parade" soll dabei helfen, dass etwas bleibt.

Manic Street Parade; Fr. und Sa., 17. und 18. Mai, 20 Uhr, Schlachthofviertel; Manic Day Parade, Fr., 17. Mai, 11 bis 17 Uhr, Schlachthof