Festival Brezen brechen

Neue Musik und Bier beim Adevantgarde-Hoagartn

Von Egbert Tholl

Im Hoagartn, der klassischen Zusammenkunft alpenländischer Volksmusik, kann alles passieren. Und er kann fast überall passieren. Idealerweise im Wirtshaus oder Wirtsgarten, aber eine Halle im Einstein geht auch. Wenn es dort die Adevantgarde gibt und Schweinsbraten. Und Bier. Mehr Bier! Im Eck sitzt Cornel Franz und denkt. Denkt nach über einen bairischen Defibrilliermarsch für vier Piccoloflöten und die mit der Ankündigung eines solchen einhergehenden Angst des Publikums vor einer zu erwartenden Nahtoderfahrung. Muss man überhaupt etwas ansagen? Ein Adevantgarde-Hoagartn bedeute ja zweierlei: Entweder kennt keiner das Stück, weil es noch nie gespielt wurde, oder jeder erkennt es ohnehin. Wie dann etwa das "Puzzle of Purcell", Oper an E-Gitarre, "Cold Song" oder Dido, gesungen von Susanne Barta, erdacht von Karlheinz Essl.

Cornel Franz ist beim Nachdenken über Heimat angelangt. "Heimat.1" ist dafür da, richtig Kohle zu machen, die echte Heimat, nicht manipuliert, ist "immer etwas Verlorenes, kaum Greifbares". Sibylla Duffe füllt den Raum mit Sopranglanz, singt vom Kind, das im Plastikschwan über den See will, und empfiehlt: "Trinkt Bier und brecht Brezen bis tief in der Nacht!" Derweil haut sie mit Kochlöffeln auf Biergläser. Duffe singt a-capella. In der Mitte am Tisch die Spielzeugcombo, spielt Schräges im Zwiefachen, das Christoph Reiserer erfunden hat. Der Adevantgarde-Hoagartn ist teils konkretes Weiterdenken des Traditionellen, teils ganz frei Neues, kann auch um den Folkssänger Jake Bellissimo herum gebaut sein. Danach: Politik. "Utopia 1919: Dichterrepublik", also die Wochen vor hundert Jahren, in denen Bayern politische Avantgarde war, Räterepublik. Vier Stücke, vier Uraufführungen, viel Text, vorgetragen von Stefan Hunstein, gesungen von Florence Losseau, die Musik gespielt vom Ensemble Zeitsprung unter der Leitung von Johannes X. Schachtner. Von dem stammt auch ein "Politisch Lied: Im Scheißhaus", ein eher monothematisches Tohuwabohu, mit Wut und Gershwin, aber über den Titel geht der Text von Norbert Niemann kaum hinaus. Doch es geht munter zu.

Munterer auf jeden Fall als in "Die kühle Luft der Freiheit" von Bernhard Weidner, aber das ist auch ganz anders gedacht. Es ist ein Livehörspiel, bei dem Losseaus Gesang nur Garnierung ist, Hunsteins Vortrag aber umso wichtiger. Man erfährt viel über Landauer, hört seine Reden, Texte, die Musik ist Intervention, mehr nicht. Das macht nichts, Weidner dient dem Text. Das tut Jan Müller-Wieland nur bedingt, aber er liest den Text von Ernst Toller über das Verrecken eines Einzelnen zwischen den Schützengräben des Ersten Weltkriegs vorher vor. Dann folgt ein perfekt gebauter Schrei, der "Engel über Verdun" ist Florence Losseau, begleitet nur von Geige und Schlagzeug, meist Vibraphon im Diskant. Imposant.

Aber wo Müller-Wieland ein Einzelschicksal expressiv darstellt, während im Krieg das industrielle Massensterben erfunden wird, schafft Helga Pogatschar ein vielstimmiges Tableau. "Biester" beschäftigt sich mit der Rolle der Frau in der Revolution, auch mit dem Frauenbild der Zeit. Das ist natürlich verheerend, aber: "Die Frau als Biest taugt gut für den Kampf." Na servus, aber immerhin. Pogatschar nimmt Zeitzeugentexte, Texte von Nora Gomringer, hat vorher eine knarzende Platte aufgenommen, auf der Hunstein klingt, als hätte er vor hundert Jahren gelebt. Das ist eine Schicht, die anderen passieren live, im Gesang und im Vortrag, eine irisierende Doku-Collage, echt Pogatschar, eine Assoziationsspiel, sauber. Ein lehrreicher Abend, der zeigt, wie selbstverständlich politisch neue Musik sein kann.