Süddeutsche Zeitung

Fünf Favoriten der Woche:Urkomisch und bitterböse

Lesezeit: 6 min

Eine Antennentanne vom Discounter, zwei Kindercomics, ein Pixar-Kurzfilm, Musik von Moor Mother und toxische Pommes aus Österreich.

Von SZ-Autorinnen und -Autoren

Toxische Pommes

Erste Einstellung: Renate meint, sie "habe ja nichts gegen Ausländer", versteht aber einfach nicht, wie man seit drei Jahren in Österreich leben und immer noch "kein Deutsch" können kann. Schnitt. Zweite Einstellung: Renate sitzt im Restaurant und stammelt eine halbenglische Bestellung für ein Glas Wasser hervor. Oder der privilegierte Lorenz, der verblüfft von einer total interessanten Unterhaltung mit einem polnischen Bauarbeiter bei ihm im Wohnhaus berichtet. Weiß die Welt eigentlich schon, wie fürchterlich die Arbeitsbedingungen für ausländische Bauarbeiter in Österreich sind?

Die österreichische Tiktokerin "Toxische Pommes" legt mit ihren satirischen Videos den Finger in die Wunde der behüteten, pseudoaufgeklärten Akademiker-Bubble. Die kurzen Szenen filmt sie selbst mit dem Handy, unkompliziert arrangiert. Darin kommen verschiedene Figuren vor, die sie alle selbst spielt. Sie ist Tobias, der in eine Krise stürzt, weil der Opa doch nicht im Widerstand, sondern ein Nazi war. Sie ist Lorenz, der seine Möbel nicht bei Ikea kauft, sondern in Marokko schreinern lässt. Sie stellt 30-jährige Millennials mit winzigen Tätowierungen dar, die "Harry Potter"-Film-Marathons machen. Oder eben die rassistische Renate, die ihre "jugoslawischen" Nachbarn beim Draußensein beobachtet: "So was gibt's bei uns Österreichern nicht." Sie parodiert Workaholics genauso wie Hipster, enttarnt gnadenlos versteckte Homofeindlichkeit, toxische Männlichkeit, Alltagsrassismus und Klassismus.

Zu Beginn ihrer Arbeit hat "Toxische Pommes", die ihren richtigen Namen nicht verraten will, vor allem Clips über die skurrilen Beobachtungen gedreht, die Menschen mit Migrationshintergrund in Österreich erleben. Etwa, dass Österreicher sich immer beleidigt fühlen, wenn sie als geizig bezeichnet werden, und grundsätzlich nachsalzen, bevor sie ein Gericht überhaupt probieren. "Toxische Pommes" ist selbst in den 90ern aus Ex-Jugoslawien geflüchtet und lebt seitdem in Wien. Sie parodiert genauso sich selbst und die Klischees über Menschen vom Balkan. Etwa, dass die erst vollmundig versprechen, mit dem Sprinter beim Umzug zu helfen, und dann, am Tag X, leider doch keine Zeit zu haben.

Ihr Blick für die Ambivalenzen zwischen dem menschlichen "So wäre ich gern" und "So bin ich" ist scharf, sie parodiert, indem sie einfach nur wiederholt, was ohnehin gesagt wird. Als Zuschauer fühlt man sich entweder verstanden oder eben beschämend ertappt. So oder so: urkomisch und bitterböse. Sophie Schroeder

Schlimme Weihnachten

Der Weihnachtsbaum "Livarno Home" ist einen Meter hoch und "nachhaltig". Also "jedes Jahr verwendbar". Der Discounter Lidl hat die, hm, Skulptur aus Echtholz ("mit 21 drehbaren Ästen zur individuellen Anordnung") im Angebot. Für 14,99 Euro. Sie ist nach wenigen Tagen fast ausverkauft. Und was soll man sagen? Vielleicht das, was der Lidl-Shop-Kunde als allererster Livarno-Rezensent, der gleich mal großherzig fünf Sterne von fünf Sternen vergibt, schreibt: "sieht schön aus". Kann man so sehen. Man kann aber eventuell auch zu dem Ergebnis kommen, dass der Ökoweihnachtsbaum aus dem Discount ganz genauso aussieht, wie sich Lothar Wieler "ein sehr schlimmes Weihnachtsfest" vorstellt. Nackt. Kalt. Einsam.

RKI-Präsident Wieler, der recht hat angesichts der viralen Impf-Ignoranz, ist als Chef des Robert-Koch-Instituts allerdings für Krankheitsüberwachung zuständig. Nicht für Weihnachtsdeko. Trotzdem muss man sagen: Boshafterweise erinnert das Baumgerippe in seiner bestürzenden Schmucklosigkeit an das, was von Waldbränden übrig bleibt. Aber gerade deshalb ist Livarno tatsächlich der Baum der Klimawandelstunde.

Seit einigen Jahren mühen sich Designer um Öko-Alternativen zur Nordmann-Tanne, die man angesichts der Bedeutung von intakten Wäldern eigentlich nicht mehr sehen möchte in den Wohnzimmern. Die Weihnachtsbaumscham geht also um. Nur sind Alternativen vom Designer (im Preisschild gibt es im Vergleich zu Lidl und anderen Billigheimern locker eine Null mehr), die übrigens ganz ähnlich aussehen können wie die Lidl- oder Aldi-Version, nicht annähernd so wirkmächtig wie das, was der Discount unter die Leute zu bringen vermag. Die Verhaltensänderung wird nicht im Interieur-Magazin oder auf der Möbelmesse, sondern an der Supermarktkasse entschieden. Daher sei Livarno, die Radioantenne unter den Weihnachtsbäumen, umarmt.

Eines fernen Tages, hoffentlich, wenn Klimaschutz normal und das Impfen ein selbstverständlicher Akt gesellschaftlicher Verantwortung sein wird, wird man auch die verdammten Pandemien einhegen können, die global mit unserem Verhalten mehr, mit Wuhan jedoch möglicherweise weniger als gedacht zu tun haben. Frühestens dann kann man auch an Weihnachten wieder aufatmen - und in aller Ruhe aus dem Baumgerippe schmückenderweise was wirklich Schönes machen. Gerhard Matzig

Zwei Alben von Moor Mother

Die Wucht der afroamerikanischen Lyrik entfaltet sich in der Regel im Vortrag, weswegen es fast unmöglich ist, sie zu übersetzen. Im Schlepptau der Musik aber schaffen es so manche Stimmen auch aufs europäische Festland. Camae Ayewa zum Beispiel, die unter dem Künstlernamen Moor Mother politischen Zorn in gedankliche Malströme verpackt, die einen aus der irdischen Gegenwart durchs All in die Zukunft katapultieren. Zwei Alben hat sie gerade herausgebracht. Auf dem einen mit dem Titel "Open the Gates" gibt sie sich zusammen mit der Band Irreversible Entanglements zwischen Punk und Free Jazz rau und kantig. Auf "Black Encyclopedia of the Air" (Anti) verlässt sie die musikalischen Formen gemeinsam mit dem schwedischen Produzenten Olof Melander für Beatscapes, die sich wunderbar und sehr viel harmonischer um ihre Reime winden. Das schließt mit dem letztgültigen Poem "Clock Fight", das die Zeit im Maß der Uhren als ultimatives Instrument der Unterdrückung und Entmenschlichung entlarvt. Andrian Kreye

Ciao Alberto

Wenn man nach einer langen Arbeitswoche mit Home-Office und paralleler Kinderbetreuung mal wieder nur noch die Aufmerksamkeitsspanne eines degenerierten Waldwiesels besitzt, hilft nur noch eins: Pixar-Kurzfilme. Davon gibt es beim Streamingdienst Disney+ einige. Der neueste heißt "Ciao Alberto" und ist eine kleine, achtminütige Fortsetzung des letzten Pixar-Langfilms "Luca", der im Sommer erschienen ist. Darin findet ein sympathischer Seemonster-Junge Zuflucht bei einem alten Seemann und Grantler, der in einem italienischen Postkartenidyll von einem Fischerdorf lebt. Mittlerweile sind die beiden ein erprobtes Fischer-Team und erleben noch mal ein kurzes Abenteuer. Auch die Katze Machiavelli ist wieder dabei, die nicht nur so heißt, sondern eine Art plüschige Inkarnation des Machiavellismus zu sein scheint. David Steinitz

Toxische Pommes

Erste Einstellung: Renate meint, sie "habe ja nichts gegen Ausländer", versteht aber einfach nicht, wie man seit drei Jahren in Österreich leben und immer noch "kein Deutsch" können kann. Schnitt. Zweite Einstellung: Renate sitzt im Restaurant und stammelt eine halbenglische Bestellung für ein Glas Wasser hervor. Oder der privilegierte Lorenz, der verblüfft von einer total interessanten Unterhaltung mit einem polnischen Bauarbeiter bei ihm im Wohnhaus berichtet. Weiß die Welt eigentlich schon, wie fürchterlich die Arbeitsbedingungen für ausländische Bauarbeiter in Österreich sind?

Die österreichische Tiktokerin "Toxische Pommes" legt mit ihren satirischen Videos den Finger in die Wunde der behüteten, pseudoaufgeklärten Akademiker-Bubble. Die kurzen Szenen filmt sie selbst mit dem Handy, unkompliziert arrangiert. Darin kommen verschiedene Figuren vor, die sie alle selbst spielt. Sie ist Tobias, der in eine Krise stürzt, weil der Opa doch nicht im Widerstand, sondern ein Nazi war. Sie ist Lorenz, der seine Möbel nicht bei Ikea kauft, sondern in Marokko schreinern lässt. Sie stellt 30-jährige Millennials mit winzigen Tätowierungen dar, die "Harry Potter"-Film-Marathons machen. Oder eben die rassistische Renate, die ihre "jugoslawischen" Nachbarn beim Draußensein beobachtet: "So was gibt's bei uns Österreichern nicht." Sie parodiert Workaholics genauso wie Hipster, enttarnt gnadenlos versteckte Homofeindlichkeit, toxische Männlichkeit, Alltagsrassismus und Klassismus.

Zu Beginn ihrer Arbeit hat "Toxische Pommes", die ihren richtigen Namen nicht verraten will, vor allem Clips über die skurrilen Beobachtungen gedreht, die Menschen mit Migrationshintergrund in Österreich erleben. Etwa, dass Österreicher sich immer beleidigt fühlen, wenn sie als geizig bezeichnet werden, und grundsätzlich nachsalzen, bevor sie ein Gericht überhaupt probieren. "Toxische Pommes" ist selbst in den 90ern aus Ex-Jugoslawien geflüchtet und lebt seitdem in Wien. Sie parodiert genauso sich selbst und die Klischees über Menschen vom Balkan. Etwa, dass die erst vollmundig versprechen, mit dem Sprinter beim Umzug zu helfen, und dann, am Tag X, leider doch keine Zeit zu haben.

Ihr Blick für die Ambivalenzen zwischen dem menschlichen "So wäre ich gern" und "So bin ich" ist scharf, sie parodiert, indem sie einfach nur wiederholt, was ohnehin gesagt wird. Als Zuschauer fühlt man sich entweder verstanden oder eben beschämend ertappt. So oder so: urkomisch und bitterböse. Sophie Schroeder

B für Boys, P für Prinzessin

Boris liebt Blau, er arbeitet als Baggerfahrer auf einer Baustelle, mit Bruno, Bernhard und Bogdan. Er pflegt seinen Bart, jeden Tag eine Stunde lang im Bad. Er liebt Bioessen, geht lieber zum Bouldern als zum Fußball und trifft dabei eine tolle Frau, deren Namen - natürlich - auch mit B anfängt. Der Berliner Comiczeichner Mawil ("Lucky Luke sattelt um") hat zwei sehr lustige Kindercomics gemacht, in denen er nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit Geschlechterklischees spielt. Das rosa Gegenstück zu "Mauer, Leiter, Bauarbeiter" heißt "Power-Prinzessinnen-Patrouille" (bd. Reprodukt Verlag) und erzählt - mit sehr vielen Ps - von einer hochadeligen Mädchengang mit Motorrädern und eigener Werkstatt, die sich sogar in den alten Drachenhort des Schlosses wagt. Blau ist für Jungs und Rosa für Mädchen? Und solche Comics nur für Kinder? Pustekuchen! Martina Knoben

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