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Fazil Say spielt Beethoven:Geht's auch einfacher?

Summt und knurrt genialisch während des Spiels: Fazil Say.

(Foto: Marco Borggreve/Warner Classics)

Der türkische Pianist Fazil Say liefert die zweite neue Gesamteinspielung von Ludwig van Beethovens Klaviersonaten - und erschüttert in aller Naivität ein Monument.

Natürlich hofft man: Plötzlich steht einer da und spielt Beethovens Klaviersonaten so, wie man sie noch nie gehört hat und kann den beflissenen Alten inspirierte Neuigkeit oder unverfrorene Chuzpe entgegensetzen, die ästhetisch-intellektuelle Substanz hat. Aber, was soll man sagen, die Jungen stehen müder auf, als sich die Alten niederlegten. Und die Schockstarre vor diesen 32 Klaviersonaten, längst zum festen Zyklus verschweißt, hat sich beim Nachwuchs offenbar noch nachhaltiger ausgebildet als bei den großen Pianisten des 20. Jahrhunderts, die sich dem Werk aus unterschiedlichen Richtungen näherten.

Zwei Gesamtaufnahmen stehen nun im Raum: die letzten Herbst erschienene von Igor Levit (SZ vom 21.10.19) und die neueste des türkischen Pianisten Fazil Say. Say gehört dem ersten Eindruck nach nicht zu den aufstrebenden Beethoven-Helden. Er hat sich seine eigene Deutungswelt gebaut, in der summt und knurrt er während des Spiels, als führe er, ganz unbeobachtet, ein persönliches Gespräch mit Beethoven. Dass er damit zur Musik Beethovens auch dessen angeblich so schrullige Persönlichkeit ins Spiel zu bringen versucht, muss man nicht unterstellen.

Es gab Zeiten, da galten solcherlei akustische Beigaben als Zeichen des Geniehaften. Als Glenn Gould sein Bach-Spiel mit Gebrumm begleitete, und man davon ausging: Wer so etwas tut, der ist so in die Musik vertieft, dass er nicht einmal mehr sich selber wahrnimmt - das autistische Genie. Aber Says Aufnahme besteht nicht nur aus Nebengeräuschen; insgesamt gehört kann man seiner Einspielung allerhand Gutes nachsagen, vor allem eine künstlerische Seriosität, die selten geworden ist. Man staunt über die ungebrochene Haltung gegenüber Beethovens Musik, die umweglose Annäherung, man spürt die Person des Künstlers Fazil Say dahinter. Und der ist so offen und unverstellt, im ambivalenten Sinne naiv. Sein musikalisches Feuer ist folglich erst einmal ansteckend, aber selten unproblematisch. Es flackert in verschiedene Richtungen, folgt keinem festen Verlauf, behält sich eigenwillige Spontaneität.

Beethoven war sowohl Melodiker als auch Formdenker - und so muss man ihn spielen

Das kann auch zu lokalen Unfällen führen, ohne dass gleich das ganze Projekt gefährdet ist. Zum Beispiel in der so harmlos anmutenden E-Dur-Sonate op.109. Say gerät in der abschließenden Variation an den dramatischen Höhepunkten ins Poltern, als würde er selber von der klanglichen Entwicklung so überrascht, dass er nicht mehr künstlerisch agieren, sondern nur noch reflexartig reagieren kann. Immerhin: die Erschütterung ist da und hat ihren Niederschlag in Says Spiel gefunden.

Ganz anders bei Igor Levit, bei dem man immer den Eindruck hat, er werfe sich prophylaktisch schon mal in Pose, noch bevor das Stück begonnen hat und erlebt und verstanden ist. Als Pianist kann man Musik ja regelrecht begreifen. Man bekommt eine andere Vorstellung, einen anderen Begriff von ihr, als dies durch das reine Hören der Fall ist. Bei Levit aber muss mitunter die Funktion der Form folgen und die feine Beethovensche Entwicklungsdramatik - die etwa Emil Gilels durch ein unterschiedlich synchronisiertes Lauter- und Schnellerwerden erreicht - durch eher grobes Kontrast-Theater ersetzt werden. Wie in der "Appassionata" oder im etwas betulich-mutlosen Scherzo der Mondschein-Sonate. Oder es geschieht durch großzügiges Einebnen und Zusammenfassen von Details, die in ihrer kleinteiligen Eigenart aber erst als Baustein zum größeren Drama funktionieren. Dann wirken selbst gefühlvoll vorgetragene Passagen auch bei Fazil Say oftmals ausgehöhlt spröde.

Der Moderato-Beginn von op.110 ist so ein Beispiel. Say hält wunderbar die aufgebaute melodische Spannung, steigert sie sogar, indem er strikt dem vorgeschriebenen Metrum folgt. Genau dies verleiht auch Says überzeugend luftig federndem Scherzo-Verständnis in der Mondscheinsonate Sicherheit. Beethoven hat alles komponiert an Entwicklung und Klanggestalt, man muss die Partitur nicht demontieren, um sie dann - oft schlechter - neu zu erfinden. Aber: Man muss sie sich persönlich aneignen, das tut auch Fazil Say, und Beethoven fordert dies geradezu mit der Spielanweisung "cantabile molto espressivo". Auf deutsch: Erfinde bitte nicht irgendeinen Schnickschnack, sondern spiele die Melodie so, dass du sie innerlich frei und ungezwungen mitsingst, worin sich ganz natürlich deine Persönlichkeit spiegelt.

Kapitulieren die jungen Pianisten gleichsam freiwillig vor Beethoven?

Dagegen spielt Levit stellenweise so zerdehnt, manieriert, jeden Akkord einzeln in die Tastatur gestoßen und isoliert, als habe Beethoven gar keine Melodien und Harmoniespannungen gemeint, sondern eine abstrakte Konzeptmusik, bei der, wie dies Arnold Schönberg später als quasinatürlich zu konstruieren versuchte, alle Töne gleichwertig sein müssen. Unmittelbar einleuchtend und auch nach viel Überlegung letztlich überzeugend klingt Beethoven aber immer dann, wenn man ihn weder nur als exzentrischen Ideengeber, noch als schicksalsgebeutelten, das Idyll suchenden Eskapisten musiziert, sondern sowohl als feinsinnigen Melodiker wie auch frappierenden Formdenker begreift. Nur beides zusammen ergibt Sinn, und ist doch offenbar so unendlich schwierig zu realisieren. Wo das Persönliche ins weltumspannend Pathetische schlägt - und eben nicht umgekehrt - da ist der Scheitelpunkt, und oft genug auch der Punkt des Scheiterns.

Kapitulieren die Jungen also gleichsam freiwillig vor Beethoven? Subjektiv betrachtet sicherlich nicht. Es ist ein kreatives Scheitern, das individuell künstlerisch geprägt ist. Beide scheitern in der Sonate op. "Les Adieux" auf ihre Weise. Say umspielt einen identitätslosen Raum, Levit dagegen erstirbt in steifem Pathos, das zwar mit den meisten Beethoven-Klischees zusammengeht, nicht aber mit dessen Fantasie über das Menschliche und Zwischenmenschliche - über die kleinsten und größten Fragen, die er in diesem op.110 verhandelt. Wie so oft bei Beethoven: die ersten Noten enthalten schon alles und müssen deshalb auch alles sagen wollen und können.

Diese profunde Traurigkeit des ersten Akkordes, mit der sich der Hörer im zweiten befreundet und im dritten verbrüdern muss - das kann man nicht so als Vorlauf wegspielen auf das überfallartige Attacca-Subito-Allegro. Dieses Vorspiel ist so viel mehr als nur klassische langsame Einleitung oder Starthilfe für Effektdramaturgie. Ähnliches schlägt einem in den ersten Takten von op.111 entgegen, der letzten Klaviersonate Beethovens, die vielleicht nicht alles, doch das Allermeiste umfasst und konzentriert. Bei Richter, Arrau, Michelangeli, Gulda, Pogorelich, Trifonov kann man studieren, wie die ersten beiden Forteakkorde plus Vorschläge als inverse Frage-Antwort-Situation die dialektische Keimzelle für das Folgende bilden. Wie statt vermeintlich imperialer Geste hier das intime Zwiegespräch alles erklärt. Es geht nicht um die Reihung grimmiger Donnerschläge und anschließender Pianissimo-Mystifizierung. Beethoven war kein Esoteriker.

Fazil Say aber spielt in erschütternder Naivität die Noten ab. Diese klägliche, aber für wahre Sympathie noch nicht hinreichend unbeholfene Version des Maestoso lässt den gespannten Hörer kurzfristig zusammenbrechen, Levits Variante völliger Gleichgültigkeit hilft ihm aber auch nicht wieder auf. Was bleibt? Man muss diese Klaviersonaten immer wieder aufführen - bis sie und ihr Publikum sich auf einen neuen aktuellen Erkenntnisstandpunkt in Sachen Beethoven einig werden können. Einfacher geht's nicht.

© SZ vom 27.01.2020

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