Fernsehen: "Papa und Mama" Paare im Irrgarten

Wo die Liebe endet, beginnt seine Geschichte: Dieter Wedel, der öffentliche Frauenheld, verfilmt Scheidungsdramen.

Von CHRISTIANE LANGROCK-KÖGEL

Das Telefon klingelt, diesmal ist sie es. Seit Tagen wartet er auf ihren Anruf. Seit dem Abend, an dem sie mit den Kindern verschwunden ist. Ohne Ankündigung, ohne Erklärung. "Warum?", fragt er. Sie habe sich allein gelassen gefühlt, lange schon.

"Einen handfesten Grund, Katja!", sagt er mit kaum unterdrückter Wut, "könntest Du Dich ein bisschen präziser ausdrücken?" Sie weint. "Siehst Du, das ist das Problem zwischen uns: Wir reden miteinander, aber wir hören uns nicht. Als ob die Leitung zwischen uns gestört wäre." Da legt er auf.

Der Mann, der diese Zeilen geschrieben hat, ins Drehbuch seines neuesten Fernsehfilms, heißt Dieter Wedel. Er hat sich zuletzt mit dem Thema Parteipolitik befasst, im ZDF-Sechsteiler Die Affäre Semmeling; davor mit der Halbwelt der Hamburger Reeperbahn, in Der König von St. Pauli (sechs Teile, Sat1); mit dem organisierten Verbrechen, im Schattenmann (fünf Teile, ZDF). Und jetzt also, in einem Zweiteiler, der Problemkomplex Ehe und Scheidung. Papa und Mama, kündigt das ZDF an, wolle Antworten auf Fragen suchen: Was ist Glück? Was ist Liebe? Was ist eine gute Beziehung?

Viele Paare hätten ihm von ihrer Sprachlosigkeit berichtet, sagt Wedel in seinem Hamburger Wohnzimmer: "Das hat mich irritiert." Durch die großen Balkontüren fällt der Blick auf die Bäume am Tonndorfer Strand. Fehlende Kommunikation als Scheidungsursache Nummer eins?

Das sei ihm neu gewesen. Wedel sitzt in einem tiefen Sessel, blaues Seidenhemd über schwarzer Hose, und sagt, dass ZDF-Fernsehspielchef Hans Janke mit dem Scheidungs-Stoff auf ihn zugekommen sei. Und dass er, Wedel, gerne mal was anderes machen wollte.

Papa und Mama, bereits der Titel verrät die Perspektive des Films. Aus der Sicht der 13-jährigen Julia (Anna Hausburg) und ihres jüngeren Bruders Philipp (Wolf-Niklas Schykowski) wird die Trennungsgeschichte der Eltern erzählt - des Scheidungsanwalts Peter Ullrich (Fritz Karl) und seiner Frau Katja (Silke Bodenbender). Eine klassische Konstellation: Er macht Karriere, sie bleibt bei den Kindern. Er mag abends nicht reden, sie hat nichts zu erzählen.

Mit welcher Mama?

Eines Tages ist sie mit den Kindern weg. Er will nichts mitbekommen haben von der Entfremdung zwischen ihnen.

Mit leichter Hand und großer Präzision variiert Wedel das Scheidungsthema auf allen Altersebenen. Der Enddreißiger Ullrich, der im Auftrag seiner Mandantinnen ungerührt deren Männer ausnahm, steckt plötzlich als Betroffener in einem Scheidungsprozess. Wedel stellt dem Anwalt den jungen Referendar Thomas Hupach (Maximilian Brückner) zur Seite, dessen Eltern sich nach 30 Jahren Ehe trennen.

Hupach senior (Peter Weck) nimmt sich kurz vor der Pensionierung eine Freundin, die vom Alter besser zu seinem Sohn passen würde. Und die junge Generation? Thomas Hupach hat keine Zeit, sich um eine eigene Beziehung zu kümmern - seine verlassene Mutter (Gisela Schneeberger) zieht in seine Studentenbude ein. Julia und Philipp Ullrich versuchen verzweifelt, das plötzliche Ende ihrer Kindheit zu verdauen.

Alles dreht sich, alles mischt sich, die Welt als emotionaler Irrgarten - Botho Strauß für TV-Gebührenzahler. Nach der Liebe beginnt seine Geschichte, die des Dieter Wedel, der einst ein sicheres Händchen für Stoffe zu haben schien und um den es doch ruhiger geworden war. Was liegt in einer solchen Situation näher, als Anleihen am eigenen Leben zu machen. Papa und Mama, das ist auch Papa Wedel - aber mit welcher Mama?

Er habe Wedel mal privater erzählen sehen wollen, sagt ZDF-Mann Janke. Eine beinahe intime Geschichte, die nicht im öffentlichen Raum spiele, wie sonst bei ihm. Außerdem, das erwähnt Janke auch, führe Wedel selbst ein Beziehungsleben, das ihm eine gewisse Berechtigung für das Thema verleihe. Der Mann mit dem Wuschelkopf hat, so steht es immer wieder in der Boulevardpresse, zu einem recht eigenen Mann-Frau-Modell gefunden:

In Hamburg lebt er seit mehr als 30 Jahren mit der Studienrätin Uschi Wolters; in Mallorca liebt er die junge Dominique Voland, mit der er einen kleinen Sohn hat - das jüngste seiner insgesamt, so schätzt man, sechs Kinder.

Die zahlreichen Affären und Liebschaften des Regisseurs wurden in der Öffentlichkeit wiederkehrend thematisiert. Selbst seine eigene Pressedame fragte ihn für das ZDF-Programmheft: "Sie gelten in der Branche als Frauenheld und haben nun einen Film über Liebe und Trennungsschmerz gemacht - da drängt sich die Frage nach autobiografischen Passagen geradezu auf."

Ach was, antwortete Wedel ausweichend, er wäre schon zufrieden, wenn ihn allein die beiden ihm wichtigen Frauen als Helden sähen. Im Übrigen müsse man auch kein Mörder sein, um einen Krimi zu drehen. In seinem Wohnzimmer sagt er nun, dass er wirklich nicht erwartet habe, dass ihn jeder darauf anspreche, ob er sich selbst in Charly Hupach verewigt habe - dem Mann, der noch mal jung sein will mit seiner neuen Freundin, der sich aber auch von seiner Frau nicht wirklich lösen möchte.

Der Vergleich hinke, winkt Wedel ab. Das mit den autobiografischen Bezügen müsse man allgemeiner sehen: "Sicher stecken in Papa und Mama persönliche Ängste. Wir Filmemacher verkaufen unsere Albträume nun mal im Film."

Persönliches? Sieht er eher in Details. Seine Mutter zum Beispiel habe ihr Leben lang mit Türklinken gekämpft, also lässt er die verlassene Ruth Hupach an einigen Türen scheitern. Ihr Sohn bekommt von einer hübschen Frau einen Tennisball in den Unterleib geknallt - habe er auch schon erlebt, grinst Wedel.

Es gibt eine auffällige Parallele, von der er nicht erzählt: Der wegen einer Jüngeren sitzen gelassenen Ruth hat er eine erstaunliche, fortdauernde Fürsorglichkeit für ihren Mann auf den Leib geschrieben. Das ist so, als ob Uschi Wolters aus der Küche mit einem Glas Wasser kommt, weil sie ihren Dieter husten hörte. Auch wenn der gerade nur den Tick eines Schauspielers imitierte.

Der Zeitschrift Bunte hat Wedel kürzlich erklärt, dass er in seiner Arbeit an Papa und Mama vor allem etwas über Kinder gelernt habe: Was Trennungen für sie bedeuteten. Bis auf seinen jüngsten Sohn sind seine Kinder nicht mit ihm aufgewachsen - was es bedeute, eine Familie mit Kind zu haben, sagte Wedel, erfahre er erst seit ein paar Jahren.

Für den aktuellen Film sprach er auch mit einer Frau, die er schon Mitte der Neunziger für eine Trennungsgeschichte im Schattenmann interviewt hatte: "Es ist äußerst verstörend, dass sie die Scheidung ihrer Eltern immer noch nicht verkraftet hat." Trennen sei falsch, dieser Meinung ist er inzwischen.

Süßliche Utopie

Dem Beziehungstheoretiker sind in Papa und Mama kleine und große Momente von Wahrheit gelungen. Er habe zeigen wollen, sagt er, in welch kriegsähnliche Auseinandersetzungen ein Scheidungsprozess nette, tolerante Menschen treiben könne. In zweimal 90 Minuten jagt er den Zuschauer durch Seen aus Tränen; und doch fehlt es nicht an Humor. Den Film lässt er in einer, wie er sagt, "melancholischen, süßlichen Utopie" enden.

Seine Semmelings hatten dem ZDF nicht die erhofften Quoten gebracht. Es lag an der Form, glaubt Wedel. Auch ZDF-Mann Janke sagt, das Pensum eines Sechsteilers sei zu groß; die Erwartungen stiegen ins Unermessliche, hinterher bleibe der Eindruck eines Flops, was die Semmelings aber nicht gewesen seien. Eine Zeit lang hatte das Zweite den Regisseur Wedel exklusiv unter Vertrag; die Vereinbarung hat man nicht erneuert. Wedel selbst sagt, er habe konkrete Projekte mit Sat1 besprochen. Aber auch fürs ZDF ist etwas Neues geplant: ein Einteiler, diesmal.

Und die Bedeutung der Ehe? "Ich weiß es nicht", antwortet Wedel. Der Staat sollte sich raushalten, sagt er schließlich. Lieber zahle er höhere Steuern als sich einen Vertrag diktieren zu lassen. Uschi Wolters, die in der Küche hantiert, hört sicher, als er sagt: Es gebe nicht nur Verträge, es gebe auch Worte. Und ein Wort könne man nicht brechen.

Papa und Mama, ZDF, 20.15 Uhr; zweiter Teil am 4. Januar, 20.15 Uhr.