Feminismus Gute Figuren statt guter Figur

Lange kamen Frauen in der Comic-Welt so gut wie gar nicht vor. Das ändert sich gerade und man sieht es an den Büchern: Die neuen Protagonistinnen sind komplex und selbstbewusst.

Von Christoph Haas

Zu den Orten, an denen Frauen kaum einen Platz hatten, zählte lange der Comicbetrieb. Junge und jung gebliebene Männer lasen und sammelten Comics, die von älteren Männern geschrieben und gezeichnet wurden: Von dieser Regel gab es zwar Ausnahmen; so saßen sogar schon in den Vierzigern, dem Golden Age der amerikanischen Comics, ein paar Frauen an Zeichentischen. An der Dominanz der Männer in Branche und Publikum aber ließ sich nie zweifeln.

Ausgerechnet in Deutschland, das ewig ein Comic-Entwicklungsland war, hat sich dies in den vergangenen zehn Jahren gründlich verändert, und keineswegs nur im Manga-Bereich. Barbara Yelin, Ulli Lust, Anke Feuchtenberger, Line Hoven, Isabel Kreitz - ginge man daran, eine Liste der wichtigsten deutschen Comic-Künstler zu erstellen, so fielen einem mindestens ebenso viele Frauen wie Männer ein. Zudem sind die genannten Künstlerinnen nicht allein; jährlich kommen neue hinzu. Junge Zeichnerinnen haben inzwischen nicht nur weibliche Vorbilder, an denen sie sich orientieren können, sie profitieren auch davon, dass sich die Kunsthochschulen dem Comic weit geöffnet haben und eine entsprechende Ausbildung anbieten.

Dies ist inzwischen keineswegs nur in Großstädten der Fall. Julia Zejn etwa hat an der Hochschule Niederrhein in Krefeld studiert. "Drei Wege", ihre ausgezeichnete erste Graphic Novel, spielt in Berlin und schildert die Erlebnisse dreier junger Frauen, die zu sehr unterschiedlichen Zeiten leben. Im Jahr 1918 arbeitet Ida, die aus einem brandenburgischen Dorf kommt, in einer wohlsituierten Familie, deren männliches Oberhaupt als Militärarzt an der Westfront dient. 50 Jahre später verliebt sich Marlies, die leidenschaftlich gerne liest und als Aushilfe in einem Café arbeitet, in den revolutionär gesinnten Studenten Wolfgang. 2018 schließlich weiß Selin nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll.

Der Wandel des Frauenbildes in den vergangenen 100 Jahren wird deutlich, aber auch die Konstanten - die Fremdbestimmung durch (häufig abwesende) Väter etwa. Indem die Graphic Novel zwischen den Epochen hin- und herwechselt, werden nach und nach außerdem zeitübergreifende Verbindungen deutlich. Selin etwa begegnet der alten Marlies auf der Straße; und die Steckrübensuppe, die im Ersten Weltkrieg als Armenspeisung diente, ist heute zum Hipstergericht geworden. Zejn handhabt dieses Verfahren aber sehr diskret; wichtiger ist ihr, das jeweils Zeitspezifische zu zeigen. In der Rekonstruktion der Lebenswelten setzt sie dabei nicht auf grafische Opulenz. Ihre am Computer behutsam ergänzten Bleistiftzeichnungen sind fast minimalistisch, aber sehr präzise, speziell wenn es um die Darstellung von Dingen, von Interieurs geht. So sagt ein ganzseitiges Bild, das aus der Vogelperspektive einen gedeckten Mittagstisch zeigt, mehr über Marliesʼ kleinbürgerliche Familie aus, als dies viele Worte könnten.

Diese Frauen sind keine erotischen Phantasmen männlicher Zeichner, sondern autonome Subjekte: Panel aus "Betty Boop" von Vero Cazot und Julie Rocheleau.

(Foto: Splitter)

Comics von und über Frauen gibt es natürlich auch jenseits der deutschen Grenze. Hinter "Betty Boob" steckt ein weibliches Duo aus Frankreich: die Szenaristin Vero Cazot und die Zeichnerin Julie Rocheleau. Sie erzählen von Elisabeth, der das Leben übel mitspielt. Nachdem ihr die von Krebs befallene linke Brust amputiert worden ist, erträgt ihr Freund weder den Anblick der OP-Narbe noch Elisabeths Kahlköpfigkeit, eine Folge der Chemotherapie. Gleichzeitig verliert sie ihren Job in einem Pariser Nobelkaufhaus, wo man von den weiblichen Angestellten stets ein heiter-perfektes Aussehen erwartet. Völlig verzweifelt, gerät Elisabeth an eine Burlesque-Truppe, in deren Reihen ihr Leben plötzlich eine ganz neue Perspektive gewinnt.

"No body is perfect", heißt es an einer Stelle von "Betty Boob" programmatisch. Das Lob der Diversität und die Feier der Selbstinszenierung sind wenig originell; sie rennen mit Aplomb offene Türen ein. Dennoch macht die Lektüre dieser Graphic Novel Spaß. Das Vorbild für die Bühnenrolle, in die Elisabeth schlüpft, ist die großäugige, knapp bekleidete Zeichentrick-Figur Betty Boop, die in den USA der frühen Dreißiger als Verkörperung des libertären Großstadt-Girls sehr populär war. Von einem cartoonhaften, mit Slapstick-Momenten vorangetriebenen erzählerischen und zeichnerischen Schwung ist auch der ganze Comic - ein schönes Beispiel dafür, wie sich ein ernstes Thema mit einem starken weiblichen Selbstbewusstsein komödiantisch verhandeln lässt.

Dass Comics, die von Männern stammen, weibliche Hauptfiguren haben, ist nach wie vor selten. Bei dem 1954 geborenen Terry Moore, der zu den profiliertesten Vertretern der amerikanischen Indie-Comic-Szene zählt, ist genau dies allerdings immer der Fall. Bekannt wurde er vor allem durch die Serie "Strangers in Paradise", an der er von 1993 bis 2007 arbeitete und die er mittlerweile wieder aufgenommen hat. Moore zeichnet ausschließlich in Schwarz-Weiß, in einem mit Semifunny-Momenten durchsetzten realistischen Stil, der betont unspektakulär ist; am wichtigsten ist immer die Geschichte.

Im Mittelpunkt der kompakten Serie "Motor Girl" (2016-2017), die nun in einem Band gesammelt auf Deutsch vorliegt, steht Sam, eine junge Veteranin des Marine Corps. Sie ist im Irak schwer verletzt, gefangen und misshandelt worden. Körperlich und seelisch traumatisiert, arbeitet sie nun in der Wüste von Nevada auf einem Schrottplatz. Dann aber landet mitten in der Nacht vor ihrem Haus ein Ufo, aus dem ein kindlich wirkender Außerirdischer purzelt; außerdem will ein wenig skrupulöser Unternehmer unbedingt das Grundstück des Schrottplatzes erwerben .

Vor "Motor Girl" hat Moore "Rachel Rising" publiziert, ein düsteres Horror-Meisterwerk. Den comic relief, auf den Moore sich perfekt versteht, gab es dort auch, aber weit weniger als in der neuen Serie mit ihren vielen comedyhaften Nebenfiguren, darunter ein sprechender Gorilla namens Mike. Mit der schrittweisen Enthüllung von Sams schockierenden Kriegserlebnissen gewinnt "Motor Girl" dann aber erheblich an Dramatik. Und Terry Moore erweist sich erneut als ein Storyteller, dem souverän gelingt, was vielen seiner Kollegen so schwerfällt: die Erschaffung glaubwürdiger, autonomer Frauenfiguren, deren Aufgabe nicht nur darin besteht, die erotischen Phantasmen ihrer Schöpfer zu verkörpern.

Julia Zejn (Text und Zeichnungen): Drei Wege. Avant-Verlag, Berlin 2018. 184 Seiten, 184 Euro.

Vero Cazot (Text) / Julie Rocheleau (Zeichnungen): Betty Boob. A. d. Französischen von Max Murmel. Splitter-Verlag, Bielefeld 2018. 184 S., 24,80 Euro.

Terry Moore (Text u. Zeichnungen): Motor Girl. Aus dem Englischen von Resel Rebirsch. Schreiber & Leser Verlag, Hamburg 2018. 224 Seiten, 24,95 Euro.