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"Geschichte der Frau" von Feridun Zaimoglu:"Wer führt uns Frauen, wenn nicht eine Frau?"

Selbstverständlich weiß Zaimoglu das, spielt damit und ergänzt die Morphogenese "der Frau", zu der laut Bovenschen traditionell der "gelehrsame" und der "empfindsame" Typus gehören, durch den der Eigensinnigen, Wehrhaften. Er durchkämmt die Weltgeschichte mit der zeitgenössischen Idee, es müsse immer Frauen gegeben haben, die, weil sie auf ihrer Autonomie bestanden, eine alternative Weltgeschichte hätten machen können, wenn man sie nicht unterdrückt hätte. Als ihre Gegen- oder Spiegelfiguren setzt er Frauen ein, die sich anpassen und das Patriarchat stützen. Dass seine Frauen ihre Position im Laufe der Handlung öfter wechseln, ist ein kluger Zug der Geschichten.

Zipporah zum Beispiel hält ihrem Mann Moses den Rücken frei, während er die Gebote des Herrn unter den Stämmen durchsetzen muss. Seine Schwester Miriam dagegen "gilt als Prophetin, die Stätte der Offenbarung aber, das Zeltheiligtum, darf sie nicht betreten". Als Mitgründerin der Weltreligion wird sie verdrängt. Sie kämpft für das weibliche Begehren: "Weshalb, Moses, willst du das Lager nicht mit deinem Weib teilen?" Er verflucht sie wegen der impertinenten Frage, da steht wiederum Zipporah für sie auf: "Wer führt uns Frauen, wenn nicht eine Frau? Stärke sie."

Begehrende Frauen sind in Zaimoglus "Geschichte der Frau" am fatalsten der Männerherrschaft verfallen. So wie Antigones Schwester Ismene ("'Ich wurde begehrt', flüstert sie"), oder das naive Liebchen eines Revolutionsgenossen von Friedrich Engels. Heterosexuelles Glück scheint für die "Geschichte der Frau" irrelevant, die widerständigen Frauen denken verächtlich über die Liebe. Sie hören die misogynen Reden und sehen den immer mit Gewalt verbundenen Sex der Männer.

Noch eine Parallele drängt sich auf: Alle Episoden spielen in Übergangsphasen, in denen ein altes Männergesetz gestürzt, das neue aber noch nicht legitimiert ist - von den Jüngern Jesu nach der Auferstehung, aber vor Himmelfahrt, über die Burgunder nach Siegfrieds Tod und vor Krimhilds Rache, bis zur Stunde null des 20. Jahrhunderts. Gerade in Zeiten der Unsicherheit, hat Silvia Bovenschen beobachtet, erscheinen Frauen gewissermaßen als die typischeren Menschen, denn sie sind "in hohem Maße zivilisatorischen Wirren ausgesetzt. Da das weibliche Individuum nicht über sich entscheiden kann, wird es noch leichter als der Mann mögliches Opfer einer depravierten Kultur."

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Ihren Widerstandsgeist schärfen Zaimoglus Frauen vor allem an der Unvernunft der Männer. Durch den Bechdel-Test, mit dem man die Geschlechterbalance von Geschichten misst, fällt sein Buch spätestens bei der Frage: "Sprechen Frauen hier über etwas anderes miteinander als einen Mann?" Kaum. Ganz anders hat es sich neulich der Regisseur Giorgios Lantimos ausgemalt: Sein Film "The Favourite" über eine lesbische Dreiecksbeziehung der Königin von England legt nahe, dass Frauen unbemerkt von den Historiografen vollauf miteinander beschäftigt gewesen sein könnten. So stellt sich Zaimoglu die "Geschichte der Frau" nicht vor.

Feridun Zaimoglu

Die Geschichte der Frau von Feridun Zaimoglu

(Foto: Kiepenheuer & Witsch)

Er redet zwar zuletzt, in der Solanas-Episode, der Abschaffung des männlichen Künstleregos das Wort, aber er selbst als Autor bleibt dabei sehr präsent, sein heftiger Formwillen deutlich spürbar. Obwohl man seinen Erzählungen die Absicht anmerkt, sich verschiedenen Idiolekten anzuverwandeln, lesen sie sich doch erstaunlich ähnlich. Das liegt an der Zaimoglu-typischen Überdeterminiertheit der Sprache: Nichts daran ist konventionell, alles bedeutet. Sogar die Satzstellung dreht er so, dass die wichtigen Wörter zuerst kommen: "Retter Jesus schreibt auf in die brausende Luft klirrende Silben." Dazu kommt eine Liebe zu Alliterationen ("die heiteren Huren. Sie sind schamlos schön"), ausgedachten und altmodischen Wörtern ("Menstruationsmiezen", "seichen") und Bildern, die sich gefährlich der Stilblüte nähern ("Das Land düstert sich ein"). Gerade einer Leserin, die diese Schreibweise trotz allem sehr bewundert, weil sie dem schlaffen Deutschen etwas Scharfes, nie Langweiliges gibt, muss auffallen, wie männlich dieser Stil der Sprachbeherrschung, Sinnkontrolle und Kraftausdrücke ist.

Dass die Selbstwidersprüche, in die sich Zaimoglu mit einer in diesem Ton erzählten "Geschichte der Frau" begibt, kein Missgeschick sind, sondern eher so etwas wie Hingabe an einen Verhängniszusammenhang, macht besonders hübsch die Episode der Wäscherin Lore Lay klar, die sich um einen Sommergast zu kümmern hat. Und oh je, es ist ein Romantiker: "'Was ist der Herr wild bewegt? Was will der Herr?' Ich weiß es schon: Er will, dass ich ihm gespannt lausche." Lore wehrt sich, der Mann kratzt nachts an ihrer Tür, sie sperrt ihn aus, das spornt ihn an, er dichtet und macht sie zum Mythos, zur fatalen Jungfer, die die Schiffer absaufen lässt in wildem Weh. Denn merke, schreibt Zaimoglu mit Mut zur Selbstironie: "Nur das besungene Weib wird unsterblich."

Feridun Zaimoglu: Die Geschichte der Frau. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 400 Seiten, 20 Euro.

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