Festival Neues Geld muss her

Zocken bis die Blase platzt: Charlotte de Bruyne als Croupier im Finanzweltspielcasino „£¥€$“ von Ontroerend Goed.

(Foto: Thomas Dhanens)

Diskurs und Schauwert: "Politik im Freien Theater" bringt viel spannendes Schauspiel nach München

Von Egbert Tholl

Unter den 16 eingeladenen Gastspielen des Festivals "Politik im Freien Theater" sind mindestens zwei, die man sich als Dauereinrichtung in München wünschte. Die eine davon ist "Tender Provocations Of Hope And Fear" des schweizerisch-britischen Duos J&J, ein Langzeitprojekt, das als kuratierte Plattform witzige und waghalsige Künstler präsentiert und somit auch stets etwas Neues bieten könnte. Der bittere Kitsch der schwerstbehinderten Katherine Araniello, die gnadenlose Selbstentäußerung von Noëmi Lakmaier im Finanzdistrikt Londons, der absonderliche und dabei staubtrockene Humor von Kim Noble und seinem kleinen Stoffeichhörnchen, all dies sind Erlebnisse, die lange nachwirken.

Wie auch "£¥€$" vom belgischen Kollektiv Ontroerend Goed. Das verwandelt die Muffathalle in ein Spielcasino, das Publikum wird an Tische gesetzt, die denen beim Black Jack ähneln. Nur wird hier nicht einfach um ein bisschen Geld gespielt. Jeder Tisch steht für einen Staat, jeder Spieler für eine Bank. Man muss ein bisschen Eigenkapital einbringen, das man am Ende wiederkriegt, egal, wie wenig man es verdient hätte. Denn hier geht ziemlich viel den Bach runter. Die Spieler setzen, begeben sich in den Sog der internationalen Finanzwelt, sie würfeln, gewinnen und verlieren. Setzt man zunächst konservativ, geht es lange gut, die Türme mit den Chips wachsen. Aber man ist ja hier zum Zocken. Das Tempo wird erhöht, die Einsätze auch. Sicherheit böte nur noch, auf den eigenen Verlust zu setzen, aber das schmälert den Gewinn. Also langweilig. Weg mit der "Short"-Karte. Und auf einmal ist das ganze Geld weg, ein paar Zettel von Bonds-Anleihen sind noch übrig, deren Wert hängt aber am Rating des Staats. Neues Geld muss her, neue Schulden, durch nichts gedeckt. Dann schmiert der erste Staat ab, der zweite, der dritte, die anderen müssen herhalten. Schluss. Und dann geht alles wieder von vorne los, als wäre nichts gewesen. Gelernt hat niemand etwas. Das ist hoch spannend, weil man selbst der eigenen Gier unterliegt. Und sehr viel über die verschlungene, wechselseitig unüberschaubar abhängige Finanzwelt verstehen lernt. Die Croupiers sind alle kleine Teufelchen, Verführer, extrem gut vorbereitet und äußerst charmant.

Es ist möglich, mittels Theater das Publikum zum Denken anzuregen. Selten kann man ein Festival erleben, auf dem die Zuschauer so intensiv untereinander diskutieren. Das allein ist schon eine enorme Leistung. Den Preis der Jury, dotiert mit 15 000 Euro als Auftrag zum Weiterarbeiten, erhält die Schweizer Gruppe Thom Truong für "Enjoy Racism", einer wagemutigen Performance, die das Publikum dazu zwingt, sich zu verhalten und über eigene Haltungen nachzudenken. Verweigern dies die Zuschauer, scheitert der Abend. Scheinbar. Stimmt aber nicht.

Eine vergleichbare Aggressivität hat "Pink Money", worin Antje Schupp aus der Schweiz und zwei beeindruckende Performer aus Südafrika den Harry-Klein-Club erobern und mit Party und aufreizender Sexyness queeren Tourismus auf der Suche nach sicheren Orten diskutieren. Oder das totale Gegenteil, weiße Männer, die sich nicht trauen, in Europa oder sonstwo schwul zu sein, das aber in Südafrika ausleben wollen. Flesh for Cash.

Einige Produktionen sind sanfter. Aber genauso klug. Corinne Maier lässt vier Performer diskutieren. Darüber, dass sie zum 200. Geburtstag von Jacob Burckhardt im Auftrag der Stadt Basel eine Jubiläumsproduktion machen sollen. Burckhardts Gesicht ziert den 1000-Franken-Schein, ist also weitgehend unbekannt, er galt als wichtiger Kunsthistoriker. Und gilt nun als alter, weißer Mann mit teils bizarren Ansichten bis hin zum Antisemitismus.

Darüber muss man diskutieren, und die Vier, Anne Haug, Lajos Talamonti, Katharina Bill und Oriana Schrage, machen das fabelhaft, sind ungeheuer geistreich und witzig, wütend auch. Dann lassen sie sich von einer aufblasbaren Riesenblase in die Höhe heben, krabbeln in die Blase und machen weiter, nicht wirklich Burckhardt zu Ehren, aber nun abgeschottet - "The End Of The World As We Know It".

She She Pop lassen das Publikum spielerisch die eigene finanzielle Situation preisgeben - in "Oratorium" geht es ums Erben. In "Zvizdal" von der Gruppe Berlin geht es um einen völligen Verlust. Cathy Blisson, Bart Baele und Yves Degryse haben in einem Zeitraum von fünf Jahren mehrmals ein steinaltes Paar besucht, das in der Sperrzone von Tschernobyl lebt. Pétro und Nadia sind die Einzigen, die das Dorf Zvizdal nicht verlassen wollen, sie leben auf einem einsamen Hof, mit einer Kuh, einem klapprigen Pferd, Hund, Katze, Huhn. Einmal im Jahr, zur Feier des Siegs über Nazideutschland, kommt Besuch ins Dorf. Aber die beiden Alten wissen von der Welt da draußen. Japan habe es noch schlimmer erwischt - gemeint ist Fukushima. Sie lieben sich seit 50 Jahren, er hat noch einen Zahn, sie eine liebevolle Sturheit. Sie sagen Sätze von umwerfender, philosophischer Schönheit. Sie sind allein und leben, bis sie sterben, auf dem Hof, der als kleines Modell drei Mal vorhanden ist, drei Jahreszeiten, abgefilmt wird und mit den Bildern des Dokumentarfilms vermengt wird. Ein Abend voller Würde und Respekt und Weh.

Alle Aufführungen waren voll, auch weil die Besucher des Rahmenprogramms in sie hineingeschleust wurden. Aber die müssen ja auch erst mal da sein. Die Sehnsucht nach inhaltlich relevantem Theater ist groß, hier erfüllt sie sich!