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Festival de Cannes:Können Sie Cannes?

H wie "Hype", N wie "Nackte Brüste": In Cannes ist alles möglich, seien Sie vorbereitet. Ein Schnellkurs zu den 63. Internationalen Filmfestspielen.

A wie Azur

Michael Douglas

Ohne H wie Hype geht es nicht, ein Film muss jedes Jahr dabei sein, auf den alle Welt hektisch wartet. Diesmal ist es die Fortsetzung, die Oliver Stone von seinem legendären Finanzreißer

Wall Street

gedreht hat - wieder mit Michael Douglas.

(Foto: Foto: Verleih)

Die Sehnsuchtsfarbe von Cannes, gibt nicht umsonst der Küste ihren Namen. Die ganze Stadt ist wie ein Amphitheater angelegt, mit Ausblick ins Blau. Zwischen Himmel und Meer besteht da meist überhaupt kein Unterschied - wenn das Sturmtief, das in den vergangenen Wochen noch gewütet hat, sich rechtzeitig vor dem Festival verzieht.

B wie Baron, Le

Der einzige Club der Stadt, der noch nicht von Russen und goldglitzernden Yachtproleten dominiert wird. French-House-Pioniere legen hier gern auf, auch ein sehr intimer, unangekündigter Auftritt von Debbie Harry ist durchaus mal drin.

Schnellkurs Cannes: C wie Carte Blanche

C wie Carte Blanche

Sie ist wirklich weiß mit einem goldenen Punkt, die Ausweiskarte für Journalisten mit der höchsten Priorität. Haben vor allem Franzosen und Amerikaner, wie der große Kritiker Roger Ebert, der jedes Jahr mehr vom Krebs gezeichnet ist. Oder der alles überragende Mann mit der Baseballmütze, Todd McCarty von Variety. Als dieses Urgestein der Filmkritik neulich entlassen wurde, war klar: Cannes wird dieses Jahr nicht mehr dasselbe sein.

Schnellkurs Cannes: L wie Läden

L wie Läden

Alle teuren Marken sind natürlich an der Strandpromenade vertreten, aber Hipness und modische Impulse darf man von Cannes nicht erwarten. Die Ganzjahresklientel sind reiche Rentner mit Goldrandbrillen, im Sommer kommen noch durchreisende Yachtbesitzer dazu, die sich für tausend Euro irgendwas Blauweiß-Gestricktes über die Schulter werfen wollen.

Schnellkurs Cannes: M wie Marches, Les

M wie Marches, Les

So nennt sich der, wenigstens in den zwei Wochen des Festivals, meistfotografierte Laufsteg der Welt. Tatsächlich müssen vor jedem Galascreening ein paar mit rotem Filz belegte Treppenstufen (marches) überwunden werden. Auf denen haben sie alle schon posiert - von Madonna im Spitzbustier bis zur hochschwangeren Angelina Jolie. Das Tolle aber ist: Auch Normalsterbliche mit Invitation (siehe dort) dürfen über diese Stufen stolzieren. An einem Wald von Kameras vorbei.

Schnellkurs Cannes: N wie Nackte Brüste

N wie Nackte Brüste

Noch so eine Cannes-Tradition. Begründet hat sie das Starlet Simone Sylva im Jahr 1954. Es lehnte sich an den nichtsahnenden Robert Mitchum und riss ohne Vorwarnung ihr Bikini-Oberteil herunter. Die Fotografen drehten durch, es kam zu Kämpfen, Arm- und Beinbrüchen. Sylva wurde aufgefordert, Cannes sofort zu verlassen - aber zahllose junge Damen, in den letzten Jahren vor allem Pornostars, haben ihr seither immer wieder nachgeeifert.

Schnellkurs Cannes: O wie L'Organisation

O wie L'Organisation

Ist hier bitte französisch auszusprechen. Cannes ist von allen großen Festivals das am besten organisierte. Das ist nicht unbedingt das Verdienst der beiden Männer Gilles Jacob & Thierry Frémaux, die als Präsident und künstlerischer Leiter über allem thronen, sondern vor allem den charmanten und doch absolut stählernen Ladys zu verdanken, die ihnen den Rücken freihalten: der Pressechefin Christine Aimé zum Beispiel, oder der Protokollchefin Martine Offroy.

Schnellkurs Cannes: P wie Partys

P wie Partys

Presseagenten haben meist die Aufgabe, rundweg zu bestreiten, dass zu diesem oder jenem Film irgendwas Richtung Party geplant sei. Was natürlich nicht stimmt. Viele Journalisten wiederum setzten allen Ehrgeiz daran, ihnen das Gegenteil zu beweisen und dann auch noch eine Einladung abzutrotzen. Vorsicht also ist bei Partytickets geboten, die einem freiwillig mit einem Lächeln überreicht werden - damit kommt man allenfalls auf uninspirierte Massenveranstaltungen.

Schnellkurs Cannes: Q wie Q & A

Q wie Q & A

Steht für Questions & Answers, also für die Möglichkeit, einer weltweit bekannten Persönlichkeit genau jene Frage zu stellen, die diese im Augenblick garantiert nicht hören will: zum Beispiel, ob es nicht doch sehr schmerzhaft sei, vom Ehemann betrogen zu werden. Wird in Cannes rituell organisiert in Form vom Pressekonferenzen, sogenannten Round- Table-Gesprächen oder One-on-Ones. Das One-on-One ist ein Einzelinterview mit dem Star, das mit ungefähr tausend E-Mails rund um den Globus geplant wird, bevor einen Tag vor dem Termin dann die Absage kommt.

Schnellkurs Cannes: R wie Rue d'Antibes

R wie Rue d'Antibes

Die stillere Parallelstraße zur überfüllten Strandpromenade Croisette. Hier führt Natalie Portman schon mal so entspannt ihren Hund Gassi, dass der geschätzte Kollege eines großen Nachrichtenmagazins, der mit uns in der Gegenrichtung unterwegs war, sie gar nicht bemerkt hat. Als wir ihn dezent auf das Ereignis hinweisen, machte er prompt auf dem Absatz kehrt - und ward für den Rest des Abends nicht mehr gesehen.

Schnellkurs Cannes: S wie Stars

S wie Stars

Sind für die Filmkunst natürlich nicht alles - trotzdem dreht sich in Cannes fast alles nur um sie. Und ja, wenn man zufällig mal mit einem S. im Aufzug fährt, ist der Tag danach wirklich nicht mehr derselbe.

Schnellkurs Cannes: T wie Tourismus

T wie Tourismus

Der eigentliche Grund, warum Filmfestivals überhaupt erfunden wurden. Das erste und älteste, die Mostra Internationale d'Arte Cinematografica in Venedig, gründete ein Hotelier auf dem Lido, um das Geschäft anzukurbeln. Frankreich musste nachziehen und erfand Cannes.

Schnellkurs Cannes: U wie Umgebung

U wie Umgebung

Dass eine Party richtig gut werden kann, merkt man immer dann, wenn man einen Shuttlebus besteigen muss, der dann durch enge Serpentinen in die Hügel über der Stadt fährt. So haben wir schon die unglaubliche Space-Age-Villa von Pierre Cardin kennengelernt, und das sehr versteckte, romantische alte Liebesnest von Jean Cocteau und Jean Marais.

Schnellkurs Cannes: D wie Dauergäste

D wie Dauergäste

Wer dabei ist und wer nicht - immer ein großes Politikum. Von Fairness kann hier keine Rede sein. Manche Regisseure dürfen kommen, wann immer sie wollen, wie Lars von Trier oder Woody Allen, der dieses Jahr mit "You Will Meet a Tall Dark Stranger" wieder dabei ist und sicherlich Naomi Watts und Antonio Banderas mitbringt. Gern gesehene Deutsche sind Fatih Akin, Daniel Brühl und Christoph Hochhäusler. Der läuft in der sogenannten "Nebenreihe" Un Certain Regard, die aber sicherlich keine Nebensache ist, weil diesmal sogar Jean-Luc Godard dort mitmischt - noch so ein Stammgast.

Schnellkurs Cannes: V wie Vanity-Fair-Party

V wie Vanity-Fair-Party

Findet seit ein paar Jahren im Hotel du Cap statt, das noch mal zwanzig Autominuten von Cannes entfernt liegt, die wirklichen Superstars beherbergt und lustigerweise zum deutschen Dr.Oetker-Imperium gehört. Hier wurde auch einmal der legendärste aller Partycrasher ertappt. Der Mann versteckte tagsüber eine komplette Abendgarderobe inklusive Champagnerglas am Strand des Hotels, schwamm dann bei Dunkelheit, nur mit Badehose bekleidet, um alle Sperren und Sicherheitspatrouillen herum, zog sich hinter einem Strandkorb um - und wurde prompt gefasst.

Schnellkurs Cannes: W wie Wettbewerb

W wie Wettbewerb

Hier laufen die Filme, die wirklich alle anschauen - aber ihre Auswahl ist hoch umstritten. Ein Festivalchef kann dabei grundsätzlich nicht gewinnen, weil ihm immer vorgeworfen wird, entweder zu viele oder zu wenig prominente Namen im Programm zu haben. Cannes antwortet darauf gern mit besonderer gallischer Sturheit.

Schnellkurs Cannes: X wie X-Rating

X wie X-Rating

Vielleicht war es Zufall, aber das Festival hatte in vielen der letzten Jahre immer auch einen Film im Wettbewerb, der hohen künstlerischen Anspruch mit wenigsten einer expliziten Sexszene zu verbinden suchte. Hinterher hörte man oft nichts mehr davon, aber die Kritiker hatten wenigstens tagelang Gesprächsstoff.

Schnellkurs Cannes: Y wie Yacht

Y wie Yacht

Der Ort in Cannes, wo grundsätzlich das andere, bessere, aufregendere Leben tobt, und zwar gerade jetzt. Exakt so weit vom Ufer entfernt, dass man die Musik und das Lachen noch leise im Abendwind hören kann.

Schnellkurs Cannes: Z wie Zahlen, bitte!

Z wie Zahlen, bitte!

Damit endet jeder Abend und jedes Festival, und oft auch die gute Laune. Oder sind 18 Euro für ein Glas Champagner, mitten im Zentrum des Geschehens, vielleicht doch ein angemessener Preis?

Schnellkurs Cannes: E wie Eröffnungsfilm

E wie Eröffnungsfilm

Der soll glitzern und glänzen, am besten gehen europäische Storys mit Hollywood-Glamour. Wie seinerzeit der unvergessene Eröffnungshit "Moulin Rouge" mit Nicole Kidman. Diesmal kommt Russell Crowe als "Robin Hood", der könnte in diese Tradition passen.

Schnellkurs Cannes: F wie Fliege

F wie Fliege

Ist bei Galascreenings absolute Pflicht - Krawatten tun es ausdrücklich nicht. Der Mann, der kein papillon dabei hat, muss am Eingang noch eins kaufen und bekommt es von wunderschönen Hostessen sogar umgebunden. Das wiederum ist so charmant, dass manch einer das Ding schon bewusst im Hotelzimmer vergessen haben soll.

Schnellkurs Cannes: G wie Goldene Palme

G wie Goldene Palme

Ein goldenes Palmenblatt ist der Hauptpreis des Wettbewerbs und gleichzeitig das Signet von Cannes. Es gibt zwar auch noch Silberne Palmen und einige Spezialpreise, aber die Frage der Cineasten auf der Strandpromenade ist doch immer nur die eine: "Hast du die Goldene Palme schon gesehen?" Will sagen: den großen Gewinner.

Schnellkurs Cannes: H wie Hype

H wie Hype

Wenn man genau hinschaut, bietet Cannes in jedem Programm ganz schön harte Filmkunst, die ernst genommen werden will. Aber ein Film soll doch mindestens dabei sein, auf den alle Welt schon hektisch wartet. Diesmal ist es die Fortsetzung, die Oliver Stone von seinem legendären Finanzreißer "Wall Street" gedreht hat - wieder mit Michael Douglas.

Schnellkurs Cannes: I wie Invitation?

I wie Invitation?

Die verzweifelte Frage, die einem überall entgegenschallt. Der Franzose meint damit Karten für die großen Galavorführungen, die man mit den Stars zusammen anschauen darf. Manche Concierges, hört man, handeln illegal mit diesen Tickets, für Hunderte Euros. Händeringende lokale Schönheiten, die bereits im Abendkleid vor dem Eingang stehen, hoffen dagegen auf reine Nächstenliebe.

Schnellkurs Cannes: J wie Juwelen

J wie Juwelen

Der rote Teppich ist hier seit Jahren fest in der Hand von Chopard. Jeder Star und jedes Starlet, das sich rechtzeitig anmeldet, wird mit Colliers oder Ohrgehängen bestückt, deren Wert gern mal in die Millionen geht. Sieht man diese Damen zwei Stunden später auf einer Party wieder, darf man sich über bullige Begleiter mit Ohrstöpseln nicht wundern - diese Herren sind ausschließlich zur Bewachung der Schmuckstücke abgestellt. Ob sie im Zweifelsfall auch die Trägerin retten würden?

Schnellkurs Cannes: K wie Kollegen

K wie Kollegen

Golden müssen die Zeiten gewesen sein, als man hier noch familiär mit Schauspielern und Filmemachern an der Hotelbar sitzen konnte. Heute ist das unmöglich, was man allein schon daran erkennt, dass die Zahl der akkreditierten Berichterstatter in Cannes von 700 im Jahr 1966 auf 4376 im Jahr 2007 angewachsen ist. Je mehr Journalisten aber unter Konkurrenzdruck geraten, desto unerträglicher werden sie auch - den Stars bleibt logischerweise nur die Flucht.