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Feminismus:Der Fehdehandschuh ist nicht aus Spitze

Die Schwarze Botin

"Eine Zeitschrift für die Wenigsten": Immerhin 3000 Exemplare der "Schwarzen Botin" wurden 1976 gedruckt.

(Foto: Wallstein Verlag)

Die feministische Zeitschrift "Die Schwarze Botin" richtete sich in den Siebzigerjahren gegen Pappmascheeprobleme und gedankenloses Frauenfühlen. Eine Anthologie vereint die wichtigsten Texte des Aufklärungsprojekts.

Von Kathrin Witter

Der Überbringer unliebsamer Nachrichten wird selten gemocht, und so erging es auch der Schwarzen Botin, einer feministischen Zeitschrift aus den späten Siebzigerjahren, aus der einzelne Beiträge nun zum ersten Mal in einer Anthologie vorliegen. Auch wenn sie ihren Namen höchstens unbewusst aus diesem Grund trug - in erster Linie war er ein satirisches Spiel mit dem Namen der Regionalzeitung Schwarzwälder Bote -, lässt sich darin so etwas wie ihr Programm finden, das sie heute noch aktuell macht.

Die Schwarze Botin, herausgegeben in den Jahren 1976 - 1980 von Gabriele Goettle (Jahrgang 1946) und Brigitte Classen (1944 - 2006), ging aus der Zweiten Frauenbewegung hervor und richtete sich in aufklärerischer Absicht gegen diese und ihre Vorstellungen von identitärer Weiblichkeit. Schon der Untertitel, "Eine Zeitschrift für die Wenigsten", kündet, wenngleich er ein wenig dünkelhaft klingen mag, die Verweigerung schwesternbündischer Loyalität an - und entsprach nebenbei auch der Realität einer Erstauflagenstärke von 3000 Exemplaren. In dieser ersten Ausgabe heißt es programmatisch: "Wenn im Zusammenhang mit der Sprache der Wunsch ausgesprochen wird, sie zu 'hinterfragen' und die in ihr 'sitzenden' männlichen Denkformen zu untersuchen, dann können wir diesem Unterfangen zwar moralische Zuverlässigkeit bestätigen, sehen aber nicht, daß Zeit wäre, sich mit Restaurierungsarbeiten an der Sprache oder am neu zu schaffenden Frauenfühlen aufzuhalten." Im Zirkel der "Selbsterfahrung und Selbstbestätigung" lasse sich "frau getrost Gedanken kommen, ohne sich welche zu machen: die neuentdeckten Sinne (...) sollen für das Denken sorgen, sorgen aber nur für sich selbst." Bereits in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre kritisierte die Botin so, was man auch aus dem gegenwärtigen (Queer-)Feminismus noch immer kennt: eine Fixierung auf Sprache und die Berufung auf Authentizität, Emotionen und Selbsterfahrung. Denn: "Dieser tonnenschwere Plunder an sentimentalen Gefühlen, unreflektierter Begeisterung und Pappmascheeproblemen hemmt jede Aktivität, verstellt die Sicht und den Gang."

Die Zeitschrift wurde fast vergessen, ihre Autorinnen sind heute prominent

Dass die Zeitschrift ohne vergleichbare Folgeprojekte blieb, ist rückblickend also keine große Überraschung: An solcher Kritik an sich selbst hat der neuere Feminismus wenig Interesse. Der Herausgeber der nun im Wallstein Verlag erschienenen Sammlung von Beiträgen aus der Schwarzen Botin, Vojin Saša Vukadinović, erklärt so in seinem aufschlussreichen Vorwort nicht nur das frühe Ende der Zeitschrift, sondern auch, dass sie im Gegensatz zu den anderen beiden Frauenzeitschriften der Epoche, Emma und Courage, heute quasi unbekannt ist.

Während die Zeitschrift selbst bis zu diesem Band also in weiten Teilen vergessen war, versammelten Goettle und Classen eine Riege heute geradezu prominenter Autorinnen. Zu ihnen gehörten, um nur einige herauszugreifen, Silvia Bovenschen, Gisela Elsner, Elfriede Jelinek, Elisabeth Lenk und Gisela von Wysocki. Die Beiträge selbst sind dabei aus so vielfältigen Feldern wie die Autorinnen. Ihre Auswahl und Zusammenstellung im Band folgt in etwa dem historischen Verlauf, den Vukadinović im Vorwort erörtert.

In der Sammlung finden sich Literatur- und Kunstkritik, Auseinandersetzungen mit feministischen Debatten, aber auch mit anderen politischen Themen (RAF, Islamische Revolution und Nationalsozialismus) und Eingriffe in den zeitgenössischen Kulturbetrieb. Abgeschlossen wird der Band mit einer Reihe verschiedenster literarischer Texte und schließlich einem literaturwissenschaftlichen Nachwort von Christiane Ketteler und Magnus Klaue, in dem nicht nur das wiederkehrende Spiel der Zeitschrift mit der Metapher des Schneidens, sondern auch der Kontext der Literatur der "Neuen Weiblichkeit" - allen voran Verena Stefans Häutungen - in ihrer aufeinander verweisenden Bedeutung sowie deren Niederschlag in der avantgardistischen Form der Zeitschrift untersucht werden. Darin halten Ketteler und Klaue fest, die Texte der Schwarzen Botin seien der "Doppelbewegung einer Kritik der Wirklichkeit als einer Kritik der von ihr erzeugten Phantasie" verpflichtet, und kaum treffender ließe sich der philosophische Kern des Projekts fassen.

Die Schwarze Botin

Hart, radikal gesellschaftskritisch und gegen selbstgefällige Dummheit: Aus der "Schwarzen Botin".

(Foto: Wallstein Verlag)

Was die Schwarze Botin auszeichnet, sind Konsequenz und Unversöhnlichkeit, ein negativer Impuls, der sich nicht scheut, sich auch gegen die eigenen Reihen zu richten. In diesem Modus der Härte und Unnachgiebigkeit - "Der Fehdehandschuh ist nicht aus Spitze", wie es Silvia Bovenschen einmal formulierte - liegt das Potential der Zeitschrift, während sich die einzelnen Inhalte nicht immer von den Positionen anderer Feministinnen unterscheiden.

Bei aller Kritik an Weiblichkeit als abstrakt-positivem Prinzip kommt auch die Schwarze Botin gelegentlich nicht umhin, wie andere feministische Projekte, die Befreiung der Frau, und damit diese selbst, absolut zu setzen. So ist in der Botin etwa auch die Rede von der Frauenbewegung als einzig möglichem Ort von Gesellschaftskritik und vom Telos eines kritischen Bewusstseins, das "nur ein frauenspezifisches sein, und auch nur von Frauen entwickelt werden" könne. Neben dem Primat der Frauenbefreiung vor einem allgemeinen emanzipatorischen Projekt bedeutet dies auch, dass etwa ein Faschismusbegriff entwickelt wird, der weiblichen Opfermythen über den Nationalsozialismus - also die Frau als dessen Opfer, nicht als Täterin - eine offene Flanke bietet. Dass die Schwarze Botin deswegen jedoch selbst der Mystifizierung des Weiblichen verfiele, lässt sich jedoch allein schon aufgrund der Pluralität der Beiträge nicht behaupten.

Diese Anthologie ist daher nicht nur längst überfällige Dokumentation und historische Aufarbeitung - man könnte vom Schließen einer Lücke sprechen, würde das nicht dem negativen Impuls der Zeitschrift widersprechen -, sondern auch ein ganz aktueller Debattenbeitrag. Wenn Vukadinović in seinem Vorwort eine Linie von der Schwarzen Botin zu Avital Ronell zieht, der feministischen Literaturwissenschaftlerin, die zuletzt wegen der gegen sie vorgebrachten Vorwürfe sexueller Übergriffigkeit vielfach kritisiert, aber auch von renommierten Kollegen verteidigt wurde, so lässt sich darin ein erneuter Wurf des Fehdehandschuhs erkennen, die Herausforderung und der Wunsch, die Tradition der Zeitschrift fortzusetzen: rücksichtslose Kritik, die Provokationen nicht scheut, um die Wirklichkeit bloßzustellen, und mit ihr, wie es in einem Text von Rita Bischof im Band heißt, "die selbstgefällige Dummheit derjenigen, die aus Mißtrauen gegenüber allem Geformten sich lieber gar nicht erst seiner Erfahrung aussetzen".

Die Schwarze Botin. Ästhetik, Kritik, Polemik, Satire. 1976 - 1980. Herausgegeben und mit einer historischen Einleitung von Vojin Saša Vukadinović. Mit einem literaturwissenschaftlichen Nachwort von Magnus Klaue und Christiane Ketteler. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 512 Seiten, 36 Euro.

© SZ/jby
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