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Festival in der Schweiz:Ein Spiel mit dem Virus

Aufruf zur Veränderung oder Resignation: Tim Etchells' vieldeutige und weithin sichtbare Installation auf der Landiwiese.

(Foto: Zürcher Theater Spektakel)

Einmalig: Das Zürcher Theaterspektakel geht mit den Corona-Beschränkungen auf eigene, äußerst vorsichtige Art um.

Von Egbert Tholl

Nun ist man an dem Punkt angelangt, an dem man als Mitverantwortlicher der Lebensmittelbehörde entscheiden muss, ob man die gehorteten Vorräte freigibt. Tut man es, sind sie weg. Tut man es nicht, gibt es 5000 Tote mehr. So sagen es die Spielregeln. Die Situation ist außer Kontrolle geraten, 5000 eine Zahl für die Statistik. Also rückt die Lebensmittelbehörde nichts heraus.

"Virus" von Yan Duyvendak ist die einzige Produktion des diesjährigen Zürcher Theaterspektakels, die genau so wie geplant stattfindet. Das Theaterspektakel ist eine Institution im Reigen der internationalen Theaterfestivals, angesiedelt auf der Landiwiese am Zürichsee und in benachbarten Hallen wie der Roten Fabrik. Im vergangenen Jahr feierte man Jubiläum, 40 Jahre, da kauften 25 000 Menschen Karten für die mehr als 30 Produktionen und noch einmal 130 000 sahen das kostenlose Beiprogramm. Eine Million Franken nahm man an der Kasse und über die Gastronomie ein, ein Fünftel des Gesamtetats. Dieses Jahr: keine Gastro, kaum Karten, die etwas kosten, kaum Einnahmen. Aber ein Festival, abgerungen den herrschenden Bedingungen und einmalig in seiner Art.

Die inszenierte Nähe auf Distanz begeistert viele

"Virus" ist ein Spiel, bei dem der Zuschauer selbst zum Handelnden wird. Ausgangspunkt waren Simulationen der EU und der WHO, in denen der Umgang mit einer Pandemie geschult werden sollte. Damals ging es vor allem um Ebola in Westafrika. Yan Duyvendak, schweizerisch-niederländischer Pionier des partizipativen Theaters, hatte Anfang des vergangenen Jahres die Idee, zusammen mit dem französischen Arzt Philippe Cano, der für die EU an der Simulation arbeitete, ein Theaterspiel daraus zu entwickeln. Erste Testläufe fanden Ende 2019 statt, und die Probanden taten sich schwer, das Ganze ernst zu nehmen. Dann kam Corona.

Matthias von Hartz, der künstlerische Leiter des Festivals, wusste früh, dass er die ursprüngliche Planung vergessen konnte. Er wollte das internationale Programm nicht wegen der Reisebeschränkungen auf Gäste aus den Nachbarländern reduzieren, wollte auch keine Aufführungen entwickeln, in denen man mit Abstand auf der Bühne so tut, als sei alles normal. Und vor allem wollte er nicht 5000 Menschen gleichzeitig auf der Wiese haben. Nun liegen da zwar auch viele in der Sonne, aber für die hat er ja keine Verantwortung.

Auch in der Schweiz steigen die Infektionszahlen. Nicht wegen der Kunst, das Theaterspektakel ist die erste große Theaterveranstaltung, die überhaupt in der Schweiz stattfindet, von einzelnen Sommertheatern wie etwa dem in Kreuzlingen abgesehen. Das Problem in der Schweiz sind eher die Clubs, das Feiern. Von Hartz sagt, 30 Prozent der Neuinfizierten seien zwischen 20 und 29 Jahre alt.

Bei ihm: maximale Sicherheit. Einzelne der eingeladenen Künstler bauten ihre Produktionen um oder erfanden neue. Andere sandten Material, das man dann in Zürich zusammenfügen konnte. So sammelte etwa die Gruppe Ligna Texte und Choreografien von Künstlern aus Brasilien, Mosambik, Japan, dem Iran und weiteren Ländern, zu denen sich nun die Zuschauer auf dem Bürkliplatz bewegen. Mit Kopfhörern, ohne Maske. Ein Radioballett. Gefühlig, aber für viele das reine Glück: Sie strahlen über die inszenierte Nähe auf Distanz.

Sonst bleibt die Maske auf. Auch bei "Sun & Sea", der Opernperformance aus dem litauischen Pavillon der letztjährigen Biennale in Venedig. Deren Anwesenheit war gar nicht geplant, aber die Truppe lebt quasi in Quarantäne, durfte also kommen. Auch im Freien muss man Maske tragen, beim entzückenden Kinderstück der belgischen Truppe Studio Orka, die wunderlich versponnen eine Blasebalgorgel gebaut hat, die das Meer beruhigen kann. Und wenn es gar nicht anders geht, fährt man Schiff für sich allein, im Ohr Lagartijas Tiradas al Sol aus Mexiko und die Schweizerin Isabelle Stoffel. Man schaut auf den Zürichsee und hört, wie in Mexiko eine Landschaft vertrocknet, weil der Konzern Nestlé das Wasser privatisieren und für eigene Zwecke ausbeuten ließ.

Am Ende von "Virus" ist die Hälfte der Weltbevölkerung tot, die andere lebt in totalitären Staaten

Bei "Virus" hilft die Gruppe Kaedama bei der Aufführung. In der Roten Fabrik teilen Schauspieler wie die fürsorgliche Anne Schäfer das Publikum in sieben Gruppen ein, jede und jeder kriegt ein Trikot, blau, weiß, grün, Sicherheit, Volk, Wirtschaft. Jede Gruppe erhält Briefumschläge, Fragen zum Grübeln, Aufgaben, auch um mit anderen Gruppen zu interagieren, wobei es immer wieder ums Geld geht. Erste Phase: Im Nachbarland ist die Vogelgrippe ausgebrochen. Zweite Phase: Inländer sind infiziert. Hektik kommt auf, auf einer Tafel werden die Todeszahlen aufgeschrieben, die Presseabteilung verbreitet laut unzureichende Neuigkeiten, das Volk demonstriert, die Wirtschaft braucht Geld. Krisensitzung: Grenzen dicht, Schulen bleiben auf. Zwei Stunden lang muss man mit Maske im Gesicht diskutieren, Entscheidungen treffen, ohne wirklich Bescheid zu wissen. Willkommen in der Pandemie!

Das Spiel endet an diesem Abend verheerend. Auswertung der Spielmacher: Die Hälfte der Weltbevölkerung ist tot, die andere lebt in totalitären Systemen. Wie es dazu kam, bleibt allerdings diffus. Ja, man hätte manche Vorgabe missachten, besser zusammenarbeiten müssen. Da ist die Analyse längst nicht abgeschlossen. Für die EU ist übrigens das beste Ergebnis der Sieg eines erstarkenden Kapitalismus.

© SZ vom 19.08.2020
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