Literatur "Sich selbst zu lieben, das ist zu viel verlangt"

Eine steinreiche, vornehme alte Dame bittet den Erzähler in ihre Stammkneipe, eine billige Boxerbudike, weil dort ein Bild jenes massigen, proletarischen Boxers hängt, den sie einst geliebt hat. Nicht nur hier übrigens zeigt der grundtraurige Erzähler Witz. Die Geschichte endet mit den nachtragenden Worten der einstigen Geliebten: "Er starb bei einem Picknick an einem Wespenstich. Anaphylaktischer Schock, Herzstillstand (...) Das habe ich ihm nie verzeihen können."

Der Umfang der Geschichten reicht von einer Seite bis zu zehn. Es kann eine kuriose Statistik darunter sein, ein kurzer Kriminalfall sogar, oder auch eine kleine, persönlich gefärbte Laudatio auf den Filmemacher Michael Haneke. Der Erzähler sitzt gerne an einem lose mit dem Geschehen verknüpften städtischen Ort und raucht. Manche Texte wirken wie schnelle Feuilletons, manche wie Essays, deren wesentlicher Teil aus der exemplarischen Erzählung besteht; andere Geschichten laufen auf ein ethisches Prinzip oder eine philosophische Sentenz hinaus.

Literatur Ende Legende
"Große Freiheit" von Rocko Schamoni

Ende Legende

Im Roman "Große Freiheit" erzählt Rocko Schamoni von einer untergegangenen Epoche, in der es auf dem Kiez von St. Pauli noch wild zuging. Das Buch hält dabei dem Ruf des Viertels nicht stand.   Von Janne Knödler

Doch belehren will Schirach nicht, zugleich kann er es aber auch nicht lassen. Warum er das nicht will, kann man schon seinen lakonischen Storybänden entnehmen, die keine übergeordnete Perspektive kennen. Selbst in seinem Erfolgsstück "Terror" gibt er die Gottposition an die Gerichts- und Theaterbesucher zurück. Er will uns in den Stoff verstricken. Im vorliegenden Buch gibt er seinem Affen Zucker. Allerdings nie offensiv, immer verschämt und im Beiläufigen versteckt. Er will partout nicht besserwisserisch wirken. Eben deshalb fallen die schmal gehaltenen Maximen, Reflexionen und Sentenzen umso mehr auf.

Er will uns Wichtiges über die Vergeblichkeit des Lebens sagen

Eine Kompilation ergäbe ein kleines Brevier des zeitgenössischen Stoizismus. "Sich selbst zu lieben, das ist zu viel verlangt. Aber die Form ist zu wahren, es ist unser letzter Halt", heißt es, oder: "Auch ohne die Begabung, glücklich zu sein, gibt's eine Pflicht zu leben". Schließlich: "Im Leben ist jede Vorbereitung auf den Tod sinnlos. (...) Das Ende ist nur noch ein Gleiten, sanft, schmerzlos und ohne Lärm. Alles daran ist richtig, der Tod ist die beste Erfindung des Lebens."

Man sieht, man kann etwas lernen beim Lesen, es steckt eine verkappte Weisheitslehre in dieser szenisch aufgesplitterten Lebensbeschreibung. Der Witz ist, dass dies so ganz und gar contre cœur passiert.

In einem Lob des Haikus schreibt Schirach wie über seine eigene Absicht: "Es gibt Geheimnisse und Anspielungen, die Geschichten lösen sich nie ganz auf, aber es gibt keine Metaphern, so wie es im Leben keine Metaphern gibt. Das Bild eines Haikus ist sofort da, es ist einfach, und es ist vollkommen." Schön wär's! Doch bei Schirachs "Kaffee und Zigaretten" hilft keine rhythmisierte parataktische Reihung, kein das Beiläufige ankündigender Titel, kein Durchnummerieren der Texte, kein cooles Filmzitat: Es ist unverkennbar, er will uns Wichtiges über die Vergeblichkeit des Lebens und seiner eben daraus resultierenden Würde sagen. Auch das ein oder andere über den Vorrang unserer Selbstgesetzgebung, politisch gewendet: der Verfassung gegenüber unseren Affekten, zumal dem Hass, gegenüber Populismus, Abwertung und Ausgrenzung anderer. Er tut es nicht in der Form der Predigt, er erzählt.

Aber im Kern ist er auf dem Weg zum moralischen Exemplum und zur philosophisch belehrenden Erzählung, der conte philosophique. Das ist nichts Schlimmes, auch wenn der skrupulöse erzählende Autor, dessen geschichtliche Helden Sokrates und Voltaire sind, das wohl trotzdem nicht gerne hört. Was er will, ist Erzählen pur; was er bietet, ist moderne zeitgemäße Erbauung. Mit den renovierten Gattungen der Aufklärung.

Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten. Luchterhand Verlag, München 2019. 193 Seiten, 20 Euro.

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