Felicitas Hoppe: "Die Nibelungen: Ein deutscher Stummfilm":Alte Mären und Superhelden

Felicitas Hoppe in der WDR Kultursendung Westart live im WDR Filmhaus Köln 24 04 2017 Foto xC xHar

"Denn es sind nicht die Menschen, es ist die blanke Materie, die die Erzählung der Geschichte vorantreibt". - Felicitas Hoppe.

(Foto: Christoph Hardt/imago/Future Image)

Felicitas Hoppe will in "Die Nibelungen" die Sage noch mal ganz neu und kitschfrei aufrollen. Geht das überhaupt?

Von Kristina Maidt-Zinke

Das konnte Felicitas Hoppe nicht ahnen, als sie ihren langjährigen Vorsatz verwirklichte, das Nibelungenlied neu zu erzählen - dass das "dreifache G", ihre griffige Abkürzung für Kriemhilds Brüdertrio Gunther, Gernot und Giselher, bei Erscheinen des Buchs als Formel für Seuchenbekämpfung kursieren würde. Sollen wir uns nun, angesteckt von Hoppes unbändiger Fabulierlust, unter "Geimpft, Genesen, Getestet" drei Recken vorstellen, die ausziehen, das Virus zu besiegen? Lieber nicht, denn es nimmt mit den dreien ja ein schreckliches Ende, im Originaltext ebenso wie in dieser Bearbeitung namens "Die Nibelungen", die als "ein deutscher Stummfilm" gelesen werden will und die Felicitas Hoppe einen Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises einbrachte. Hoppe verkleidet sich als Drehbuchautorin dieses Stummfilms, tritt darin aber auch selbst auf, mal als "stummer Zeuge im Beiboot" auf den Schauplatzflüssen Rhein und Donau, mal als "letzter Sänger" oder "reitender Bote". Sie hätte wohl ihren Spaß an derartigen Weiterspinnereien, entsprächen sie doch ihrem literarischen Verfahren, auf höchstem Reflexionsniveau immer wieder kleine Albernheiten einzustreuen.

Mittelalterliche Helden und Heldinnen haben es Hoppe angetan. 2006 erschien ihr raffiniertes Romankonstrukt über "Johanna" (von Orléans), zwei Jahre später folgte das schöne Kinderbuch "Iwein Löwenritter" nach dem Artus-Epos des Hartmann von Aue. Seither trug sie sich mit Entwürfen zu einer eigenen Version des Nibelungenstoffes (der ja viel älter ist, doch im Hochmittelalter zu Literatur wurde), inspiriert von dem "verqueren Wunsch, ihn noch einmal ganz von vorn, bis hinein in die Gegenwart aufzurollen, jenseits von Aktualisierung und Kitsch, den größten Feinden der Rezeption eines Mittelalters, von dem wir nach wie vor wenig wissen". So hieß es in einem frühen Werkstattbericht.

Ein hehres Anliegen, eine schwere Aufgabe. Kitsch und bemühte Aktualisierung prägen die populäre Rezeption des Nibelungenliedes im 20. Jahrhundert, um von den bekannten Versuchen nationalistisch-politischer Instrumentalisierung gar nicht zu reden. Der einzige deutsche Stummfilm, der auf dem Epos basiert, wurde von Fritz Lang vor knapp hundert Jahren gedreht und darf als Gesamtkunstwerk gelten, auch wenn ihm der Makel anhaftet, zu Hitlers Lieblingsfilmen gezählt zu haben. Über nachfolgende Kino-Adaptionen breitet man am besten den Königsmantel des Vergessens. Die Nibelungen-Festspiele zu Worms, von den Nazis 1937 begründet, 1956 flüchtig wieder aufgeflackert und seit 2002 mit großem Aufwand als kulturtouristisches Event betrieben, sind ein Kapitel für sich, aber dass der Aktualisierungskitsch dort unter einer scheinseriösen, prächtig gesponserten Festival-Tarnkappe fröhlich - im besten Fall komödiantisch - weiterblüht, steht außer Frage.

Dass die Inszenierungsgeschichte der Spiele wiederum auch eine "G-Trilogie" verzeichnet, ist kaum zu glauben, aber wahr: Es verbergen sich dahinter die Stücke "Gemetzel", "Gold" und "Glut" von Albert Ostermaier, der damit Kernthemen des Nibelungenmythos stabreimend auf den Punkt brachte. Das 2016 uraufgeführte "Gold" trägt den Untertitel "Der Film der Nibelungen" und schildert schrill das "Making-of" einer neuen Kinovariante des blutgetränkten Stoffs. Wenn Felicitas Hoppe nun ihrerseits die Perspektive der Verfilmung einnimmt und die Wormser Freilichtbühne zum Ausgangspunkt ihrer ausschweifenden Nibelungenfantasie macht, mag das epigonal anmuten. Doch selbstverständlich verfolgt sie, die literarische Forschungsreisende aus Leidenschaft, zu Wasser wie zu Lande ihre eigene Spur.

Die Autorin liebt das Vertrackte, Verrätselte, märchenhaft Kostümierte

Ursprünglich sollte das Buch "Der letzte Schatz" heißen. Der Grund dafür wird im erwähnten Werkstattbericht erläutert: "Denn es sind nicht die Menschen, sondern die Dinge, es ist die blanke Materie, die die Erzählung der Geschichte vorantreibt und dem 'Nibelungenlied' Motor und Furor verleiht. Der Schatz, das liquide bewegliche Gut, ist der kapitale Protagonist meiner Nacherzählung..." Nichts Neues allerdings. Was Fausts Gretchen noch beklagen konnte, dass nämlich alles nur am Golde hängt und zum Golde drängt, prägt als erkenntnisleitender Zynismus längst jede Inszenierung von Wagners "Ring", und dass Geld die Welt regiert, war noch nie so offenkundig wie heute. Aber Hoppe wäre nicht Hoppe, hätte sie diese Einsicht nicht in eine Spielfigur verwandelt - in einen "Algorithmus mit dem Spitznamen Goldene Dreizehn", einen gespenstisch mutierenden Herumtreiber, den man immer weniger zu fassen bekommt, je mehr man über ihn liest.

So klar und analytisch die Autorin denkt und argumentiert, so sehr liebt sie als Erzählerin das Vertrackte, Verrätselte, märchenhaft Kostümierte. Und es ist nicht immer ganz leicht, ihr zu folgen auf diesem wilden Drehbühnentrip zwischen den Stationen des Nibelungendramas, bei dem auch Statisten und Publikum massenhaft mitspielen. Als Stummfilm würde das Ganze nicht taugen, denn es wird geredet, gebrüllt und gesungen, was das Zeug hält. Beim großen Besäufnis vor der Abreise der Burgunder ins Hunnenland intoniert der Männerchor Worms-Pfiffligheim sogar, mit vollem Textzitat, die zotige Version des "Donauliedes", um deren Bierzelttauglichkeit seit Monaten gestritten wird: Wenn das mal keinen Ärger gibt, denn Hoppes Kontextualisierung der derben Strophe könnte manch einem zu subtil sein, wie auch andere ihrer Anspielungen und Einfälle.

Der Tod ist ein Laie aus Worms in einem Trainingsanzug von Woolworth

Als Regisseurin des Spektakels firmiert eine Frau Kettelhut, die wohl nicht zufällig denselben Namen trägt wie der Filmarchitekt von Fritz Lang, die jedoch ihr Handwerk eher "bieder" und "auf Hausfrauenart" versieht. Die Dramaturgie hingegen verantwortet laut Abspann kein Geringerer als Quentin Tarantino. Der Tod ist ein Laie aus Worms in einem Trainingsanzug von Woolworth, und wie die Hauptdarsteller sich zu ihren Rollen verhalten, was sie über das Stück und die Lage des Theaters denken, inwieweit sie historisch informiert, politisch bewusst oder philosophisch geschult sind, das erfährt man in Pausen-Interviews, in die Hoppes Überlegungen zum Epos in unangestrengtem Plauderton eingeflossen sind.

Felicitas Hoppe: "Die Nibelungen: Ein deutscher Stummfilm": Felicitas Hoppe: Die Nibelungen. Ein deutscher Stummfilm. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021, 256 Seiten, 22 Euro.

Felicitas Hoppe: Die Nibelungen. Ein deutscher Stummfilm. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021, 256 Seiten, 22 Euro.

Der Rest ist ein Feuerwerk hemmungslos subjektiver Assoziationen und Imaginationen, gekleidet in ein Sprachgewand, das zwischen hohem Ton und Kalauer abenteuerlich schillert, oft komisch, doch zu verträumt und gedankenschwer für eine Festspiel-Satire. Zitiert wird hier und da aus der 2006 wiederentdeckten Prosaübertragung des Nibelungenliedes von Uwe Johnson, dem das Buch auch gewidmet ist.

Die dem Epos angehängte "Klage", über deren Funktion und Auftraggeber die Forschung noch immer grübelt, ebenso wie über Quellen, Handschriften und mögliche Verfasser der Dichtung, dient Hoppe schließlich als Folie einer wortreichen Trauer- und Enthüllungsarbeit. Saloppes Fazit: Der "Zeuge im Beiboot" liebt heimlich die Königin Kriemhild, die sich am Ende als "Deutschlands unerbittlichste Superwitwe" entpuppt, und nach dem kollektiven Untergang erweist sich, dass nicht der böse Onkel Hagen, sondern der Superheld Siegfried an allem schuld war. Der Schatz ist versenkt, aber die Goldene Dreizehn lebt weiter.

Und nun? Ist der Plan aufgegangen, ein neues Licht auf das alte Lied zu werfen? Vielleicht, im Sinne einer Anregung zur (Wieder)-Lektüre. "Jedermann sollte es lesen, damit er nach dem Maaß seines Vermögens die Wirkung davon empfange", schrieb Goethe 1819 an Schubarth. Und plötzlich ist man froh, einst jene magischen Eingangsverse auswendig gelernt zu haben, die unter dem Rezeptionsmüll von Jahrhunderten so unberührt wie fremdartig hervorleuchten: "Uns ist in alten mæren/ wunders vil geseit..." Sie werden nun wieder einmal zu denken geben, dank Felicitas Hoppe.

© SZ/clu
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