Feminismus Die Geschlechterverhältnisse sind der letzte Rückzugsort des Konservatismus

Wenn Feminismus rhetorisch mit Diktaturen gleichgesetzt wird, erzeugt er ein Feindbild, das bis in die Mitte der Gesellschaft hinein anschlussfähig ist. Das zeigte zum Beispiel das bemerkenswert unangenehm anzusehende Interview von Heute-Journal-Moderator Claus Kleber mit Maria Furtwängler. Die Schauspielerin und Ärztin hatte eine Studie initiiert, die ein starkes Ungleichgewicht von Männern und Frauen im deutschen Fernsehen und im Kino belegte. Nur ein Drittel der Sprechrollen in Filmen ist demnach weiblich, im Kinderfernsehen nur eine von vier.

Kleber ging Furtwängler unerwartet hart dafür an, dass sie diese Zahlen überhaupt zusammentragen lassen hatte: Ob sie eine Agenda habe mit diesen Zahlen, das Publikum umerziehen wolle, fragte er. Er benutzte also dasselbe Wort, das Vertreter der extremen Rechten zur Diskreditierung des Feminismus benutzen.

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Von "Umerziehung" wird besonders dann gesprochen, wenn mal wieder eine entfernt linke Idee verunglimpft werden soll, die - das legt das Wort nahe - angeblich wider die menschliche "Natur" ist. Und das heißt hier immer: gegen Patriarchat und Marktwirtschaft. Mädchen spielen mit Puppen und Jungs werden Chef - so war es schon immer, so muss es also offenbar sein. Wird schon seine Gründe haben, im Zweifel: Gene! Hormone! Biologie! Die Naturalisierung des Status Quo ist ebenfalls eine bei Rechten beliebte Strategie, um sich gegen die Anbrandungen der Moderne zu wehren.

"Künstliche" Eingriffe wie Regulierung und Umverteilung erscheinen suspekt

Die Legitimität des Gewordenen bildet aber auch einen Grundpfeiler liberalen Denkens. Wer glaubt, dass die unsichtbare Hand des Marktes eine segensreiche Macht ist, findet "künstliche" Eingriffe wie Regulierung und Umverteilung erst einmal suspekt. Da haben feministische Forderungen wie die Frauenquote schlechte Chancen.

Auch im Silicon Valley, dem man Rückwärtsgewandtheit eher nicht vorwerfen würde, wird fröhlich auf die Natur verwiesen, wenn das eklatante Missverhältnis zwischen Männern und Frauen in der Tech-Branche gerechtfertigt werden soll. Zum Beispiel in dem Forenbeitrag, den Anfang August ein Google-Mitarbeiter veröffentlichte und in dem er sich gegen den "ideologischen Echoraum von Google", der zu Unrecht ein Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Programmierern fordere. Der Grund: Frauen seien seltener genetisch fürs Programmieren prädestiniert. Eine Parität zu fordern und spezielle Schulungen für Frauen bereitzustellen, sei deshalb meist Geldverschwendung. Männer und Frauen hätten sehr unterschiedliche Kompetenzen. Übermäßige Fixierung auf den Gleichheitsgedanken - auch das ist ein gängiger Vorwurf gegen linke Politik, dem die Rechte das Bewahren einer "natürlichen Ordnung" zwischen den Geschlechtern entgegensetzt.

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Dass die "Agenda" der "Umerziehung" gerade Frauen vorgeworfen wird, verweist allerdings noch auf einen weiteren Zusammenhang. Zumindest die frühe Erziehung des Kindes ist traditionell Frauensache. In ihrem Klassiker feministischer Literatur "XY - Die Identität des Mannes" schrieb Elisabeth Badinter 1993, dass ein Junge erst durch die Ablösung von der Mutter und mit ihr von allem Weiblichen zum "Mann" im Sinne patriarchaler Gesellschaften wird. Vor diesem Hintergrund ist es nicht schwer, Frauen als abschreckend hinzustellen, die von mittlerweile erwachsenen Männern fordern, sich noch einmal - von Frauen - "umerziehen" zu lassen.

Bevormundung, Umerziehung, übertriebene Gleichbehandlung, Versorgung der Schwachen - es sind traditionell mit Weiblichkeit assoziierte Konzepte, die am Kommunismus wie am Feminismus kritisiert werden. In den USA, wo der Anti-Kommunismus eine lange Tradition hat, wird jede Erweiterung des Sozialstaats von Konservativen als "Sozialismus" geschmäht. Die Wahl von Donald Trump hatte ihren Grund sicher auch darin, dass vor allem weiße Männer das Gefühl kultivierten, von einer mächtigen Regierung in Washington drangsaliert zu werden. Der amerikanische Soziologe Michael Kimmel sieht darin eine Wut auf angeblich "weibliche" Politik: "Sie wurden von einer weibischen Regierung gegängelt, dem Nanny State, wie sie das nennen."

Ihnen stellt die neue Rechte ein politisches Ideal der Tat entgegen, des harten Durchgreifens, das an männliche Stereotype anknüpft. Donald Trump ist dafür das Beispiel par excellence. Die Soziologin Paula-Irene Villa hat die Rückkehr zur männlichen Autonomie-Fiktion kürzlich in einem Artikel für den Deutschlandfunk so beschrieben: "Die Ästhetik der Härte und des Sieges ist (...) der historische Kern hegemonialer Männlichkeit. Ehre, soldatische Wehrhaftigkeit, Kampfbereitschaft, der Wille zum Sieg - das sind tradierte Elemente, die der männlichen Natur zugeschrieben werden und Grundpfeiler einer wesentlichen Schimäre der Moderne: Die Fiktion von Autonomie und Unverletzlichkeit."

Mit Geschlechterthemen lassen sich starke Gefühle wecken

In einer Zeit, in der auch eine konservative Partei wie die CDU zumindest auf Bundesebene sozialdemokratische Elemente fest in ihrem Programm verankert hat, sind die Geschlechterverhältnisse zum letzten Rückzugsort des Konservatismus geworden. Das Praktische daran: Wer die traditionelle Geschlechterordnung als bedroht darstellt, kann damit bei vielen Menschen starke Gefühle wie Verlustangst und Wut wecken. Gefühle, die beim Reden über Rentenreform und Hartz-Gesetze kaum in Wallung geraten - zumindest nicht bei den besser gestellten Vertretern der Mittelschicht. Und um die geht es Rechten mit ihrer Gleichsetzung von Feminismus und kommunistischen Diktatoren.

Indem sie die klassischen Vorwürfe gegen linke Politik mit Feminismus und Geschlechterpolitik rhetorisch verknüpfen, können sie wirkmächtige Ressentiments für sich nutzen. Und sie können verhindern, dass die Menschen nach konkreten Themen wie gerechter Bezahlung und gleichen Zugängen zu allen Bereichen der Gesellschaft fragen. Denn das gilt vor dem Hintergrund dieser Rhetorik schnell als weibisches Gequengel. Und das lässt sich wunderbar abtun und lächerlich machen.

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