Süddeutsche Zeitung

Fernsehen und Stars:Tom Buhrow und die Gier

Der ARD-Topjournalist Tom Buhrow kassiert mit Privatauftritten für Firmen mächtig ab: das schillerndste Beispiel einer Wachstumsbranche, in der es kaum um Unabhängigkeit geht.

H.-J. Jakobs und K. Riehl

Eine Fernsehberühmtheit in Erlangen, das ist für die Welt von Siemens etwas ganz Besonderes. Am 17. Februar 2009 war es soweit: Es redete "Mister Tagesthemen" über die USA, die er als früherer Korrespondent gut kennt.

Tom Buhrow war beim Großkonzern in seinem Element - und der Gastgeber gönnte ein schönes Honorar. Nur allzu viele Hinweise auf seinen Hauptarbeitgeber, die öffentlich-rechtliche ARD, durfte es bei diesem Ausflug ins Fränkische nicht geben. Es habe sich um eine "interne Veranstaltung" gehandelt, sagt eine Siemens-Sprecherin zu sueddeutsche.de, man äußere sich aber nicht im Detail zu den "Vertragspartnern".

Offenbar sind solche Auftritte weder für den prominenten Nachrichten-Moderator mit den etwas lichten Haaren noch für andere prominente TV-Kollegen eine Rarität. Hier tut sich ein Nebenerwerbszweig auf, der die Einnahmen nur so sprudeln lässt - und nur zu gerne werden sie von öffentlich-rechtlichen Koryphäen genutzt. Così fan tutte, so machen sie's alle.

Am Mittwochabend beleuchtete das TV-Medienmagazin "Zapp" vom NDR diese Wachstumsbranche - und nannte jene Summen, die Spezialagenturen für die Vermittlung der Fernsehgesichter von Firmen, Banken und Verbänden verlangen.

Tingeltangel-Gewerbe

Es war eine Gilde wertvoller TV-Menschen aufgelistet. Peter Hahne, Merkel-treu und bibelfest: 10.000 Euro. Anja Kohl, die fesche ARD-Börsenfrau: 6500 Euro. Petra Gerster, der Star von "heute" im ZDF: 14.000 Euro. Michael Antwerpes, autoaffiner Sportmoderator im SWR: 8000 Euro.

Doch zu den Spitzenverdienern im Tingeltangel-Gewerbe gehört nach dieser Liste neben der ZDF-Galionsfigur Claus Kleber, der einst auch aus den USA berichtet hat, eben jener freundliche News-Verkäufer der ARD: Tom Buhrow. Beide werden mit jeweils 20.000 Euro taxiert.

Es gilt offenbar das Prinzip: Nimm, solange du kriegen kannst. In "Zapp" tauchte beispielsweise ein Vertrag auf, der es in sich hat: Es geht um die Geschäftsbeziehung zwischen der Deutschen Bank und einer niederländischen Agentur, die augenscheinlich für Buhrow aktiv war. Danach sollte der "Tagesthemen"-Moderator Ende September 2008 im Berliner Nobelhotel Grunewald in einem morgendlichen Kurzvortrag zu "Amerika vor der Wahl" plaudern - bei der Veranstaltungsreihe "Kapitalmarkt-Gespräch" des Geldinstituts.

Wenige Tage zuvor aber war in den USA die Investmentbank Lehman Brothers zusammengebrochen: Da hatte die Deutsche Bank keine Lust mehr auf Salontalk und ließ die Grunewalder Runde platzen. In Europa aber waren die Tage der Gier offenbar noch nicht zu Ende: Die niederländische Agentur bestand, so "Zapp", auf der Erfüllung des mit 20.000 Dollar dotierten Vertrags. Was bekam am Ende Buhrow als Ausfallhonorar?

Handlungsreisender in eigener Sache

Stattgefunden hat dagegen im April 2008 das "49. Henkell & Söhnlein Forum". Die Sektkellerei aus Wiesbaden, die zum Oetker-Konzern gehört, schmückte sich wie so viele mit dem smarten Tom Buhrow. Der befragte an jenem April-Tag den rheinland-pfälzischen Politiker Kurt Beck, der damals noch die SPD leitete, zu den Verhältnissen bei den hessischen Genossen. Die eigene Pressemitteilung von Henkell & Söhnlein lobt "das intensive Gespräch". Es soll ein Honorar von mehr als 10.000 Euro wert gewesen sein.

Tagesthema Gier. Mal in Erlangen, mal in Wiesbaden, mal bei Sparkassen und dann wieder bei der "52. Nordbau in Neumünster" - Buhrow setzt als Handlungsreisender in eigener Sache außergewöhnliche Maßstäbe. Angesichts dieses Erwerbsfleißes stellt sich die Frage, ob die Ich-AG der Prominentenvermarktung wohl sehr gut mit den Redaktionspflichten in der ARD zu vereinbaren ist. Immerhin muss der Journalist jede zweite Woche einen anstrengenden Dienst bei ARD Aktuell in Hamburg schieben.

Lesen Sie auf Seite 2, was die Sender zu den Zusatzverdiensten sagen.

Es bleibt in der Familie

Die zweite Frage: Wie passt der Merkantilismus des Moderators zur gebotenen journalistischen Unabhängigkeit? Ließe sich beispielsweise ein Deutsche-Bank-Manager womöglich schwerer interviewen, weil man ihn ja aus einem anderen Zusammenhang kennt? Macht es keinen Unterschied, ob ein Politiker wie Beck für ein großes Fernsehpublikum oder für Freunde des deutschen Sekts interviewt wird? Wie käuflich ist somit das öffentlich-rechtliche Fernsehen?

Interessenkonflikte sind in dieser Gemengelage zwangsläufig - und das bei einer öffentlich-rechtlichen Vorzeigesendung wie den "Tagesthemen", die in Kommentaren gern die Gier der anderen anprangert.

Durch die vielen bunten Abende haben Unternehmen und Verbände überhaupt erst einen persönlichen Zugang zu Spitzenjournalisten, die beim Publikum angesehen sind und die als glaubwürdig gelten. So lassen sich Themen und Wünsche platzieren, hoffen die PR-Spezialisten.

Die zahlreichen Privatissima der Bildschirmhelden sind von den Sendern genehmigt. Wichtige Details aber, vor allem die Höhe der Honorare, scheinen die Verantwortlichen wenig zu interessieren. Für den in "Zapp" auftretenden ARD-Justitiar gehören die Summen eher in den Privatbereich. Womöglich hängt die Apathie damit zusammen, dass man so die Stars im eigenen System halten kann. Die öffentlich-rechtliche Gehaltsordnung gibt nicht wieder, was andere für "Marktwert" halten.

Tom Buhrow ließ die Fragen der ARD-Kollegen von "Zapp" einfach unbeantwortet. Auf Anfragen von sueddeutsche.de hat er bisher nicht reagiert.

Mutmaßlicher Topverdiener

Nur Frank Lehmann, der einstige Börsenexperte des Senderverbunds, plauderte ein wenig aus dem Nähkästchen. Der humoristisch begabte TV-Mann ist weiterhin für kommerzielle Auftraggeber unterwegs und meint, sein Verdienst sei gering im Vergleich zu jenen, "die richtig abgreifen" würden. Lehmann ging auch auf seine Agentur ein, die sich in der Branche einen gewissen Ruf erworben hat: die Nowak Communications GmbH aus Hamburg.

Diese Spezialfirma für "Personality Management" vermittelt viele öffentlich-rechtliche TV-Journalisten, zum Beispiel Petra Gerster, Laura Dünnwald, Patricia Schäfer oder Anne Gesthuysen - und eben auch den mutmaßlichen Topverdiener Tom Buhrow. Eigentümer der bunten GmbH ist der Rechtsanwalt Mark Nowak, der es im öffentlich-rechtlichen System weit gebracht hat: Er beriet beispielsweise Anne Will, als sie noch bei den "Tagesthemen" war - und ist heute neben ihr als Mitproduzent der Sonntags-Talksendung "Anne Will" aktiv.

Seine Mutter Petra wiederum kennt sich mit den Personen, mit denen der Filius schönes Geschäft macht, sehr gut aus: Sie ist Sekretärin bei den "Tagesthemen". Es bleibt ja alles in der Familie.

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