Flüchtlinge in München Ausstellung von geflüchteten Künstlern im "Bellevue di Monaco"

Keines der kostbaren Fotos wird gelöscht, erinnern sie doch an die verlorene Heimat.

(Foto: Filmstill aus "Mobile Lifeboat" von Ammar Alqaisi und Martin Otter)

"Wir haben überlebt. Wir sind da. Schaut uns an": Die Werke im "Bellevue di Monaco" und in den Kammerspielen erzählen von Verlust und traumatischen Erlebnissen.

Von Petra Hallmayer

Es ist ein hoher Preis, den sie zahlen müssen, wenn sie aus dem Schutzraum der Lügen heraustreten. "Du musst weg. Du hast zehn Tage, um zu verschwinden", wurde der Transsexuellen Randa erklärt. "Vergiss deine Familie, vergiss deinen Sohn. Du hast keine Familie mehr."

Einen Stein hat Randa aus Algerien mitgenommen als Symbol für das, was einmal ihre Heimat war. Schon vor Jahren hat die Autorin und Regisseurin Amahl Khouri begonnen, Langzeitinterviews mit Trans- und Homosexuellen in verschiedenen arabischen Ländern zu führen. Die Geschichte von drei Menschen, die vor Drohungen und Repressalien geflohen sind, erzählt ihr Dokumentarstück "She He Me", das sie in der Kammer 3 in einer szenischen Lesung präsentiert.

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Amahl Khouri ist eines der Mitglieder des Open Border Ensembles, das beim Kammerspielprojekt Munich Welcome Theatre entstanden ist. Im Bellevue di Monaco und in den Kammerspielen stellen die Künstler nun ihre Arbeiten vor. Festival ist vielleicht ein zu großes Wort für das Programm mit Filmen, Theaterstücken, Konzerten und einer Workshoppräsentation, "aber für uns bedeuten diese drei Tage ungeheuer viel", meint die syrische Theatermacherin Rania Mleihi, die mit Malte Jelden und Björn Bicker das Ensemble aufgebaut hat. Jeder darin hat eine beeindruckende künstlerische Biografie, jeder hat seine eigene Geschichte, gemeinsam ist allen der Verlust ihrer Heimat.

Wie sich traumatische Erlebnisse ins Unterbewusstsein einschreiben, untersucht die Choreografin und Gründerin der Damascus Contemporary Dance Platform Mey Seifan, die seit langem die Träume von Menschen im Bürgerkriegsland Syrien und von Asylsuchenden sammelt. Sie kam 2011 nach München. Einen Einblick in ihr Tanzstück "Syrian Dreams" gibt sie am Eröffnungsabend des Open Border Festivals, an dem unter dem Titel "Future Works" Projektvorstellungen und Kurzfilme gezeigt werden.

Das Welcome Café ist auch für Kinder offen.

(Foto: Gabriela Neeb)

Der irakische Regisseur, Film- und Theaterschauspieler Ammar Alqaisi befasst sich in dem Kurzfilm "Mobile Lifeboat", den er gemeinsam mit Regisseur Martin Otter gemacht hat, mit der Bedeutung von Handys für Flüchtlinge. "Die meisten Menschen", erklärt Rania Mleihi, "löschen regelmäßig Bilder auf ihren Handys. Für uns ist jedes kostbar. Wir behalten sie alle. Sie sind die Verbindung zu unseren Familien, unserem Leben.

Ohne Handy fühlen wir uns verloren, sind wir von unserer Geschichte abgeschnitten." Ammar Alqaisi, der eine dramatische Flucht hinter sich hat, ist gleich zweimal beim Festival vertreten. Zusammen mit jugendlichen Flüchtlingen hat er das Kindertheaterstück "Aladin" inszeniert, eines der Lieblingsprojekte von Rania Mleihi: "Diese unbändige Lust der Jugendlichen, etwas zu machen", so Mleihi, "ihre Begeisterung, ihre Energie sind einfach mitreißend."

Ihr selbst blieben die Traumata der Flucht erspart. Sie sei privilegiert, meint sie immer wieder. Schon bevor sie nach München kam, hatte sie Deutsch am Goethe Institut in Damaskus gelernt. "Ich konnte mich verständigen. Ich habe Menschen getroffen, die mir die Chance gaben, weiterhin künstlerisch zu arbeiten. Ich habe wahnsinniges Glück gehabt."

Einmal in Deutschland Theater machen

Doch es ist ein Glück, in dem der Schmerz nistet. "Du trägst eine Last auf dem Rücken, die du nicht abschütteln kannst. Die Erinnerungen, die Angst um die, die du zurückgelassen hast, die Frage, wann und ob du sie wiedersehen wirst, die Unsicherheit, ob du langfristig hierbleiben und dir ein neues Leben aufbauen kannst. Da ist ein Tsunami an Gefühlen. Aber du darfst dich davon nicht überwältigen lassen. "

Eigentlich hat sich für sie ja ein Traum erfüllt. Schon an der Universität war ihr größter Wunsch, einmal in Deutschland Theater zu machen, das unter syrischen Studenten als ein Mekka für Theaterwissenschaftler und Regisseure gilt. Sie gründete in Damaskus ihre eigene Gruppe und inszenierte am Nationaltheater und Opernhaus. Zunehmend aber kam sie in Konflikt mit der Zensur. Als die Lage in Syrien eskalierte, war sie gerade in Berlin. Ihre Eltern riefen sie an und sagten: "Bleib, wo du bist. Komm nicht zurück."

Sie schlug sich in Budapest mit Jobs durch, doch angesichts der immer brutaleren Anfeindung von Ausländern beschloss sie, nach Deutschland zurückzukehren. "Wo hätte ich hingehen sollen? Was machst du, wenn du plötzlich keine Heimat, keine Freunde mehr hast? Nie zuvor habe ich mich so einsam gefühlt." Aber, betont sie gleich darauf: "Ich bin eine Kämpferin. Ich hatte immer dieses Fünkchen Hoffnung in mir." Mittlerweile ist es mehr als ein Fünkchen. Im Januar wird Rania Mleihi Dramaturgin am Staatstheater Hannover.

"Prayer" hat sie ihren Film genannt, der zur Festivaleröffnung zu sehen ist und mit dem sie nun auch Abschied vom Open Border Ensemble nimmt. Inspiriert wurde sie dafür durch die Erfahrung von Flüchtlingen, dass viele, denen sie begegnen, ihren Blicken ausweichen. In "Prayer" schauen sie uns direkt in die Augen. "Es ist ein leiser, poetischer, man könnte auch sagen romantischer Film, ein Plädoyer für Menschlichkeit und Verständnis, gegen die Angst vor dem Fremden." Ein Plädoyer, fügt sie hinzu, das sich in drei schlichten Sätzen zusammenfassen ließe: "Wir haben überlebt. Wir sind da. Schaut uns an."

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