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200. Geburtstag des Historikers Ferdinand Gregorovius:Der edelste aller Deutschrömer

Ferdinand Gregorovius

Sein Pathos tönt noch immer nicht hohl, weil es gedankenreich und voller Anschauung ist: Ferdinand Gregorovius.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Diese Geschichtsschreibung ist ein Rauschmittel ersten Ranges: Zum 200. Geburtstag des Kosmopoliten und Historikers Ferdinand Gregorovius.

Von Gustav Seibt

Zu seinem 50. Geburtstag am 19. Januar 1871 machte sich Ferdinand Gregorovius das schönste Geschenk, das man als Schriftsteller bekommen kann: Er beendete ein Buch. "Heute bin ich 50 Jahre alt geworden", notierte er. "Diesem Ereignis zu Ehren schrieb ich den Schluss der ,Geschichte der Stadt Rom' nieder. (...) So stehe ich am größten Abschnitt meines Lebens. Es stürmte heute und regnete in Strömen, die Glocken der Stadt läuteten. Gestern schloss ich das Decennium durch einen Gang in den St. Peter, wo man das Fest der Cathedra beging. Durch den leeren Dom scholl feierlicher Gesang, der meine Empfindungen erhob."

So feierlich wie diese Empfindungen gerieten auch die Formulierungen am Ende seines Riesenwerks. Gregorovius hatte den Plan dazu am 3. Oktober 1854 gefasst, auch das datierte er exakt. 16 Jahre später lagen 2400 Seiten vor - Seiten in heutiger Druckgestalt -, die das römische Mittelalter vom frühen 5. bis ins frühe 16. Jahrhundert umfassten. Eingerahmt ist es von zwei Plünderungen, der durch Alarichs Goten im Jahr 410 und dem Sacco di Roma durch die Söldner Karls V. 1526: eine gewaltige Rundung, die an sich schon Anlass für ergriffene Nachdenklichkeit böte.

Doch dazu kam noch eine zeithistorische Ebene, die dem Gleichklang von Historie und Lebensgeschichte eine fast wunderbare Tiefe gab: Gerade drei Monate vor dem Abschluss des Rom-Werks war die Ewige Stadt am 20. September 1870 ein weiteres Mal erobert worden, wenn auch ohne Plünderung: Der junge italienische Nationalstaat hatte seine gesetzlich längst erwählte Hauptstadt gegen den Widerstand des Papstes in Besitz genommen. Der Kirchenstaat fand so nach anderthalb Jahrtausenden sein Ende.

Geschichtsschreibung im Wettlauf mit der Zeitgeschichte

Und da Gregorovius dies (wie die meisten seiner Zeitgenossen) seit 1861, als Italien geeingt wurde, hatte kommen sehen, hatte er sein Geschichtswerk im Wettlauf mit der Zeitgeschichte vorangetrieben. Er wollte fertig sein, wenn der Papst aufhöre, Herr von Rom zu sein. Das war fast punktgenau gelungen. Der Autor wurde 50, Rom war italienisch, der Papst gefangen, ein großes Epos war vollendet. Wer könnte in einem solche Moment auf Maniera grande, auf Pedal und Pathos verzichten?

Und so begann die letzte Seite: "Fast zwanzig Jahre lang war ich Zeuge des letzten Ringens der Stadt Rom um ihre endliche Wiedergeburt zu einem Volke freier Bürger; ich versenkte mich in derselben Zeit in die Vergangenheit der Stadt: ich forschte den Schicksalen und Wandlungen Roms, den großen Taten und großen Verirrungen der Päpste in elf Jahrhunderten nach, ich schilderte dieses inhaltsreichste und erschütterndste Trauerspiel der Weltgeschichte" - der Schlusssatz geht noch lange weiter.

Die Glocken der Stadt hat Gregorovius oft beschrieben, sie läuteten ja jeden Tag. Ihr Dröhnen, Brummen und Klingeln hat es dann bis in Thomas Manns Roman "Der Erwählte" geschafft, dessen Anfang einen Nachhall der Prosa des Gregorovius hören lässt.

Diese Prosa nämlich ist ein Rauschmittel ersten Ranges. Ihr Pathos tönt nicht hohl, sondern voll, weil es gedankenreich und voller Anschauung ist. Gregorovius war ein Protestant aus Ostpreußen, Theologe, zugleich Links-Hegelianer, geschichtsphilosophisch orientiert. Er konnte gewandt dichten und hatte sich mit den "sozialistischen Elementen" in Goethes "Wilhelm Meister" beschäftigt. Der illiberalen Atmosphäre in Preußen nach der gescheiterten Revolution von 1848 wich er aus, nach Italien. Von dort schrieb er brillante Reiseberichte, die ihm bald den Lebensunterhalt als Schriftsteller finanzierten.

"Seine ,Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter' wurde ein von Band zu Band wachsender Bucherfolg. Kein Professorengehalt stand hinter einem Forschungsfleiß, der jedem akademischen Vergleich standhält: Gregorovius hat alle damals zugänglichen Archive durchforstet, dabei zunehmend von seiner Nähe zum römischen Adel profitierend. Und doch verwehrte ihm sein irritierender literarischer Glanz lange Zeit die Anerkennung der Fachwelt, genau gesagt bis 1991, als eine Fachtagung am Deutschen Historischen Institut in Rom zum 100. Todestag endlich das Gütesiegel erteilte: nachgeholte Peer-Review mit tadellosem Ausgang.

Der Grundgedanke des Werks ist immer noch nicht ausgeschöpft

Der Grundgedanke des Werks ist weittragend und womöglich immer noch nicht ausgeschöpft. Das päpstliche Rom rettete die Überlieferung des antiken Imperium Romanum für das spätere Europa der Völker und Nationalstaaten, so das Römische Recht, die Kunst rationaler Verwaltung, die antiken Klassiker, wichtige Teile der bildenden Kunst, trotz christlicher Feindschaft. Die Renaissance, so die These von Gregorovius, kommt nicht nur aus Florenz und Oberitalien, nicht nur aus dem Individualismus von Kommunen und Signorien, sondern ebenso aus der Verwandlung des Römisches Reiches in die Weltkirche. Rom ist der gewaltige Schmelztiegel von antiker Überlieferung und barbarischer Neugründung, die Zentrale des Mittelalters, von der aus die Germanen christianisiert und zivilisiert wurden.

Unterhalb dieses Riesenvorgangs aber liegt die Melancholie von Werden und Vergehen, vor allem von Letzterem. Die Geschichte Roms zeigt den unaufhörlichen bis in die Gegenwart andauernden Ruin seiner Bauten, Wasserleitungen und Straßen, seiner Urbanität. Aus einer Großstadt wird eine Landstadt, überwuchert von Pflanzen, durchzogen von Viehherden, mitten darin bröckelnde Triumphbögen, leere Gewölbe, herunterkrachende Marmorplatten und gestürzte Standbilder. Mit nimmermüder Hingabe schreibt Gregorovius eine Chronik des Verfalls, aus dem erst langsam neue Basiliken und Paläste wachsen. Und immer agieren hier Menschen, die der Kulisse würdig sind, nicht nur Päpste, sondern auch Tribunen, Literaten und künstlerische Genies. Worte sind hier Taten, Gemälde und Skulpturen historische Wahrzeichen.

In jedem anderen Land wäre ein solches Großwerk Teil des Klassiker-Kanons, so wie die Franzosen den Historiker Jules Michelet in die "Plejade" aufnahmen und die Engländer Edward Gibbon in die "Everyman's Library". Wo bleibt das deutsche Äquivalent zu Roland Barthes' Michelet-Studie?

Gregorovius hat nicht nur über Rom geschrieben, es gibt zahlreiche kleinere Monographien von ihm, eine Geschichte Athens im Mittelalter, dazu ein ausgebreitetes, erst jüngst erschlossenes Briefwerk und vor allem bemerkenswerte Tagebücher, auch sie kritisch und vollständig ediert erst 1991. Diese zeithistorischen Zeugnisse zeigen einen Deutschen, der sich immer weiter von seiner Heimat entfernt und zum reinsten Vertreter des Deutschrömertums wird, einer edlen, kosmopolitischen Spielart deutscher Kultur im 19. und frühen 20. Jahrhundert.

1874 zog Gregorovius nach München, von wo er Jahr für Jahr nach Italien zurückkehrte. Das italienische Rom, dessen Modernisierung er mit Trauer und Skepsis beobachtete, machte ihn 1876 zum ersten deutschen und protestantischen Ehrenbürger. Im selben Jahr, in dem auch Richard Wagners "Ring" erstmals in Bayreuth aufgeführt wurde, bilanzierte er in einem Brief mit einem fast nietzscheanischen Akzent den modischen Germanenkult des neuen deutschen Reichs: "Die Größe des deutschen Genius, ja seine wahrste und innerste Nationalität, bestand bisher in seiner kosmopolitischen und humanen Idee - nun sollen diese geweihten Gefilde verlassen werden, und man zwingt uns in die Eiszeit des Germanentums mit ihren Recken, Lindwürmern und Höhlenbären zurück. Dieser Anachronismus wird sich rächen."

Der schöne Moment der Lebenserfüllung 1871 hat Gregorovius nicht eitel und stumpf werden lassen. Er blieb unverheiratet, er wurde auch später kein Mann der Institutionen. Er blieb der Historiker, der hellwach in Gegenwart und Vergangenheit zugleich leben konnte.

© SZ/crab
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