Süddeutsche Zeitung

Essay "Afrotopia":Wege aus dem Neokolonialismus

  • Vor rund 50 Jahren wurden die letzten europäischen Kolonien in Afrika in die Unabhängigkeit entlassen. Seitdem stecken viele der Länder in einer Dauerkrise.
  • Der senegalesische Wirtschaftswissenschaftler und Essayist Felwine Sarr untersucht in seinem Essay "Afrotopia" die Gründe für die Krise.
  • Er räumt mit Legenden auf und fordert eine Revolution. Dabei zeichnet er ein düsteres Bild vom Westen, dem man wenig entgegenzusetzen hat.

Von Jörg Häntzschel

Wie wenig man in Europa auch von Afrika weiß, eines weiß fast jeder: "Afrika" gibt es nicht mehr. Wer den riesigen Kontinent so benennt, unterschlägt nicht nur die gewaltigen Unterschiede zwischen den 54 Ländern, als seien sie nicht der Rede wert; er steht auch im Verdacht, das kolonialistische Bild vom indifferent-chaotischen "schwarzen Kontinent" zu erneuern.

Umso überraschter ist man, dass der 46-jährige senegalesische Wirtschaftswissenschaftler und Essayist Felwine Sarr das A-Wort sogar im Titel seines heute auf deutsch erscheinenden Manifests "Afrotopia" führt, eines der in den letzten Jahren meistbeachteten Werke in der Postkolonialismusdebatte. Sarrs Sprechen von Afrika, von den "afrikanischen Völkern", vom "afrikanischen Menschen" führt direkt in den Kern seiner Argumentation.

Afrikas Krise hält die westlichen Vorurteile am Leben

Vor rund 50 Jahren wurden die letzten europäischen Kolonien in Afrika in die Unabhängigkeit entlassen. Doch obwohl sie seit Jahrzehnten politisch und wirtschaftlich autonom sind, stecken viele der Länder in einer Dauerkrise. Diese Krise wiederum, so Sarr, bestätigt und aktualisiert laufend die uralten Stereotypen von Afrika als einem finsteren, katastrophischen Ort und vom Afrikaner als minderwertigem Menschen, der sich selbst nicht zu helfen weiß - das Bild also, das bei den Europäern maßgeblich dazu beitrug, Sklavenhandel und Kolonialismus zu legitimieren.

Afrikas Krise hält aber nicht nur die westlichen Vorurteile am Leben, es hält auch bei den Afrikanern die Wunden offen, die eigentlich längst hätten verheilt sein können.

Sarr versucht in seinem Essay, mit den Legenden aufzuräumen, die diese negative Feedback-Schleife am Laufen halten: Ja, die korrupten Potentaten, die nach der Unabhängigkeit vielerorts an die Macht kamen, tragen große Schuld an Afrikas Problemen. Doch in Europa, wo sich bis heute die Vorstellung hält, man habe Afrika die Zivilisation gebracht, vergesse man zu oft, wie groß der eigene Anteil an Afrikas Krise sei.

Dass ein Kontinent, der nach einigen Schätzungen direkt und indirekt 225 Millionen Menschen durch den Sklavenhandel verloren habe, Jahrhunderte brauche, um sich zu erholen, dass die Nachfolgerstaaten von Belgisch-Kongo, das in der Kolonialzeit die Hälfte seiner Bewohner verloren habe, bis heute geschwächt seien, liege auf der Hand, ganz zu schweigen vom nicht quantifizierbaren Verlust von Arbeitskraft und Bodenschätzen an europäische Geschäftemacher und Konzerne, deren heutige Marktmacht nicht selten direkt auf die Ausbeutung Afrikas zurückgeht.

Doch es sind weniger die Europäer, die Sarr aufklären will, als die Afrikaner, die das dystopische Bild von ihrem Kontinent oft unhinterfragt vom Westen übernehmen. Dies führt dann zu einer Perpetuierung des Kolonialismus mit anderen Mitteln: wenn afrikanische Länder Konzernen aus Europa oder den USA gegen schnelles Geld Abbaurechte für Bodenschätze abtreten; oder wenn sie sich von China um den Preis der eigenen Unabhängigkeit Häfen oder Eisenbahntrassen bauen lassen.

Hinter all dem steht Sarrs Befund, dass die Afrikaner die geistige Selbstermächtigung, die die politische Unabhängigkeit hätte begleiten müssen, nie vollzogen haben. Sie haben nicht nur die westliche Wirtschaftsideologie mit ihrem Glauben an Fortschritt und Wachstum nie in Zweifel gezogen, sie haben auch deren Universalitätsanspruch übernommen.

Afrika soll wieder das spirituelle Zentrum der Welt werden

Um in der Welt anerkannt zu werden, schien ihnen nichts anderes zu bleiben, als sich in die Rolle des minderbemittelten Schülers der westlichen Nationen zu fügen, der auf das Lob der Lehrer hofft, weil er "die Lektion gut gelernt und das Gelernte ... richtig angewandt" hat. "Man wünscht sich, in derselben Stimmlage zu spielen wie die anderen Musiker, möchte auch auf dem Familienfoto zu sehen sein, genauso gekleidet wie die anderen." Doch diese Lehrer, die westlichen Industrienationen, haben in den letzten Jahren dramatisch an Autorität verloren. Die von ihnen verursachte Klimakatastrophe, die Krise ihrer Demokratien, die soziale Ungerechtigkeit, das Unbehagen an der Globalisierung: All das mehrt die Zweifel an der bis vor kurzem als alternativlos geltenden westlichen Marktwirtschaft.

Für Sarr ist spätestens jetzt der Moment gekommen, an dem Afrika nach der politischen auch seine geistige Unabhängigkeit erstreiten muss. Ausgangspunkt müsse dafür die Einsicht sein, dass Afrikas ausbleibende Erfolge in westlichem Wirtschaften - trotz der jungen Bevölkerungen, trotz des Reichtums an Bodenschätzen - nicht auf die Unfähigkeit Afrikas zurückzuführen sei, sondern darauf, dass dieses Wirtschaftssystem im Dauerkonflikt stehe mit Afrikas Kultur.

Sarr bezieht sich dabei unter anderem auf Frantz Fanon, der vom Psychotherapeuten zum postkolonialen Vordenker wurde. Wie Fanon bedient sich nun auch Sarr bei seiner Diagnose des afrikanischen Leidens bei psychoanalytischen Konzepten.

Wenn Afrika sich aus seiner gegenwärtigen Falle befreien, sein ganzes Potenzial erschließen wolle, dann müsse es seine Minderwertigkeitskomplexe überwinden und eine eigene, neue Praxis des Wirtschaftens und Lebens entwickeln, die nicht nur westliche Werte und Methoden enthielte, sondern vor allem auch die afrikanischen Traditionen revitalisieren würde, die lange als primitiv diskreditiert wurden. Heute erscheinen sie aber wieder zukunftsweisend, weil sie Prinzipien wie Nachhaltigkeit, Gemeinwohl oder Achtsamkeit folgten, lange bevor der Westen begonnen hat, sie in seinen Kapitalismus einzubauen. Am Ende der afrikanischen "Kulturrevolution" muss für Afrika die "Wiederherstellung des eigenen Spiegelbilds" stehen.

Sarr hat seinen Essay schon 2016 geschrieben, lange bevor er im letzten Jahr gemeinsam mit der Berliner Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy im Auftrag des französischen Präsidenten Macron die Modalitäten für die Rückgabe von aus Afrika geraubten Objekten auslotete (Ende März soll der Bericht auf deutsch erscheinen). Dennoch ist "Afrotopia" durchaus als eine Art Grundlage dessen zu lesen, was Savoy und Sarr jenseits der Restitutionsfrage postulieren: Afrika kann erst dann aufblühen, wenn es die Entfremdung und das Abgeschnittensein von seiner eigenen Kultur hinter sich lässt.

Natürlich weiß Sarr, wie leicht man sein Pochen auf die afrikanische Tradition und seine Kritik an der Globalisierung als Rückwärtsgewandtheit missverstehen kann, als "identitären Rückzug". Und wie angreifbar er sich bei seinem westlichen Publikum mit seinen Attacken gegen die Postmoderne macht, an die man sich hier eher als eine fröhliche Ära erinnert. Seinem düsteren Bild vom Westen hat man dennoch wenig entgegenzusetzen. Wie auch seinen Zahlen. In einem Vierteljahrhundert wird Afrika ein Viertel der Weltbevölkerung beheimaten. Wer wollte da so überheblich sein, sich über die Emphase zu mokieren, mit der er die Revolution ausruft, an deren Ende Afrika "wieder das spirituelle Zentrum der Welt" sein wird?

Felwine Sarr: Afrotopia. Aus dem Französischen von Max Henninger. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2019. 175 Seiten, 20 Euro.

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Quelle:
SZ vom 25.01.2019/heka
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