Fünf Favoriten der Woche:Wolken, die auf Wolken Schatten werfen

Ein Album von Bob Dylans Sohn, zwei Comics, ein Dokumentarfilm zu Roger Willemsens Essay "Wer wir waren" und die vierte Folge der Corona-Soziologie.

Von SZ-Autoren

Fünf Favoriten der Woche: Die Cartoons von Arne Zank, Schlagzeuger der "Tocotronics", zunächst im Netz veröffentlicht, erscheinen jetzt auch als Buch.

Die Cartoons von Arne Zank, Schlagzeuger der "Tocotronics", zunächst im Netz veröffentlicht, erscheinen jetzt auch als Buch.

(Foto: Ventil-Verlag)

Die Vögel

Unter anderem auf Seite 20 hat sich der Autor in den Hintergrund eines Bildes geschmuggelt: Auf der Flucht versteckt sich ein krimineller Vogel in dieser "Parodie eines Graphic Roadmovies mit Anklängen an den Verfolgungswahn des Film Noir" auf dem Konzert "einer in die Jahre gekommenen Indie-Rock-Band". Die Musiker seien schon mal progressiver gewesen, sagt der Vogel, aber ihre Haare seien noch toll. "Kauf mir ein Bier, ich trink es dann bei mir", singt da der Sänger, na klar: Das ist Tocotronic, "Nach Bahrenfeld im Bus", von - hach - 1997. Der Schlagzeuger der Band, Arne Zank, hat die Pandemiezeit genutzt, um einen Cartoon zu zeichnen. "Die Vögel" erschien erst scheibchenweise im Netz, nun gedruckt (Ventil-Verlag). Man merke dem Werk Zanks Kinderbuch-Illu-Studium und seine Punkrock-Sozialisation an, so der Verlag. Es ist egal, aber: stimmt glücklicherweise. Moritz Baumstieger

Fünf Favoriten der Woche: Die digitale Vortragsreihe läuft mittlerweile in der vierten Staffel.

Die digitale Vortragsreihe läuft mittlerweile in der vierten Staffel.

(Foto: WZB)

Corona-Soziologie

In diesen Sommerwochen ist man ja oft so gestimmt, dass man vom Coronavirus nichts mehr hören mag. Endlich weiterleben. Zugleich kursieren weiterhin sehr starke Meinungen, wie man in einzelnen Bereichen der Gesellschaft besser mit der Pandemie umgehen müsste oder hätte umgehen müssen. All diesen Superexperten könnte ein wenig mehr Empirie sicher nicht schaden, und da kommt die Soziologie ins Spiel, die seit dem Frühjahr 2020 praktisch in Echtzeit die Gesundheitskrise untersucht.

Die digitale Reihe "Soziologische Perspektiven auf die Corona-Krise", kurz "Coronasoziologie", läuft inzwischen als "Vierte Staffel". Es sind kurze Zoom-Vorträge mit Diskussion, die anschließend auch als Podcast nachzuhören sind, alles sehr professionell aufbereitet. Das ist zwar terminologisch manchmal etwas fachlich und trocken, und wie es bei frischeren Erhebungen und Umfragen nicht anders geht, hört man auch allerlei Methodisches zur Datenbasis. Aber die präsentierten Studien machen die diversen Auswirkungen der Seuchenbekämpfung verständlicher, am Arbeitsplatz, in der Schule und im Sport, von der Digitalisierung bis zur Religion, auch die befürchteten Verstärkungen von Ungleichheit und häuslicher Gewalt.

Dieses große Online-Treffen der deutschen Soziologie, organisiert vom Berliner Wissenschaftszentrum (Jutta Allmendinger) und der LMU in München (Armin Nassehi), hatte begonnen mit einem Hohelied von Heinz Bude auf den solidarischen Zusammenhalt zum Schutz der Alten und Schwachen im ersten Lockdown. Zuletzt wurde unter dem Titel "Alles Covidioten?" ein "Protest-Monitoring" zur Radikalisierung verharmlosender Gruppen vorgestellt. Ob das wirklich einen Widerspruch darstellt, ist nicht ausgemacht, gemeinschaftliche Anstrengung und Hadern mit den Folgen greifen eher ineinander. Dazwischen kann man sich jedenfalls viele interessante Analysen anhören, etwa auch eine ernüchternde von Heiko Giebler: Danach hängt es weniger von der "demokratischen Qualität" der Maßnahmen ab, ob die Menschen die Freiheitseinschränkungen in der Krise akzeptieren, als vom spürbaren Ausmaß der Erkrankungen und von den wirtschaftlichen Kompensationen. Das lässt einen grübeln über das Verhältnis von Angst und Demokratie. Johan Schloemann

Fünf Favoriten der Woche: Kristina Gehrmann erzählt die Geschichte der Mary Tudor.

Kristina Gehrmann erzählt die Geschichte der Mary Tudor.

(Foto: Carlsen Verlag)

Bloody Mary

Wer bei "Bloody Mary" irgendwas über Cocktails erwartet, dürfte bei der Lektüre von Kristina Gehrmanns Comic überrascht werden. Die deutsche Autorin und Zeichnerin erzählt in ihrem bei Carlsen erschienenen Buch die Geschichte der englischen Königin Mary Tudor. Die älteste Tochter Heinrich VIII. saß von 1553 bis 1558 auf dem Thron. Ihren Beinamen bekam sie im Volksmund für den nicht eben gewaltfreien Versuch, den Katholizismus wieder als Staatsreligion gegen die von ihrem Vater etablierte anglikanische Kirche durchzusetzen. Gehrmann zeigt das mit einer verhalten pastosen Palette aus Sicht dieser frommen, sich ihres Status - wie alle Tudors - wohl bewussten Frau. Die komplexen dynastischen, konfessionellen und persönlichen Verhältnisse, die es hier nachzuvollziehen gilt, werden in abwechselnd eher kleinteiligen und großzügigeren Bildfolgen erzählt. Den stählernen Willen Marys, die Liebe zu ihrem früh verstorbenen Bruder Edward, aber auch die Konsequenz, mit der sie gegen Gegner wie den Rebellen Thomas Wyatt vorgeht, all das zeigt dieser gelungene Comic in eingängiger und unterhaltsamer Form. Alexander Menden

Dokumentation "Wer wir waren"

Fünf Favoriten der Woche: Die Meeresbiologin Sylvia Earle in einer Szene aus "Wer wir waren".

Die Meeresbiologin Sylvia Earle in einer Szene aus "Wer wir waren".

(Foto: X-Film Verleih AG)

Wenn wir uns die Zukunft so gerne vorstellen - als utopisches Versprechen in der Werbung oder als Katastrophe im Kino - warum starren wir ihr dann wie gelähmt entgegen, anstatt sie zu gestalten? Inspiriert durch den postum erschienenen Essay "Wer wir waren" von Roger Willemsen sucht der Dokumentarfilmer Marc Bauder nach einem Perspektivwechsel, nach Alternativen zum derzeit herrschenden ökonomischen System, das schon zu solchen Katastrophen wie dem Reaktorunglück von Fukushima geführt und den Planeten an den Rand eines verheerenden Klimawandels gebracht hat. Der Astronaut Alexander Gerst und die Meeresbiologin Sylvia Earle liefern dazu beeindruckende Weltraum- und Unterwasserbilder für einen Blick auf unsere Erde, der die bekannten Vorstellungen aufbrechen soll. Wenn Earle von den Gesichtern der Fische erzählt und Gerst von Wolken, die Schatten auf andere Wolken werfen, was man aber nur vom Weltraum aus sehen kann, dann funktioniert das nicht nur filmisch, sondern demonstriert auch, wie fremd und unverstanden unser Heimatplanet sein kann, wenn man ihn aus ein paar Kilometern weiter oben oder unten betrachtet.

Nur bemüht wirken können dagegen die Roboterforscherin Janina Loh, die in Japan KI-Entwickler besucht und von einer zukünftigen Verschmelzung von Mensch und Maschine träumt; oder der buddhistische Molekularbiologe Matthieu Ricard, der den westlichen Individualismus infrage stellt und dabei klingt, als schreibe er ansonsten Kalendersprüche. Das sind beides etwas zu radikale Zukunftsvisionen, die eher abstoßen. Inspirierender wirken da die Thesen des geläuterten Ökonomen Dennis Snower, der das unrealistische Menschenbild des Wirtschaftssystems kritisiert, obwohl er es selbst jahrzehntelang vertreten hat, oder die Diskussionen mit dem senegalesischen Philosophen Felwine Sarr, der längst über eine Welt nachdenkt, in der das westliche Lebensmodell an seine Grenzen gekommen ist. "Wir haben globale Probleme, die nur global gelöst werden können", erklärt Snower, und was wie eine Banalität klingt, ist vielleicht die größte Hürde im Kampf gegen Klimawandel, globale Pandemien und andere Katastrophen. Wie Lösungen oder die Zusammenarbeit aussehen sollen, liefert der Film nicht als Blaupause. Aber er zeigt, wie wichtig es ist, überhaupt erst einmal neu zu denken und zu sehen. Nicolas Freund

The Wallflowers

Fünf Favoriten der Woche: Jakob Dylan, Sohn von Bob, hat ein großartiges Album unter dem Namen seiner früheren Band veröffentlicht.

Jakob Dylan, Sohn von Bob, hat ein großartiges Album unter dem Namen seiner früheren Band veröffentlicht.

Namen: Immer wieder ein verflixtes Thema in diesem Popzirkus. Jakob Dylan, zum Beispiel, ist, der Nachname lässt es erahnen, der Sohn vom Übervater Bob. PR-mäßig war das sicher nicht verkehrt, richtig leicht kann es künstlerisch aber auch nicht sein. Bevor er unter seinem Geburtsnamen veröffentlichte, und zwar die beiden fantastischen Folk-Alben "Seeing Things" und "Women + Country", war er also schon mit den Wallflowers erfolgreich. Jetzt veröffentlicht er mit denen das erste Album seit fast zehn Jahren. Sozusagen. Tatsächlich hat er den Bandnamen nämlich behalten, die Musiker aber nicht. Lakonische Begründung: "It's pretty hard to get a good band name, so if you have one, keep it." Die Musik jedenfalls ist fantastisch. Ganz abgeklärter Folk-Rock. Sehr souveränes Songwriting. Nicht ein Ton neu. Aber halt auch keiner dort, wo er nicht hingehört. Jakob Biazza

© SZ/eye
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