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Essay "Afrotopia":Afrika soll wieder das spirituelle Zentrum der Welt werden

Um in der Welt anerkannt zu werden, schien ihnen nichts anderes zu bleiben, als sich in die Rolle des minderbemittelten Schülers der westlichen Nationen zu fügen, der auf das Lob der Lehrer hofft, weil er "die Lektion gut gelernt und das Gelernte ... richtig angewandt" hat. "Man wünscht sich, in derselben Stimmlage zu spielen wie die anderen Musiker, möchte auch auf dem Familienfoto zu sehen sein, genauso gekleidet wie die anderen." Doch diese Lehrer, die westlichen Industrienationen, haben in den letzten Jahren dramatisch an Autorität verloren. Die von ihnen verursachte Klimakatastrophe, die Krise ihrer Demokratien, die soziale Ungerechtigkeit, das Unbehagen an der Globalisierung: All das mehrt die Zweifel an der bis vor kurzem als alternativlos geltenden westlichen Marktwirtschaft.

Für Sarr ist spätestens jetzt der Moment gekommen, an dem Afrika nach der politischen auch seine geistige Unabhängigkeit erstreiten muss. Ausgangspunkt müsse dafür die Einsicht sein, dass Afrikas ausbleibende Erfolge in westlichem Wirtschaften - trotz der jungen Bevölkerungen, trotz des Reichtums an Bodenschätzen - nicht auf die Unfähigkeit Afrikas zurückzuführen sei, sondern darauf, dass dieses Wirtschaftssystem im Dauerkonflikt stehe mit Afrikas Kultur.

Sarr bezieht sich dabei unter anderem auf Frantz Fanon, der vom Psychotherapeuten zum postkolonialen Vordenker wurde. Wie Fanon bedient sich nun auch Sarr bei seiner Diagnose des afrikanischen Leidens bei psychoanalytischen Konzepten.

Wenn Afrika sich aus seiner gegenwärtigen Falle befreien, sein ganzes Potenzial erschließen wolle, dann müsse es seine Minderwertigkeitskomplexe überwinden und eine eigene, neue Praxis des Wirtschaftens und Lebens entwickeln, die nicht nur westliche Werte und Methoden enthielte, sondern vor allem auch die afrikanischen Traditionen revitalisieren würde, die lange als primitiv diskreditiert wurden. Heute erscheinen sie aber wieder zukunftsweisend, weil sie Prinzipien wie Nachhaltigkeit, Gemeinwohl oder Achtsamkeit folgten, lange bevor der Westen begonnen hat, sie in seinen Kapitalismus einzubauen. Am Ende der afrikanischen "Kulturrevolution" muss für Afrika die "Wiederherstellung des eigenen Spiegelbilds" stehen.

Sarr hat seinen Essay schon 2016 geschrieben, lange bevor er im letzten Jahr gemeinsam mit der Berliner Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy im Auftrag des französischen Präsidenten Macron die Modalitäten für die Rückgabe von aus Afrika geraubten Objekten auslotete (Ende März soll der Bericht auf deutsch erscheinen). Dennoch ist "Afrotopia" durchaus als eine Art Grundlage dessen zu lesen, was Savoy und Sarr jenseits der Restitutionsfrage postulieren: Afrika kann erst dann aufblühen, wenn es die Entfremdung und das Abgeschnittensein von seiner eigenen Kultur hinter sich lässt.

Natürlich weiß Sarr, wie leicht man sein Pochen auf die afrikanische Tradition und seine Kritik an der Globalisierung als Rückwärtsgewandtheit missverstehen kann, als "identitären Rückzug". Und wie angreifbar er sich bei seinem westlichen Publikum mit seinen Attacken gegen die Postmoderne macht, an die man sich hier eher als eine fröhliche Ära erinnert. Seinem düsteren Bild vom Westen hat man dennoch wenig entgegenzusetzen. Wie auch seinen Zahlen. In einem Vierteljahrhundert wird Afrika ein Viertel der Weltbevölkerung beheimaten. Wer wollte da so überheblich sein, sich über die Emphase zu mokieren, mit der er die Revolution ausruft, an deren Ende Afrika "wieder das spirituelle Zentrum der Welt" sein wird?

Felwine Sarr: Afrotopia. Aus dem Französischen von Max Henninger. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2019. 175 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 25.01.2019/heka
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