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Feldpostbriefe von Ernst Jünger:Weggelassen und geglättet

Heimo Schwilk weist in seinem Vorwort auf die problematische Quellenlage hin. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte Friedrich Georg Jünger den Briefwechsel der Brüder publizieren und ließ zu diesem Zweck eine Abschrift herstellen. Vielleicht ist diese Ausgabe deshalb nie erschienen - so die Vermutung von Heimo Schwilk -, weil Ernst Jünger den in den Feldpostbriefen deutlich werdenden Karriere-Ehrgeiz und die noch allzu unliterarische Bekenntnishaftigkeit unangenehm fand. Auch er plante nach 1945 eine zweibändige Auswahl aus seiner Korrespondenz; ein Band sollte allein dem Briefwechsel mit dem Bruder vorbehalten sein, auch er ließ eine Abschrift herstellen. Die Originale aber gingen in diesem Hin und Her verloren, jedenfalls sind sie bisher im Jünger-Nachlass, der im Marbacher Literaturarchiv liegt, nicht aufzufinden.

Die beiden vorhandenen Abschriften aber unterscheiden sich in Details und lassen erkennen, dass in ihnen manches weggelassen und geglättet worden ist. Diese Differenzen werden in der vorliegenden Ausgabe nicht deutlich, und das ist schade. Schwilk weist zwar darauf hin, dass die Briefe an den Bruder mit einer gewissen Vorsicht zu genießen sind, verzichtet aber darauf, die Stellen zu zeigen, die in der einen Abschrift noch vorhanden, in der anderen aber schon eliminiert sind.

Verloren gegangen sind dabei die im Archiv durchaus greifbaren Angebereien, die es auch im Jahr 1918 noch gab, so in einem Brief vom 6. März 1918 (der gänzlich fehlt) und der mit dem Wunsch endet: "Wir werden in Bälde wieder das Vergnügen haben, den Feind anzuspringen. (. . .) Waidmannsheil!" Oder, so am 8.6.1917: "Kurz und gut, Zähne zusammengebissen und ran an den Feind. Ein lumpiges Leben haben wir nur. Mehr als totgehen kann man nicht."

Am 3. September 1918 liegt Ernst Jünger mit einem Lungenschuss im Lazarett; der Krieg ist für ihn beendet. Der abgedruckte Brief an Friedrich Georg endet mit dem Satz: "Bereitet ein Fest für mich vor, aber bedenkt, dass ich fürs Erste mit dem Lebensatem noch sparen muss." Tatsächlich geht es aber in der zweiten vorhanden Abschrift noch so weiter: "Du kannst mir inzwischen schon eine passende Braut nebst Zimmer aussuchen, d.h. mit einem Lungenschuss muss ich mit Sachen, die eine gewisse Atemanstrengung erfordern, vorsichtig sein." Solche machohaften Sätze hätte man im Buch dann doch gerne vorgefunden.

"Das sind Mühlen, in denen das Menschliche zerschroten wird"

Ebenfalls verloren gegangen ist die dringende Bitte Jüngers um eine bestimmte Salbe, die Friedrich Georg aber nicht auftreiben kann. Das könnte ein Hinweis auf Angst vor Geschlechtskrankheiten sein, wie sie sich die Soldaten in Frontbordellen zugezogen haben.

Abzulesen ist den Briefen dann aber doch eine allmählich abklingende Kriegsbegeisterung - auch wenn Jünger keine grundsätzlichen Zweifel erkennen lässt. Immerhin gab es Momente von Heimweh und Fremdheit - auch das ließ er den Bruder wissen. Nach einem Heimaturlaub sitzt er auf einem Bahnhof in der Etappe und kommt sich ziemlich verloren vor. Er sieht das Kommen und Gehen der durchreisenden Soldaten und schreibt: "Das sind Mühlen, in denen das Menschliche zerschroten wird."

An der Front aber war keine Zeit für derartige Sentimentalitäten. "Da denkt man an mancherlei, besonders an die Zukunft." Wohl deshalb, weil die meisten, die dort im Graben hockten, keine Zukunft mehr hatten. Jünger aber, todesnah und todessehnsüchtig, war immer sicher, dass er überleben würde. Sehr seltsam. Als könnte der Tod einem, "der mit der Freiheit im Bunde ist", tatsächlich nichts anhaben.

Ernst Jünger: Feldpostbriefe an die Familie 1915-1918. Herausgegeben von Heimo Schwilk. Klett-Cotta, Stuttgart 2014, 133 Seiten, 19,95 Euro. E-Book 15,99 Euro.

© SZ vom 24.10.2014

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