Festival:Glatt und Gloria

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Festival: Beim "Feel Russia"-Festival konnten die Besucher die Vielfalt russischer Musik fühlen - etwa mit der Rock-Balalaika-Crossover Truppe "Bis Quit" aus Moskau.

Beim "Feel Russia"-Festival konnten die Besucher die Vielfalt russischer Musik fühlen - etwa mit der Rock-Balalaika-Crossover Truppe "Bis Quit" aus Moskau.

(Foto: Robert Haas)

Puschkin, Putin, Propaganda? Wenn die Russen kommen, um auf dem Marienhof ein offizielles Kulturprogramm vorzustellen, erwartet man viel - und doch das Falsche

Von Rita Argauer

Russland und Bayern haben ein speziell liebevolles Verhältnis derzeit. Vielleicht hat es deshalb so überraschend schnell funktioniert, dass das russische Kultur-Export-Festival "Feel Russia" nach München kam. Nur um die drei Monate brauchte die Stadt für die Organisation von Open-Air-Bühne und Ausstellungspavillons auf dem Münchner Marienhof. Das überrascht, weiß man doch, wie träge manch andere Genehmigungen für größere und kleinere Veranstaltungen so ablaufen können. Doch seit Kultusminister Ludwig Spaenle im vergangenen Frühjahr mit einer Delegation nach Russland gereist war, um die kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen zu vertiefen, klappt das mit dem russisch-bayerischen Austausch, trotz deutscher Bürokratie.

So sitzen Spaenle und die stellvertretende russische Kulturministerin Alla Manilowa am Tag vor dem Festival auch recht einig im russischen Konsulat in München und erzählen hinter Blumenbouquets in den russischen Nationalfarben von ihren gemeinsamen Plänen, während zuvor im Hintergrund Tschaikowskys "Blumenwalzer" lief und eine Stimme vom Band immer wieder "Feel Russia" verkündete. Ja, das Gefühl wird großgeschrieben bei dieser Veranstaltung. Die politischen Beziehungen zu Putins Russland sind angespannt, Kultur und Kunst sind da ein unverfängliches Thema. Man hält sich an Valery Gergiev - auch während der Pressekonferenz, die das Konzept präsentieren sollte, spricht man von der "Kultur als Brückenbauer" und wiederholt damit ein Bild, das der russische Chefdirigent der Münchner Philharmoniker benutzte, als er sich hinter Putins Krim-Politik stellte und dafür stark in der Kritik stand. "Die Kultur steht über der Politik", sagt aber Kultusminister Ludwig Spaenle während der Konferenz, "egal, was passiert, so etwas sollte weiter organisiert werden". Damit meint er nicht nur das Festival, es geht generell um den russisch-bayerischen Kulturaustausch, der ja - etwa durch Kandinsky in München - eine weitreichende Vergangenheit hat. Und da sind durchaus einige sehr sinnvolle Sachen dabei, insbesondere die geplante gemeinsame "Erinnerungsarbeit", bei der russische und deutsche Archive zusammen die Schicksale sowjetischer Kriegsgefangener in Deutschland aufarbeiten sollen - "ein wichtiges Anliegen der Bayerischen Staatsregierung", wie Spaenle betont. Und in der Kunst, da birgt Russland unzweifelhaft sehr viel sehr Spannendes, Vielschichtiges, Divergentes und Faszinierendes.

Beim Festival am vergangenen Wochenende transportierte sich das aber nur in Details. Etwa in der Ausstellung über russische Tuchmalerei: Die Motive, im kitschig-realistischen Stil auf Seide, zeigen, was in diesem Land allein an geschichtlicher und gegenwärtiger Bildlichkeit steckt: Ein Tuch zeigt arktische Eisbrecher, eines bildet an den sowjetischen Realismus erinnernd moderne Baumaschinen ab, dann ein Wolf-Mensch-Fabelwesen, daneben die Basilius-Kathedrale, schließlich eine zaristische Ballszene, die an Anna Karenina denken lässt, am Ende noch abstrakt schöne Blumenornamente. Am nächsten Tag sind die Tücher Landschaftsfotografien in knallenden Farben gewichen - doch abgesehen von der etwas brüllenden Ästhetik ist die hier abgebildete Breite, von der Tundra bis Alanien, faszinierend: "Das ist schon krass groß, das Land", murmelt ein Teenager zu seinem Kumpanen. Beeindruckte Pubertierende, das heißt etwas.

Doch so subtil zu faszinieren wie hier, das geht dem Bühnenprogramm maßgeblich ab. Draußen auf dem Platz klingelt, schmettert und geigt es von allen Seiten: "Kalinka, Kalinka, Kalinka moja. . ." Hier dominiert das Klischee in Holzhammer-Manier, in fast jeder der Bühnendarbietungen, die sich über zwei Tage hinweg wiederholen, kommt mindestens einmal diese Melodie vor. Sei es mehr perkussiv bei der Trommeltruppe "Ritmy Gor", oder bei den Sängern des Mariinsky-Theaters (der Tenor Alexander Trofimow und die Sopranistin Katarzyna Mackiewic), die diesen Prototyp des russischen Volkslieds in opernhafter Künstlichkeit auf die Klänge der Moskauer Balalaika-Rock-Truppe Bis-Quit setzen. Es ist die dritte Station, die das Festival in diesem Jahr macht - zuvor war es in Wien und Almaty; Athen, Madrid und Helsinki sollen folgen. Es ist aber auch eine affirmative Werbeveranstaltung für einen Staat mit angeschlagenem Image: folkloristisch, gefühlig und glatt.

Wer es nicht selbst kapiert, dem wird in superlativreichen Moderationen erklärt. Besonders zur Eröffnung am Samstag Nachmittag wirkt das etwas verkrampft. Aus den Lautsprechern fließt Orchestermusik, während die Moderatoren (die Schauspieler Michael Dangl und Katharina Pichler) im werbeaffinen Sing-Sang die "fantastisch begabten Kinder" aus der Trommelgruppe vorstellen oder die "einzigartigen Gemälde-Reproduktionen" preisen. Werke des russischen romantischen Realismus, die Münchner Kultureinrichtungen, etwa dem Gasteig oder dem Kultusministerium überreicht werden. Davor spricht die Kulturministerin Alla Manilowa - verweist wie schon in der Pressekonferenz auf die kunst- und musikgeschichtsträchtigen Verbindungen von Russland und Bayern und zählt aktuelles Wirken russischer Künstler in München auf: Gergiev, Petrenko und die im vergangenen Jahr verstorbene Ballerina Maja Plissezkaja. In diesen Beispielen, sei es klassische russische Musik oder abstrakte Malerei, geht es jedoch um Kunst, die eine Oberfläche aufraute, die ihre Gegenwart zu zersplittern vermag, um auf darunter Liegendes hinzuweisen. Alles Eigenschaften, die dem auf dem Marienhof präsentierten Programm fehlen. Hier wird Liebliches zum Wohlfühlen gezeigt. Das kann durchaus Spaß machen: Vor allem am Sonntag Nachmittag reagiert ein gut durchmischtes Publikum aus Familien, Touristen und hängen gebliebenen Passanten euphorisch auf die slawischen Techno-Gesänge von Folk Beat, feuert die artistisch fliegenden Beine der Kasatschok-Tänzer an oder schwelgt in den vollen Stimmen der Opernsänger. Doch die Faszination für ein Land, das an Divergenzen und Brüchen kulturell wie landschaftlich und geschichtlich so reich ist, die vermag das glatt gescheuerte Bühnenprogramm nicht zu vermitteln.

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