Favoriten der Woche:WG-Gespräche der Superlative

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Favoriten der Woche: Tanzt im Gasometer Jiří Bubeníček:

Tanzt im Gasometer Jiří Bubeníček:

(Foto: filip jägr)

Tanzen in Ruinen und kauzige Musik aus Berlin, eine Menge Holz und ein Comic mit Zukunftsträumen, eine Wissenschafts-Serie: Fünf Empfehlungen der SZ-Redaktion.

Tanz: Miniaturen im Gasometer

Im Anflug auf seine Wahlheimat Dresden hat der Choreograf Jiří Bubeníček irgendwann eine Entdeckung gemacht: Mitten im Weichbild der Stadt ragt ein riesiger Hohlzylinder gen Himmel - ein im Weltkrieg ausgebombter Gasometer. Als der Lockdown kam und mit ihm die Langeweile, organisierten der Künstler und seine Frau ein faszinierendes Projekt. Das Paar verwandelte sieben sächsische Industrieruinen in Kulissen für "Tanzgedichte aus der Stille": choreografische Miniaturen, die jetzt im Wochentakt auf www.jiribubenicek.com veröffentlicht werden. Dreißig Tänzer, Musiker, Filmleute waren an der Entstehung der Clips beteiligt, deren maßgeschneiderte Ästhetik die Atmosphäre des jeweiligen Schauplatzes einfängt. So glänzt eine verlassene Lederwarenfabrik im Retrolook der Seventies, Abraumhalden imponieren als Dünenlandschaften - und natürlich betanzt Bubeníček selbst den Gasometer. Großartig! Dorion Weickmann

Klassik: Kuss aus Berlin

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(Foto: Rubicon)

Was tut ein tolles Ensemble wie das Kuss Quartett in der Freizeit, die die Corona-Pandemie erzwingt durch Stilllegung des Konzertlebens? Nun, Jana Kuss, Oliver Wille, Violinen, William Coleman, Viola und Mikayel Hakhnazaryan, Cello stürzen sich auf Stücke, die sie in Auftrag gaben bei Enno Poppe, Aribert Reimann, Manfred Trojahn und Johannes Julius Fischer. Ergebnis ist eine lustvolle und witzige CD (Rubicon). Bei Poppes 14 "Freizeit"-Stücken gehört das laute Umblättern dazu. Reimann mischt Heine-Lieder des Romantikers Theodor Kirchner für Sopran (Sarah Maria Sun) und Quartett mit eigenen Bagatellen. In Trojahns 5. Quartett spricht im 2. Satz der Poet Bas Böttcher zur Musik. Fischer mixt Slam-Poetry, Quartett und Schlagzeug zum Thema "Duft". Das Ganze klingt frisch und kauzig. Harald Eggebrecht

Ausstellung: Eine Menge Holz

Favoriten der Woche: SLOW. Slow Design for Fast Change, Installationsansicht, Kunstgewerbemuseum 2021, © Staatliche Museen zu Berlin.

SLOW. Slow Design for Fast Change, Installationsansicht, Kunstgewerbemuseum 2021, © Staatliche Museen zu Berlin.

(Foto: David von Becker)

Unter den Berliner Museen ist das Kunstgewerbemuseum am Kulturforum ein Dornröschen - reich beschenkt, nicht wachgeküsst. Dabei könnten seine Themen nicht aktueller sein. Design natürlich. Aber auch Material - Textilien, Glas, Metall und Holz. Letzterem widmen sich junge Designerinnen und Designer in der hübschen kleinen Ausstellung "Slow" (bis 20. Februar) mit neuen Fragen: Wie wurde es gewonnen? Wie lässt es sich entsorgen? Vor Kabinettschränken und Prunkvasen finden sich beispielsweise die kühl minimalistischen Dosen der koreanisch-deutschen Designerin Hansil Heo. Nach einer koreanischen Tradition wurde für jedes Neugeborene ein Baum gepflanzt, der Schatten bot und am Ende als Sarg diente. Heo beschwört das Ideal einer Gemeinschaft von Mensch und Objekt, das an Marie Kondō erinnert. Simon Gehriger hat mit einem Algorithmus einen Stuhl aus Holzresten entwickelt, Theo Luvisotto ein weich geschwungenes Regal. Zeit aufzustehen für Dornröschen. Sonja Zekri

Comic "Celestia": Zukunftsträume

Welches Medium könnte besser von der Zukunft träumen als der Comic? Manuele Fior breitet sie in "Celestia" (Avant Verlag) in leuchtenden Aquarellzeichnungen aus, wunderschön, wässerig morbide und zum Fürchten. Eine "Große Invasion", die vom Meer kam und Richtung Norden zog, hat die Menschen vertrieben. Waren es Flüchtlingsströme? War die Ursache womöglich der Klimawandel? Fior verrät es nicht, wie sich die Erzählung überhaupt häufig immer wieder im Episodischen und Ungefähren verliert. Aber "Celestia" ist eben ein Traum, ein Fest der Bilder, die in keinem festen Boden wurzeln: Einige wenige Menschen haben auf einer Inselstadt namens Celestia Zuflucht gefunden, die mit ihren Kanälen und Palazzi, dem Grundriss (wie zwei ineinandergreifende Hände) und den Anspielungen auf die Commedia dell' Arte wie Venedig aussieht. Wasser - mal trüb, mal leuchtend blau, mal keimfrei gechlort in einem Pool - ist das beherrschende Element in diesem Comics - auf diesem "Grund" ist logisch-solides Erzählen unmöglich. Auf Celestia leben Kleinkriminelle und andere Außenseiter; eine Gruppe junger Telepathen wird in einer Schule zur Elite erzogen und manipuliert. Die X-Men, die Mutanten aus dem Marvel-Universum, lassen traurig grüßen. Unter diesen Telepathen ist Dora eine der begabtesten. Mit Pierrot, einem unberechenbaren Weirdo, dessen Vater Leiter der Telepathen-Schule ist, flieht sie von der Insel aufs Festland, wo Kinder eine neue Art von Menschlichkeit probieren.

Der 1975 geborene Fior studierte zunächst in Venedig Architektur, bevor er Comics zeichnete. Ein besonderes Vergnügen ist das Aufspüren ikonischer Bauwerke in seiner Science-Fiction-Fantasie. Als etwa Dora und Pierrot aufs Festland übersetzen, landen sie an einem flachen, auf kantigen Säulen ruhenden Betonkomplex, ein ehemaliges Krankenhaus, erklärt Pierrot. Und wer will, kann das von Le Corbusier geplante, nie realisierte Krankenhaus von Venedig darin sehen. In der roten Festung, die Dora und Pierrot anschließend besuchen, ist, eindeutiger noch, Ricardo Bofills surreal anmutende "Rote Mauer" an der Costa Blanca zu erkennen. Es sind diese Architektur wie Manuele Fiors Comic luzide Träume einer neuen Art zu leben. Martina Knoben

Wissenschaft: WG-Gespräche der Superlative

Favoriten der Woche: Lawrence Kuhn bei der Arbeit: Reden und Nachdenken.

Lawrence Kuhn bei der Arbeit: Reden und Nachdenken.

(Foto: youtube)

Was ist Bewusstsein? Kann es freien Willen geben? Hat das Universum einen Anfang? Was ist Schönheit? Ja, solche Fragen hat man sich schon mal gestellt. Meist saß man dabei in einer WG-Küche. War Mitte zwanzig. Und am Ende zugedröhnt. Am nächsten Tag stellt man fest, dass die gefundenen Antworten doch nicht so revolutionär waren, wie sie sich um halb vier früh anfühlten, und fragt sich andere Dinge: "Was machen die aufgeweichten Pizzareste im Besteckkasten?" Und: "Ist das wirklich Pizza?" (Lieber Gott, lass es Pizza sein, lass es nur Pizza sein).

Genau so, nur vollkommen anders, nämlich unendlich viel besser, ist die PBS-Serie "Closer to Truth". Besser, weil die Gespräche nicht von einem bekifften Philosophiestudenten, sondern dem promovierten Neurowissenschaftler Robert Lawrence Kuhn geführt werden. Noch viel besser, weil Kuhn genau die Leute fragt, die sich nicht nur in ihren Zwanzigern, sondern ihr ganzes Leben lang mit diesen Fragen beschäftigen. In gut zwanzig Staffeln, von denen viele Episoden auf Englisch, dafür in ganzer Länge auf Youtube stehen, trifft sich Kuhn mit den größten Intellektuellen unserer Zeit. Mit wohlbekannten Stars der populären Wissenschaftsvermittlung wie Neil deGrasse Tyson oder Michio Kaku. Mit der Öffentlichkeit nicht ganz so bekannten Koryphäen ihres Fachs, zum Beispiel den Theologen John Hick und Richard Swinburne. John Searle und Alvin Plantinga sind mal da und alle anderen irgendwie auch. Dazwischen Kuhn, der von WG-Küchen wohl nicht so viel hält, und lieber in Labore fährt, in die schönsten Universitäten der Welt, in sommerliche Gärten, in die Schweizer Berge oder ans blassblaue Meer. Geleitet wird Kuhn dabei jeweils von einer einzigen Frage, die er aus möglichst vielen Perspektiven und Expertisen beantworten möchte. Seine eigene Voreingenommenheit legt er dabei offen ("ich möchte, dass es freien Willen gibt") und nutzt die Sendung als Raum für Gegenpositionen, getrieben von dem Ziel, der Wahrheit asymptotisch näherzukommen. Wobei natürlich auch die Vorstellung einer Wahrheit, der man sich annähern kann, regelmäßig hinterfragt wird. "Closer to Truth" ist eine Schatzgrube für regnerische Wintermonate und schlaflose Corona-Nächte. Erhellend, erbaulich, immer wieder überraschend, vollkommen entspannend und die Küche bleibt dabei auch noch sauber. Nele Pollatschek

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:Die Karikaturen schlagen zurück

Erdoğans Leben als Comic, James Bennings Frühwerk, Musik von Christin Nichols, ein neues Pronomen in Frankreich und das Musikfestival "Ultraschall".

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