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Festival:Singsang aus Trotz

Die Kölner 17. Litcologne mit Bohrer, Ingendaay und Precht. Man schwelgte in Erinnerungen an die Siebzigerjahre und London vor dem Brexit. Dass es heute politisch lohnend ist, Rassist zu sein, wurde nicht analysiert.

Von Hans-Peter Kunisch

Seine Deutschland-Beschimpfungen, in denen Karl-Heinz Bohrer gern so praktische Dinge wie Fahrradwege in gemeißelten Sätzen zu landestypischen Symbolen von Provinzialismus adelte, weil sie verhindern, dass man sich als Abenteurer zwischen Blech und Bordstein bewähren darf, sind legendär. "So wohl" habe er sich bei diesen Texten damals gefühlt, erzählte Bohrer im Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Philipp Felsch auf der 17. Litcologne, die am Samstag zu Ende ging. Aber das sei "Patriotismus" gewesen, enttäuschter natürlich, Ausdruck des Ärgers, dass es Deutschland an urbaner Lebendigkeit nicht mit England und Frankreich, Bohrers Fluchtpunkten, aufnehmen konnte. Köln aber ist kein schlechter Ort für den 1932 dort Geborenen. Hier kontrastiert seine entschiedene Geistesaristokratie schön mit seinem rheinischen Singsang, den er sich, wohl "aus Trotz", nie ganz abgewöhnt habe, weil er als Schüler im Badischen dafür verspottet worden sei.

Bohrer, noch mit vierundachtzig Enthusiast des "Jetzt", erzählt von Sylvester 1970, bei ihm zu Hause, mit Habermas, und wie es zum Handgemenge mit einem der Assistenten kam, der fein gekleidete Anwesende als Pinguine und Huren beschimpfte. Es war für den geistigen Individualanarchisten und Ex-FAZ-Literaturchef "die lebendigste Zeit. Es war, als hätten die Blätter eine andere Farbe angenommen". Sympathisch, dass Bohrer seine Gespaltenheit noch heute nicht genau erklären kann: ein Konservativer mit Sympathien für Revolutionen, ohne deswegen links oder rechts zu sein.

An England liebt er die Schärfe der öffentlichen Auseinandersetzung, die man beim 1966 verstorbenen Wahlkatholiken und ebenso giftigen Stilkünstler Evelyn Waugh erahnen konnte. Paul Ingendaay und Joachim Król stellten den exzentrischen Upper-Class-Chronisten auf einem fahrenden Rheindampfer vor. Ingendaay pries Vor-Brexit-England und die neue, für Deutsche erholsame Tendenz zu politischer Scham bei Briten und Amerikanern. Unter den von Król passend gemütlich-arrogant präsentierten Texten stach "A Handful of Dust" hervor. Der Roman, in dem eine Provinz-Frau ihren Mann mit einem hässlichen Londoner betrügt, was Waugh geschehen war, und, bis auf den kleinen Sohn, alle alles wissen, ist voller Geistesgegenwart und Witz, auch wenn an diesem Abend leider kein Wort Englisch zu hören war.

Dass es salonfähig und politisch ertragreich ist, Rassist zu sein, wurde nicht analysiert

Wie wenig zielführend intellektuelle Podien sein können, wenn sich die Teilnehmer einig sind, erlebte man hingegen bei Carolin Emcke und Didier Eribon im Gespräch über Hass. Dass es in Demokratien wieder salonfähig und politisch ertragreich geworden ist, Rassist zu sein, wurde benannt, aber nicht ansatzweise analysiert. Nur die politisch heimatlosen Arbeiter, die Martin Schulz nun weltweit wieder einfangen wird, waberten auch durch den Klaus-von-Bismarck-Saal des WDR. Interessant war Eribons Erinnerung, dass in seiner Familie in Reims, von der Mutter angefangen, "alle Rassisten" gewesen seien, aber die internationalistischen Kommunisten gewählt hätten, "weil sie die einzigen waren, die sich um Arbeiter kümmerten."

Trotz "Ausfällen" - belebend wirkte die Tendenz, neben Buchvorstellungen mehr Diskussionen ins Programm zu nehmen. Der Erfolgsphilosoph Richard David Precht tritt nicht nur in Solo-Vorträgen arrogant auf, aber in seinem Gürzenich-Gespräch mit Försterphilosoph Peter Wohlleben hatte Prechts Neigung zum analytischen Stänkern die Folge wohltuender Deutlichkeit. Er betonte, dass der reduzierte Vernunftbegriff der Philosophen das Tier aus deren Welt lange ausgeklammert habe, und dass die Vernunft zwar weiter hochgehalten werde, aber, was Tiere angeht, schlichten ökonomischen Gesetzen folge: was gekauft wird, wird gefangen, geschossen, gejagt, dann schlecht behandelt, gelagert, transportiert. Privatjäger hätten hierzulande einen Freibrief, ihre "Mordlust" auszuüben. Er empfehle ihnen Therapie. Wohlleben wirkte dagegen wenig entschieden, aber auch nicht weise, eher vage, um gute Laune und Bonmots bemüht. Die genealogische Verbindung mit den Neandertalern, trumpfte er auf, zeige sich an den vielen blauen Augen im Saal.

Leiser, aber nicht weniger interessant, war der Abend mit Jonas Hassen Khemiri, einem 1978 geborenen Schweden mit tunesischem Vater, in der Nippeser Kulturkirche. Khemiris Roman "Alles, was ich nicht erinnere", für den er 2015 den renommierten "August-Preis" erhalten hat. ist die sanfte Suche nach einem Freund, der mit dem Auto gegen einen Baum gefahren ist. Unfall oder Selbstmord? In vielen Stimmen, die sich allmählich erschließen, spürt Khemiri dem Schicksal Samuels hinterher. Er war ein Politloge, den es in die Migrationsbehörde verschlagen hatte, aus der er weg wollte. Der Freund, der bei ihm wohnte, ist ein rauer Typ gemischter Herkunft, der kaum sagen kann, was ihn an dem stillen Samuel anzog. Die Freundin, von der Samuel getrennt war, hat in Brüssel bei der EU gearbeitet. Aber aktuelle Themen wie Migration spielen nur am Rande eine Rolle. Was die Zukunft der Literatur von Migranten anzeigen dürfte: sie wird selbstverständlicher literarisch sein, wird nicht mehr rein politisch wahrgenommen werden können.

© SZ vom 20.03.2017
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