Favoriten der Woche:Enthusiastisch wiederentdeckt

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Favoriten der Woche: Explosionsgefahr: Charly Hübner als Michael Coolhaze am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

Explosionsgefahr: Charly Hübner als Michael Coolhaze am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

(Foto: Markus Scholz/dpa)

Ein altes, aber aktuelles Wutbürgerstück, ein oft missinterpretierter Maler, nordischer Grusel, Retro-Virtuosen und wunderschöne Americana: Fünf Empfehlungen aus der SZ-Redaktion.

Von SZ-Autoren

Brandaktuell: Michael Kohlhaas

Ist das der Winter des "Michael Kohlhaas"? Man kann die Theater kaum zählen, wo jetzt überall die Rachefeldzugsgeschichte von Kleist auf die Bühne gebracht wird. Den "Kohlhaas" gibt es am Deutschen Theater und an der Schaubühne Berlin, in Potsdam und in Brandenburg an der Havel. Am Schauspielhaus Hamburg heißt er "Coolhaze" und ist besonders hartnäckig ausverkauft. Ist die Ballung eine Reaktion auf die Radikalisierung protestierender Wutbürger gegen die Corona-Politik? Wer volle Theater scheut oder keine Karte kriegt: Was immer geht, ist ein, jawohl: Spaziergang - und zwar von Kleists Selbstmordstelle am Kleinen Wannsee nach Kohlhasenbrück an der Stadtgrenze von Berlin, wo das historische Vorbild für den so mörderisch von den Obrigkeiten Empörten vor 500 Jahren gelebt und gewütet hat. Das ist landschaftlich reizvoll und beruhigt die Nerven. Peter Richter

Bildgedichte: Caspar David Friedrich

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(Foto: Beck Verlag)

Wie der Dichter Friedrich Hölderlin ist auch der Maler Caspar David Friedrich im 20. Jahrhundert enthusiastisch wiederentdeckt und von zwei extrem gegensätzlichen Positionen aus vereinnahmt worden. Die einen von Friedrichs Verehrern glaubten, alle Motive in seinen Gemälden und Zeichnungen religiös ausdeuten zu müssen. Die von der Gegenseite waren sich auf fast schon verdächtige Weise sicher, dass all das, was uns Friedrich in seinen Bildern mitteilen wollte, politisch zu interpretieren sei. Beide Deutungsversuche verengen den Blick auf das Werk so entschieden in eine bestimmte Richtung, dass den wunderbar vieldeutigen Bildgedichten ihr Geheimnis gestohlen wird.

Werner Busch, einer der besten Kenner der deutschen Kunst des 19. Jahrhunderts, lenkt in seiner Taschenbuch-Monografie den Blick über die ideologisch einseitigen Positionen hinaus auf etwas, was sich vergleichsweise schlüssig nachvollziehen lässt, auf Friedrichs Arbeitsweise, auf den bildfinderischen Prozess, auf das Nacheinander von Zeichnung und Malerei. Als Zeichner fühlte sich Friedrich der Natur aufs Innigste verpflichtet. Auf seinen im Freien direkt vor den Motiven gezeichneten Bleistiftskizzen hat er die naturgegebenen Details - etwa die Schichten einer hügeligen Landschaft oder die Äste eines bizarr gezackten alten Baums - mit fast gläubiger Inbrunst möglichst getreu nachziseliert. Als Maler im Atelier aber hat er den auf Papier festgehaltenen stets menschenleeren Landschaftsausschnitten eine neue Funktion gegeben. Indem er an den Orten, an denen er selber Außergewöhnliches erlebt hat, einzelne Personen aussetzte, die sich dem atmosphärischen Ereignis vor ihren Augen hingeben, lädt er die konstruierten Naturräume mit Emotionen auf, die über diese betrachtenden Figuren auf die Betrachter der Bilder überspringen. Einen zusätzlichen Schub in Richtung Publikum gibt Friedrich seinen Bildern durch die konsequente Rhythmisierung der Bilder nach dem Goldenen Schnitt und über die vertikale und horizontale Mittelachse. Im letzten Kapitel seines anregenden Buches zeigt Werner Busch den staunenden Lesern, wie viel so berühmte Bilder wie "Kreidefelsen auf Rügen" oder "Abtei im Eichwald" den unsichtbar eingezogenen Koordinaten verdanken. Gottfried Knapp

Nordischer Thriller: "Der Kastanienmann"

Favoriten der Woche: Nordic Noir: "Der Kastanienmann"

Nordic Noir: "Der Kastanienmann"

(Foto: Netflix)

Es soll Leute geben, die bis heute nicht die dänisch-schwedische Krimiserie "Die Brücke" gesehen haben, das Fernsehmeisterwerk um die Ermittlerin Saga Norén, das in vier Staffeln zwischen 2011 und 2018 entstand. Wer es leider schon kennt und seither nach Ersatz in Sachen Serienmord in Skandinavien sucht, nach Nordic Noir, dem sei dieses kleine Trostpflaster empfohlen. "Der Kastanienmann" auf Netflix spielt in Dänemark und folgt den Ermittlungen der Kommissarin Naia Thulin zu einer Reihe von grausam inszenierten Frauenmorden in Kopenhagen. Die Charaktertiefe der Ermittler in "Die Brücke" haben die Protagonisten eher nicht, aber nordische Spannung kommt durch das erzählerische Wühlen in der Vergangenheit der Figuren, zuweilen auch der Brutalität, in den sechs Folgen von "Kastanienmann" allerdings auf. Aurelie von Blazekovic

Klassik: Magische Holztrompete

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(Foto: DDD)

Vor zwei Jahren machten sie mit ihrer spektakulären Neuaufnahme von Claudio Monteverdis "Marienvesper" Furore. Das französische Gesangsensemble "La Tempête" - der Sturm - ist nach der belgischen Gruppe "Graindelavoix" die ambitionierteste und überzeugendste, was die musikalische Wiederentdeckung großer alter europäischer Traditionen betrifft. Im heutigen Konzertleben spiegelt sich ja kaum noch wider, welche Hochkultur hier schon vor Johann Sebastian Bach herrschte. Auf ihrem jüngsten Album "Hypnos" widmen sich La Tempête wie gewohnt der Renaissancemusik, gleichzeitig aber auch der Moderne. Das probieren einige Ensembles derzeit, oft klingt es interessanter, als es sich dann anhört. Dass es La Tempête so überzeugend gelingt, liegt vor allem daran, dass sie sich um das Album-Konzept wenig scheren und sich stattdessen jedem einzelnen Stück, sei es von Pierre de Manchicourt, Heinrich Isaac, Ludwig Senfl oder Giacinto Scelsi, als eigenständigem Kunstwerk mit gleicher Aufmerksamkeit widmen. Der Zusammenhang entsteht also oft mehr durch die Intensität des Musizierens als durch musikwissenschaftlich ergründbare Parallelen zwischen Altem und Neuen. Man versteht also auch das übergreifende Konzept - griechische Mythologie, christlicher Geist, Musik als Therapie, die Verbindung von alt und neu - als sinnliches Kunstereignis. Simon-Pierre Bestion, Leiter von La Tempête, spricht von einer "Reise der Sinne und der Emotionen". Das ist natürlich stark untertrieben. Denn eigentlich geht es bei dieser Musik um die Sinnlichkeit der reinen Form, der puren Konstruktion, der allumfassenden Gedankenkunst, die sich in dieser Reise quasiemotional offenbart. Man muss aufpassen, dass das alles nicht zu esoterisch klingt, sondern handfeste Kunst bleibt. Ausdrucksstark, geradlinig, und hemmungslos subjektiv-objektiv. Beides fällt zum Beispiel im Requiem von Manchicourt, Ausbilder der Kapellknaben von Tours und Hofkapellmeister Philipps II., wunderbar zusammen. Und wer sich immer schon gefragt hat, warum man damals Holztrompeten verwendete, wird das nach dem Anhören dieser Aufnahme nicht mehr fragen. Sie unterstützen die menschliche Stimme so kongenial wie kein anderes Instrument. Helmut Mauró

Pop: Punch Brothers

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Ist ein relativ spezieller Vorgang, schon klar. Aber ganz possierlich darin. Die Punch Brothers, selbst eine Art kammermusikalische All-Star-Formation des Progressive Bluegrass - der hochbrillante Mandolinist Chris Thile gehört der Band etwa an, und auch der Bassist Paul Kowert -, haben ein neues Album. "Hell On Church Street" (Nonesuch Records) heißt es. Eine Art Neubearbeitung von Tony Rice' Album "Church Street Blues" von 1983. Sehr verschrobenes Moll-quengeliges Arrangement von "Streets of London" zum Beispiel. Läuft auch ansonsten ständig Gefahr, als akademisch wahrgenommen zu werden, oder, fast noch schlimmer, zum Hintergrund-Teppich zu versuppen. Bei genauerem Hinhören dann aber ein wunderschönes Stück Americana. Hochvirtuos gespielt. Aber so souverän, dass es wie zufällig klingt. Jakob Biazza

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