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Essays von Felicitas Hoppe:Seelisch ansteckend

ARD Radiofestival

Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe bekam 2012 den Georg-Büchner-Preis.

(Foto: Jens Kalaene/picture alliance/dpa/dpa-Zentral)

Felicitas Hoppes kleine Prosa "Fieber 17" über die Sehnsucht nach dem Erwachsenwerden und dem Kindsein.

Von Ulrich Rüdenauer

Falls Sie hypochondrisch veranlagt sind und Sorge haben sollten, in den nächsten Zeilen auf falsche Gedanken gebracht zu werden, so seien Sie beruhigt: "Fieber 17" ist zwar eine Krankheit, aber sie ist relativ ungefährlich und gehört noch dazu der Erzählerin in Felicitas Hoppes gleichnamiger Geschichte ganz allein. Das Fieber grassiert nämlich in ihren "höchst persönlichen Träumen", und weder Körper noch Geist nehmen daran Schaden. Betroffen ist einzig dieser "lächerlich kleine Rest, den man früher, als es den Volksmund noch gab, so ahnungslos wie überheblich die Seele nannte". Einerseits.

Andererseits dürfte Fieber 17 weiter verbreitet sein, als man nach dieser ersten Diagnose vermutet. Es gibt ja noch immer ein paar Menschen, die nicht nur über eine Psyche, sondern über dieses empfindliche "Halborgan" namens Seele verfügen. Wenn sie angegriffen wird, kann es schnell existenziell werden. Das Tückische an besagtem Fieber 17: "dass es zerstreut, statt zu sammeln, dass es dieses leise haltlose Flattern erzeugt, dieses heimliche Flirren zwischen Abschied und Ankunft, das die Sehnsucht nach Aufbruch mit einem Ziel verwechselt, das so gut wie nie zu erreichen ist". Vielleicht also ist das Fieber doch nicht gar so harmlos, wie es zunächst den Anschein hatte.

Mit Erfindungen kommt man der Wirklichkeit näher, als mit wirklich Erlebtem

Die Erzählerin jedenfalls versucht, dem Flattern und Flirren mit einer Kindheitserinnerung als Remedium beizukommen: Noch nicht des Lesens und Schreibens mächtig, wird das asthmatische Mädchen, das sie einmal war, auf eine Nordseeinsel geschickt - eine rabiate Kur und traumatische Erfahrung. Hier scheint der Grund gelegt für das ewige Ziehen und Zerren, das Heim- und Fernweh, das jedem Reisenden bekannt vorkommen dürfte - die Infektion mit einer zuweilen enervierenden Rast- und Ruhelosigkeit. Das Fieber ist lediglich ein Symptom für den zwiespältigen Wunsch, einen Platz im Leben zu finden, und doch nirgendwo ankommen zu wollen. Mithin: Dem trottelig gleichförmigen Alltag des Erwachsenendaseins nicht ausgeliefert zu sein, sondern immer wieder den Koffer packen und verschwinden zu können. Und sei es mithilfe der Literatur.

"Fieber 17" ist eine hinreißende Prosaminiatur im präzis-träumerischen Hoppe-Sound, nur wenige Seiten lang, entstanden im Rahmen des Radiofestivals der ARD im vergangenen Sommer, und nun in ein winziges Bändchen gepackt, zusammen mit einem thematisch benachbarten Essay, den Felicitas Hoppe 2012 in Leipzig vorgetragen hat. "Oh, the places you'll go!", heißt er, einen Buchtitel des von ihr übersetzten und hochgeschätzten Kinderbuchautors Dr. Seuss borgend. Er handelt davon, warum es Kindheitsgeschichten gibt, die vor Rührseligkeit und Kitsch nur so triefen (die Mehrzahl) und andere, in denen die Transformation von Erlebtem in Erzähltes gelingt.

Felicitas Hoppe: Fieber 17. Eine Erzählung und ein Essay. Dörlemann Verlag. Zürich 2021. 96 Seite, 15 Euro.

Felicitas Hoppe weiß, wovon sie spricht: Angefangen beim Erzählungsband "Picknick der Friseure" über eine Reihe bibliophiler Kinderbücher bis zur fiktionalen Autobiografie "Hoppe" erzählt sie häufig - "abgesehen von diversen Nebentätigkeiten, in denen ich das Erwachsenwerden probte" - von Kindheiten. Wohl wissend, dass jeder Blick zurück ein von allerlei Projektionen verstellter ist und man mit Erfindungen der Wirklichkeit näher kommt als mit wirklich Erlebtem (denn vielleicht sind wir, gerade als Kind, eigentlich das, was wir zu sein wünschen, und weniger, was uns die fade Realität aufzwingt). Versucht man wahrhaftig, in ein früheres Kinder-Ich zu schlüpfen oder hineinzufühlen, dann sollte man Nostalgie mal schön tattrigen Tanten und Fernsehschmonzetten überlassen und stattdessen eine Ambivalenz anerkennen: Zur Kindheit - und der Erinnerung daran - gehört nämlich sowohl eine "Sehnsucht nach Aufbruch" als auch die "Angst davor".

Im besten Falle bleibt einem diese schöne Doppelbewegung bis ins hohe Alter erhalten, zumal als Autorin. Man könnte so was, nach Dr. Hoppe, "Fieber 17" nennen.

© SZ/masc
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