Favoriten der Woche:Ästhetische Schauer

Lesezeit: 4 min

Favoriten der Woche: Meister des "Frisson": Ludwig van Beethoven.

Meister des "Frisson": Ludwig van Beethoven.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Ein "Micky Maus"-Sonderheft für Kinder aus der Ukraine, Charkiw in Berlin und die Antwort auf die Frage: Was verschafft uns Gänsehaut?

Von SZ-Autorinnen und -Autoren

Gänsehaut

Die Naturwissenschaften erforschen gerne die Hintergründe für jede noch so kleine Gefühlsregung. Eine Studie, die fünf Kognitions- und Genforscherinnen und -forscher europäischer und britischer Universitäten gerade veröffentlichten, untersuchte beispielsweise die Ursachen sogenannter "ästhetischer Schauer". Da ging es vor allem um die Frage, ob Gänsehaut beim Musikhören eher eine kulturelle Prägung oder eine genetische Veranlagung ist.

Amerikanische Forscher bezeichnen das Phänomen etwa mit dem französischen Wort "Frisson", weil dazu neben der Piloerektion der Haut auch Kribbelgefühle, Erweiterung der Pupillen sowie Tränenfluss gehören können. Es gibt eine ganze Menge weiterer Studien, die sich damit beschäftigen. Die einfachste Erklärung liefert die "Kontrastive Valenztheorie" des kanadischen Musik- und Hirnforschers David Huron, die besagt, dass Brüche mit Erwartungshaltungen für Gänsehaut sorgen. Dazu gehören vor allem Dynamikwechsel, egal ob sie plötzlich kommen oder als Crescendi.

Die Kognitionsforscher Rémi de Fleurian und Marcus Pearce von der Queen Mary University of London haben wiederum herausgefunden, dass traurige Musik am besten wirkt. Sie haben auch eine 66-stündige Playlist mit 715 Musikstücken auf Spotify veröffentlicht, die Gänsehaut auslösen sollen. Die meisten funktionieren ganz gut. Prince' "Purple Rain" zum Beispiel, das Allegro Moderato in Beethovens 4. Klavierkonzert, Bruce Springsteens "Born to Run" oder das Adagio aus Rachmaninoffs Zweiter. Dass Vivaldi, Metallica und Grönemeyer im Selbstversuch nichts bewirken, belegt die Beobachtung, dass "Frisson" eine subjektive Erfahrung ist.

Und welche Antwort hat nun die Genetik gefunden? "Ästhetische Schauer sind somatische Marker für emotionale hedonische Spitzenreaktionen. Belege deuten darauf hin, dass sowohl Persönlichkeit als auch neurobiologische Faktoren einen Teil der beobachteten Schwankungen im Frostgefühl erklären können." Ah. Stimmt also mal wieder beides. Andrian Kreye

Favoriten der Woche: Willkommensgruß auf Ukrainisch: das "Micky Maus"-Sonderheft.

Willkommensgruß auf Ukrainisch: das "Micky Maus"-Sonderheft.

(Foto: Egmont Ehapa)

Donald auf Ukrainisch

Das Micky Maus-Magazin erscheint erstmals auf Ukrainisch. Der Verlag Egmont Ehapa Media hat für geflüchtete Kinder aus der Ukraine eine kostenlose Sonderausgabe mit einer Auflage von 5000 Exemplaren herausgebracht, eine zweite Auflage mit weiteren 3000 Heften ist in Arbeit. Schulen und soziale Einrichtungen können zwischen 20 und maximal 50 Exemplare unter mm-ukraine@egmont.de anfordern (für die Bestellung braucht es einen Nachweis der Institution, Anschrift und Ansprechpartner sowie die Bestellmenge). Das ukrainische Micky Maus-Magazin enthält auf 36 Seiten Comics aus Entenhausen, dazu die bekannte Mischung aus Witzen, Tipps und Tricks. Es soll, wie Egmont Ehapa mitteilt, geflüchteten Kindern "ein Stück Vertrautheit, Freude und Leichtigkeit in ihrem neuen und noch ungewohnten Alltag in Deutschland" bringen. Martina Knoben

Favoriten der Woche: So schön hier, man würde sich auch die dahinterliegende Silhouette der Stadt zwei Stunden anschauen: die "Filmnächte am Elbufer".

So schön hier, man würde sich auch die dahinterliegende Silhouette der Stadt zwei Stunden anschauen: die "Filmnächte am Elbufer".

(Foto: Robert Michael/picture alliance/dpa/dpa-Zentral)

Sommerkino

Natürlich gibt es Abende, die man mehr durchsteht, als sie zu genießen. Wenn von unten die Kälte zieht oder man von Tausenden Plastikstühlen mal wieder exakt den angeknacksten erwischt hat. Oder wenn Regen einsetzt und der Herumsitzer vor einem plötzlich einen Schirm aufspannt von der ungefähren Größe eines Weltraumteleskops. Aber diese Risiken gehören eben genauso zum Sommerkino wie die Abende, an denen man die ganze Welt umarmen möchte. Bei den nun beginnenden Filmnächten in Dresden etwa fragt man sich zwar jedes Jahr wieder, in wessen Taschen das viele Ticketgeld am Ende landet - aber dann sitzt man am Königsufer, über einem der Sternenhimmel, vor einem die riesige Leinwand, die es streng genommen gar nicht bräuchte. So schön hier, man würde sich auch die dahinterliegende Silhouette der Stadt zwei Stunden anschauen. Cornelius Pollmer

Favoriten der Woche: Plötzlich ist alles auf einmal da: Stadt, Ruinen, Wiederaufbau. Und der Krieg ist ganz nah. "Requiem für Charkiw" in Berlin.

Plötzlich ist alles auf einmal da: Stadt, Ruinen, Wiederaufbau. Und der Krieg ist ganz nah. "Requiem für Charkiw" in Berlin.

(Foto: Dieter Nägelke/TU Berlin)

Charkiw-Requiem in Berlin

Es mangelt ja gerade nicht an Soli-Aktionen mit der Ukraine, nur erfährt man bei denen selten Neues über sich selbst. Bei der Installation "Requiem für Charkiw" am Berliner Ernst-Reuter-Platz ist das anders. In den Sockelfenstern eines restaurierten Gebäudes der Technischen Universität sind bis zum 21. August die Bilder des ukrainischen Fotografen Stanislav Ostrous aus seiner zerstörten Heimatstadt zu sehen: Ruinen hinter einer Toreinfahrt, die Trümmer eines Palais. Ostrous lehrte bis zum Krieg an der Staatlichen Kunstakademie, sein Thema war die konzeptuelle Fotografie. Weil aber die Fenster klein sind und die Fotos über mehrere Scheiben gehen, abgetrennt durch dunkle Rahmen, ahnt man die Motive, je nach Licht, mehr, als dass man sie erkennt. Und so tritt Berlin in die Installation ein. Die Spiegelungen des Reuter-Platzes verschmelzen mit Ostrous' Bildern des zerstörten Charkiw. Und plötzlich kommt einem der Reuter-Platz der Vorkriegszeit in den Sinn mit seinen Achsen und Visionen. Plötzlich ist alles auf einmal da: Stadt, Ruinen, Wiederaufbau. Und der Krieg ist ganz nah. Sonja Zekri

Favoriten der Woche: Rauchende schwarze Ascheberge aus deutschen Plastikverpackungen: Türkischer Aktivist, der gegen illegale Mülldeponien kämpft, in "Die Recyclinglüge".

Rauchende schwarze Ascheberge aus deutschen Plastikverpackungen: Türkischer Aktivist, der gegen illegale Mülldeponien kämpft, in "Die Recyclinglüge".

(Foto: WDR/Philipp Meise/a&o buero/WDR/Philipp Meise/a&o buero)

Die Recyclinglüge

Dass etwas mit unserer Idee des Recyclings von Plastik nicht stimmen kann, das ahnte man spätestens, als vor ein paar Jahren Bilder um die Welt gingen, die bewiesen, dass deutscher Plastikmüll nicht, wie von Politik und Konzernen versprochen, ordentlich aufbereitet, sondern offenbar massenhaft in Asien ins Meer gekippt wird. Am System änderte das natürlich nichts. Plastikmüll wird in Privathaushalten weiter fleißig getrennt. Auf dass er nicht einfach die Natur verschmutzt, sondern ressourcen- und umweltschonend wieder eingespeist wird in den ewigen Kreislauf der Wiederverwertung, in dem mit modernster Zaubertechnik aus alten Verpackungen neue werden.

Leider ist das alles Unfug. Das zeigt erschütternd eindrücklich und angsteinflößend nüchtern die ARD-Dokumentation "Die Recyclinglüge" von Tom Costello und Benedict Wermter. Die Fakten, die nicht geheim sind und doch vermutlich ziemlich unbekannt sein dürften: Sechs Millionen Tonnen Plastikmüll werden allein in Deutschland jedes Jahr produziert. Weniger als fünf Prozent davon werden wirklich wiederverwertet. Was offiziell gern als 45 Prozent "stoffliche Wiederverwertung" gemeldet werde, so Costello und Wermter, heißt zum Beispiel vor allem, dass das alte Plastik zu kleinen Schnipseln gehäckselt und in Zementfabriken verheizt wird. Wobei die Fabriken dafür noch bezahlt werden, dass sie das tun. Zudem gilt nach deutschem Recht auch exportierter Müll als recycelt. Was anderswo damit geschieht, spielt keine Rolle.

Zunehmend deprimiert und wütend folgt man dem Film zu seinen Protagonisten und um die Welt. Also zum Beispiel in der Türkei auf illegalen Müllkippen noch rauchende schwarze Ascheberge gezeigt zu bekommen, aus denen halbverbrannte Plastikverpackungen gezogen werden, die offensichtlich aus Deutschland stammen. Oder zu sehen, dass selbst gefeierte Recycling-Unternehmen wie Terracycle, die - auch das ist alles im Bild - in England von ehrenamtlichen Überzeugungstäterinnen feinsäuberlich Plastikmüll trennen lassen, um daraus angeblich wieder hochwertige neue Dinge herzustellen, ihren "Rohstoff" in Südosteuropa verbrennen lassen.

Mit anderen Worten: In einer besseren Welt würde die Dokumentation allen Schülern gezeigt - und Regierung und Bundestag würden sie sich gemeinsam ansehen. So lange bis sie sich endlich dazu durchringen, etwas zu tun, das wenigstens mehr als eine einzige riesengroße Lüge ist. Jens-Christian Rabe

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