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Festival:Funkeln im Dunkeln

Mit Vollgas durch die Nacht: "White Wine" heißt das Solo-Projekt von Joe Haege, das er am Freitag im Substanz vorstellt.

(Foto: Manic Street Parade)

Bei der "2. Manic Street Parade" treten Pop-Newcomer aus aller Welt in den Clubs im Schlachthofviertel auf. In Diskussionen und Vorträgen soll die Zukunft des Münchner Nachtlebens beleuchtet werden

Von lena lanzinger

Berauschende Rhythmen und tiefer Clubsound der britischen Band Otzeki, Oldschool-Rap aus den Neunzigerjahren und Elektro-Soul von Unno aus Frankreich sowie Acid Arab, die elektronische Musik mit ihren arabischen Wurzeln live mixen - vielfältiger könnten die angekündigten Bands kaum sein. Im vergangenen Jahr gab es das erste Münchner Clubfestival im Schlachthofviertel: fünf Orte, 17 Bands und Popkultur auf hohem Niveau. Die Idee dazu hatten der Sportfreunde Stiller-Manager Marc Liebscher und Andreas Puscher von der Hamburger Agentur Selective Artists. Auch Julia Viechtl, Stefan Schröder und Fabian Rauecker, der ehemalige Tour-Manager von La Brass Banda, waren involviert. Die Resonanz von Besuchern und Künstlern war so positiv, dass für die diesjährige Festivalausgabe gleich mehrere Erweiterungen vorgenommen wurden.

"Wir wollen mit der Manic Street Parade interessante und internationale Newcomer nach München holen und ein Festival schaffen, in dem man neue Musik entdecken kann", sagt Viechtl, die im Kulturreferat der Stadt die Fachstelle Pop leitet und den politischen Teil der Parade organisiert. Die Clubbesucher scheinen das Konzept dankend anzunehmen: Nach der ausverkauften Premiere im vergangenen Jahr hat sich das Team dazu entschlossen, das Festival zu erweitern. Aus einem werden zwei Tage mit 25 Bands, die außerhalb des Schlachthofs noch an fünf weiteren Orten musizieren und bequem zu Fuß erreichbar sind. Neben dem Schlachthof finden Auftritte in der ehemaligen Table-Dance-Bar Pigalle, der Südstadt, dem Substanz, dem Strom-Club und nun auch in der Kirche Sankt Anton statt.

Ebenfalls neu ist die Manic Day Parade, die Samstagnachmittag stattfindet und in der über die Zukunft des Münchner Nachtlebens gesprochen wird. Marc Wohlrabe von der Club Comission Berlin hält den Impulsvortrag "München 2045", während Mirik Milan, der Nachtbürgermeister Amsterdams, über einen Beruf spricht, den es schon in vielen anderen Großstädten gibt. Julia Viechtls Haltung dazu ist klar: "Ich möchte das einfach als Konzept vorstellen, ob wir dann am Ende einen Nachtbürgermeister haben werden, ist eine andere Sache." Aber nicht nur darüber wird intensiv diskutiert: "Eine Geschlechtergleichheit auf der Bühne war ein großes Ziel für dieses Jahr. Wir möchten mit unserer Eröffnungs-Reception am Freitag zeigen, dass wir Frauen in der Musikbranche stärken wollen", sagt Viechtl.

Während es viele Festivals gibt, die sich auf ein Genre festlegen, will die Manic Street Parade mehr abdecken. "Wir wollen schauen, was es momentan für Strömungen gibt. Aktuell fällt uns auf, dass Neo-Klassik ein sehr starkes Segment ist und sich schnell entwickelt", sagt Andreas Puscher, der für das Programm verantwortlich ist und sämtliche Bands live gehört hat. Einige Künstler, wie der Hamburger Lambert oder die britische Musikerin Poppy Ackroyd, treten mit einem Konzertflügel auf, sampeln ihre Musik live und experimentieren mit ihren Aufnahmen.

Zeal & Ardor, ein Schweizer Solokünstler, verbindet amerikanische Sklavengesänge mit Soul und Black Metal. "Das ist so herrlich skurril und hat viel mehr Charakter, als manch andere mainstreamige Popband", sagt Puscher. München liegt mit seinem Clubfestival voll im Trend. Hamburg hat sein Reeperbahnfestival, Köln das c/o Pop Festival. Mit der Manic Street Parade wollen die Organisatoren auch der Münchner Szene in popkultureller Hinsicht ein bisschen unter die Arme greifen. Da sich die Stadt rasend schnell verdichte, sei es die Aufgabe der Stadtverwaltung und Politik, das Nachtleben florieren zu lassen, fordern sie. "München braucht Freiräume für kleinere Clubs und verschiedene Subkultur-Szenen, die sich ihre Treffpunkte in der immer teurer werdenden Großstadt nicht mehr leisten können", sagt Viechtl. Beschwerden gab es im vergangenen Jahr so gut wie keine. "Wir haben nachts alles wieder aufgeräumt, sind durchs Viertel gegangen und haben restliche Plakate eingesammelt. Für die Anwohner soll es ja auch ein tolles Erlebnis sein", sagt Julia Viechtl. Für die gibt es sogar einen Festival-Rabatt. "Wir wollen die Leute dort im Schlachthofviertel mit einbeziehen", betont Andreas Puscher. Dann erzählt er, wie ihm ein Besucher auf die Schulter geklopft und gesagt hat, er freue sich, wenn in seinem Viertel was los ist. "Normalerweise werden hier um 23 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt und jetzt sind hier so viele Leute in meinem Kiez unterwegs", habe der Mann gesagt.

Manic Street Parade, Freitag und Samstag, 27. und 28. Oktober, Schlachthofviertel, Infos unter manic-street-parade.com

© SZ vom 27.10.2017
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