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Festival:Mission Kulturfusion

Die Kuratoren des neuen "FNY"-Festivals haben ehrgeizige Ziele: Im Werksviertel sollen Mainstream und Underground verschmelzen, zehn Tage lang gibt es Techno, Kunst und Malkurse

Über die Jahre hinweg wurde der ehemalige Kunstpark Ost zum Ballermann. Kunst war für die Partymeile schon von Beginn an ein etwas euphemistischer Ausdruck. Als viele der Clubs schließlich gegen Mitte der Nullerjahre endgültig wieder in die Innenstadt gezogen waren, entpuppte sich das Gelände - dann unter dem Namen Kultfabrik - schließlich ein bisschen als das geländetechnische Stiefkind Münchens: verrucht, kitschig, voller schlechtem Geschmack und Party-Gedröhne; aber auch erfrischend, weil es völlig untypisch für diese Stadt war.

Jetzt ist dort alles anders, jetzt soll der wilde Osten von seinem Bad-Taste-Image befreit werden. Statt Babylon heißt es dort nun Konzertsaal, und statt Schlagersahne entsteht nun das Werksviertel samt "Container Collective" im angesagt-alternativen Shabby Chic. Um das Gelände zu beleben und (wieder) an das Münchner Nachtleben anzubinden, findet dort von Freitag, 1., bis Sonntag, 10. September, ein auf das Areal zugeschnittenes Festival statt.

Für dessen Umsetzung wurden die Münchner Veranstalter und langjährigen Nachtleben-Gestalter Mirko Hecktor, der vor einigen Jahren mit dem Buch "Mjunik Disco" die hippe Vergangenheit Münchens aufzeigte, Marc Meden von der Elli-Disco und Hubertus Becker, der das Popkultur-Blatt Super Paper herausgibt, beauftragt. Die legten sich entsprechend ins Zeug und stampften innerhalb von vier Monaten das FNY-Festival aus dem Boden; wenig Zeit, um ein derart fülliges Programm aus nationalen und internationalen Bekanntheiten der elektronischen Musikszene sowie Bildenden Künstlern, Theatermachern, Modedesignern und Poetry-Slammern zusammenzustellen.

Wegbereiter im Werksviertel: Beleuchtete Wassertanks bilden die Tanz-Arena für Münchens jüngstes Festival, das Marc Meden, Mirko Hecktor und Hubertus Becker (von links) organisiert haben.

(Foto: Robert Haas)

FNY ist eine Abkürzung, die sowohl für das englische Wort funny stehen kann, was wiederum die Assoziation zur Knödelvergangenheit des Geländes als Werkssitz von Pfanni zulässt, sich aber englisch ausgesprochen auch auf "fly" oder "sky" reime, wie Hecktor erklärt. "I believe I can fny, I believe I can touch the fny", singt er vor. Vage und auch gewollt versponnen ist die Namensgebung, assoziationsreich und mit einer Uneindeutigkeit, die zum Stil dieser Veranstaltung passt: irgendwo zwischen ausgestellter Nachlässigkeit und gleichzeitiger Hingabe an die Sache.

Meden, Hecktor und Becker befinden sich jetzt mit Anfang 40 an einer dazu passenden Schnittstelle. Sozialisiert in der Subkultur, sind sie mittlerweile etabliert genug, um als Mainstream auf ihrem Gebiet wahrgenommen zu werden. Stolz erzählen die drei, dass sie auf 30 Jahre Nachtleben zurückblicken und wie sie noch als Teenager unangemeldete Guerilla-Partys in der Unterführung unter dem Friedensengel veranstalteten und damit ganz Bogenhausen beschallten. Stolz sind sie auch auf ihr riesiges Netzwerk, das sie über die Zeit hinweg zu Künstlern jeglicher Couleur aufgebaut haben - eine Art Kapital, das ihnen jetzt von Nutzen ist. Sie repräsentieren eine Ästhetik zwischen Style und Verkommenheit, die das Werksviertel und das Festival, aber auch die Werber und Lifestyle-Beschwörer gerade sehr lieben.

Das FNY-Festival ist für die drei aber gleichzeitig auch so etwas wie ein richtig ordentlich bezahlter Job, den sie auf Grund ihrer - wenn man so will - eben 30-jährigen Berufserfahrung bekommen haben. Der Werksviertel-Visionär und Pfanni-Erbe Werner Eckart finanziert dieses Festival, in dessen Kernteam etwa 30 Menschen arbeiten und das ein bisschen auch wie eine Visitenkarte funktionieren dürfte: Im Moment wirkt das orangefarbene "Werk 3"-Gebäude trotz der hübschen Adresse "Atelierstraße" und der darin arbeitenden Künstler noch ein wenig steril: Das Festival könnte ein Publikum abseits von dem der üblichen Großkonzerte in der Tonhalle ins neu konstruierte Kreativ-Viertel locken; ein Publikum, das vielleicht auch ohne Festival wiederkommt.

Grenzen zwischen Hoch- und Subkultur, zwischen populärer Kultur und Underground sollen hier verschwimmen. Das Viertel wie das Festival zeigen sich hoch ambitioniert und idealistisch, gleichzeitig aber auch wirtschaftlich orientiert. Doch dafür wird eine Ästhetik benutzt, die in ihrem Entstehen einmal als Gegenentwurf zu kommerziellen Strukturen gedacht war. Das, was früher Independent, also unabhängig und alternativ zur kommerziellen Kultur war, ist heute ästhetisch das Maß der Dinge. Das zeigt sich darin, dass manche Werbungen großer Konzerne den Stil der Street Art imitieren. Und ein Festival, das Underground sein will und gleichzeitig auch in ein solches Großprojekt integriert ist, trägt das gleiche Paradox in sich, wenn auch in abgeschwächter Form.

Meden, Hecktor und Becker kennen solche Gegensätze. Die Abgrenzungskämpfe zwischen Untergrundkultur und Mainstream sind ihnen nicht unbekannt; mit dem Festival haben sie sich aber ganz bewusst ein anderes Ziel gesetzt: Sie halten die Trennung in Subkultur und populäre Kultur für überholt. Ihr Festival soll entsprechend für alle sein, soll alle ansprechen und die Besucher sogar ein bisschen ästhetisch erziehen. Diejenigen, die wegen bekannterer Acts wie etwa Erobique aus Hamburg kommen, nehmen quasi nebenbei eine Ausstellung mit. Und die vielleicht verkopfteren Ausstellungs- oder Performancebesucher tauchen im Idealfall mehr oder weniger übergangslos in die Party ein, so der Gedanke dahinter.

Das Gelände, auf dem in den Wochenendnächten zu Techno getanzt wird, ist entsprechend spektakulär gestaltet. Am Platz der zukünftigen Konzertsaal-Baugrube wurde im Freien aus beleuchteten Wassertanks eine Art Arena gebaut. Einen zweiten Floor gibt es in der Tiefgarage, in der das High-End-Soundsystem besonders körpererschütternd klingen dürfte. Irgendwann werden die Macher jeder Subkultur erwachsen - dann wird deren jugendliches Underground-Kunstverständnis zwangsläufig zur etablierten Kultur einer Generation. Mit dem Techno und der elektronischen Musik ist das gerade der Fall.

So gibt es beim FNY neben den Club- und Tanzabenden auch so etwas wie Familiensonntage. Der Nachwuchs der ehemals alternativen Subkulturanhänger, kann da die Insignien dieser Kultur in Workshops erlernen: Etwa beim Malkurs mit dem höchst etablierten Graffiti-Künstler Loomit oder beim Skateboard-Workshop.

FNY-Festival, Freitag, 1., bis Sonntag, 10. September, Werksviertel am Ostbahnhof