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Festival:Schöne, weite Heimat

"Maxjoseph" kennen bei den Volksmusiktagen kaum Grenzen

"Volk" würde jetzt beim Reden und Schreiben verwandt werden wie Salz beim Essen, notierte Victor Klemperer 1933 in sein Tagebuch: "An alles gibt man eine Prise Volk: Volksfest, Volksgenosse, Volksgemeinschaft, volksnahe, volksfremd, volksentstammt." Der Begriff Volksmusik, wie ihn seit 30 Jahren die Fraunhofer Volksmusiktage anwenden, passt freilich nicht in Klemperers Auflistung. Und das, obgleich auch hier die Nationalsozialisten alles daran setzten, mit diesem Begriff eine angeblich wahre deutsche Musik gegen die sogenannte entartete Musik zu positionieren. Gegen vermeintlich avantgardistische, atonale, amerikanische, jüdische oder slawische Einflüsse also. Doch die Volksmusik, wie sie im Theater im Fraunhofer und im dazugehörigen Wirtshaus auch jenseits der Volksmusiktage gelebt wird, verteidigt sich nicht gegen derlei Fremdeinwirkungen, sondern allenfalls gegen Fremdbestimmungen. Ganz im Sinne des befreundeten Labels Trikont stärkt sie nämlich "Unsere Stimmen" gegen die Stimme der Obrigkeit und damit gegen die Allmacht der Kulturindustrie. Deren auf Verkaufsmaximierung ausgerichtete Spielart der Volksmusik nennen die im Fraunhofer auftretenden Musiker darum auch abschätzig "volkstümliche Musik".

Was man allerdings überhaupt unter Volksmusik versteht, sei eine sehr persönliche Sache, sagt Josef Steinbacher, einer der beiden Steirische-Harmonika-Spieler, die zusammen mit einem Tubisten und einem Gitarristen als Maxjoseph eigene Kompositionen mit überlieferten mischen. Darunter auch der amerikanische Jazzstandard "All Of Me", der ebenso wie der selbst komponierte Tango für "Graf Pocci" oder der eingangs von der Tuba und den Ziehharmonikas intonierte Jodler zu dem gehört, was die vier überwiegend in München lebenden Musikanten unter einer "Neuen Volksmusik" verstehen. Die hat dann zwar sehr wohl eine alpenländisch assoziierte Grundstimmung, nutzt aber auch mal eine osteuropäische Schwermut oder gar verschiedene Jazzfärbungen.

Letztere stechen besonders in der Soloeinlage des Gitarristen Schorschi Unterholzner hervor, der mit einem Titel aus seinem eigenen Album "Schorschi" für weitere Abwechslung sorgt. Zusammen liefert solche Vielfalt die ideale Kombination, um etwa augenzwinkernd die vierspurige Stadtautobahn als "natürliche Grenze" zweier Münchner Stadtteile zu beschreiben. Oder das romantische Naturerleben eines Bergwanderers, das längst dem Naturbegriff eines Mountainbike-Fahrers gewichen ist. Wie intensiv indes auch der die Natur erlebt, signalisiert bereits der Titel der von Florian Mayrhofer zunächst für die Tuba komponierten Ausflugsimpressionen: "Erste Hilfe".

Bis zum Tanzfrühschoppen am 1. März mit G Rag und die Landlergschwister reizt das Festival täglich außer montags weitere Facetten einer Volksmusik aus. Etwa kommenden Donnerstag mit Massel-Tov, deren Mischung aus Klezmer und Balkanmusik belebend dem völkischen Volksmusik-Begriff der Nazis widerspricht. Ein Wiedersehen mit dem Maxjoseph-Tubisten Mayrhofer gibt es am 5. Februar in dessen zweiter Band Buffzack.

© SZ vom 10.01.2020
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