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Festival:Eine ganze Menge Heute

Manic Festival Schlachthof

Einer von einigen schillernder Auftritten: Die Berliner Band Gurr war zuletzt als Vorgruppe von Annenmaykantereit in München. Jetzt kamen sie zur "Manic Street Parade" am Samstagabend in den Schlachthof.

(Foto: Florian Peljak)

Die "Manic Street Parade" ließ im Schlachthofviertel ein Wochenende lang eine Zone für Pop-Musik entstehen - und reihte einen Höhepunkt an den anderen

Die Stadt gehört mir", proklamierte die Münchner Rapperin Fiva gleich zu Beginn der dritten "Manic Street Parade" im Schlachthof. Das galt quasi stellvertretend für alle Beteiligten des Popmusik-Festivals, das an diesem Wochenende immerhin das gesamte Schlachthofviertel in eine einzige wunderbare Popzone verwandelte - unterstützt vom Wetter, das das Flanieren zwischen den Spielstätten in gemütliche Abendspaziergänge verwandelte. Mit dem eng gestrickten Zeitplan des Konzertprogramms war solche Gemütlichkeit am Samstagabend allerdings nicht zu vereinbaren. Weswegen routiniertere "Manic Street Parade"-Besucher die verschiedenen Spielstätten zwischen der Antoniuskirche in der Kapuzinerstraße und dem Strom in der Lindwurmstraße mit ihren Fahrrädern anfuhren. Das gestattete mitunter, auch mal nur neugierig in das eine oder andere Konzert hinein zu zappen und beim ein oder anderen Höhepunkt des Programms hängen zu bleiben.

Hängen bleiben konnte man am Samstagabend gleich zu Beginn des Konzertabends in einem besinnlich schönen Vortrag des Londoner Singer-Songwriters Tom Rosenthal in der St. Anton-Kirche. Begleitet von einem Gitarristen und einer Cellistin, die ebenso fantasievoll wie gewitzt ihre Klangfiguren in Rosenthals Songs tupfte wie einst der Fernseh-Maler Bob Ross Wolken, Flusslandschaften und Bäume in seine vor der Kamera entstandenen Bilder. Stimmungsverstärkend illuminierten dazu Visuals den Altarraum, in welchem die Band bei ihrem allerersten Konzert in München thronte, derweil ihre Fans ihnen buchstäblich zu Füßen saßen, auf dem Kirchenboden vor dem Altar, und in den dazu vorgesehenen Kirchenbänken. Die Andacht, mit der sie dem Konzert lauschten als wäre es die erbaulichere Abendmesse, ließ dann auch jene Liebe greifbar werden, von denen das Bibelzitat auf der Kirchenmauer spricht: "und wüsste ich alle Geheimnisse und hätte alle Erkenntnis, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts".

Sofort möchte man dieses Zitat auf das gesamte Festival anwenden und bekunden: Die Veranstalter der "Manic Street Parade" sind wahrlich von einer solchen Liebe zur Musik angetrieben, die das gesamte Programm zur spannenden Momentaufnahme aktueller Popströmungen gedeihen ließ. Und zwar mit solcher Band-Dichte, dass die glücklichen Besucher des Rosenthal-Auftritts auch gleich wieder zu bedauern sind, weil sie mit der gleichzeitig im Schlachthof rockenden australischen Band Money For Rope wahrscheinlich die beste Live-Performance seit Iggy Pops Stooges verpasst haben. Zwei Schlagzeuger, die teils synchron, teils rhythmusergänzend in die Trommeln droschen, eine Orgel, die über den heißen Sound flirrte wie eine Luftspiegelung in der Wüste. Dazu Gitarrenrock und Sänger, die den Haustechniker bisweilen auch mal um seine Mikrofone bangen ließen.

Zum Glück gab es bis in die tiefe Nacht noch genügend weitere nationale und internationale Acts zu entdecken, die ein Festival in München aufregend bestätigten, dessen Auftakt am Vortag allerdings unter seinen Möglichkeiten blieb. Sogenannte Munich Allstars traten nämlich im Programm des Verworner-Krause-Kammerorchester auf. Darunter Flo und Rüde von den Sportfreunde Stiller, die eingangs erwähnte Fiva, die herrlich mitreißende Rockband Blackout Problems oder Me&Marie, sowie auswärtige Musiker wie der Sänger der Grazer Band Granada, Thomas Petritsch, die für diesen Abend eingemeindet wurden. Statt aber nun die Songeinlagen ihrer Gäste mit ihrem eigenen, zu Recht gefeierten Sound neu einzukleiden, begleitete das VKKO die Munich Allstars in weiten Teilen nur eher routiniert als inspiriert. Was einer vergebenen Chance gleichkommt, die die Jazzrausch Bigband vor zwei Jahren in ihrer Zusammenarbeit mit Fiva noch besser zu nutzen wusste.