Favoriten der Woche:Anders leben

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Favoriten der Woche: Die prekäre Rosenkranzwerkstatt in "Agnes Bernauer" im Münchner Cuvilliéstheater.

Die prekäre Rosenkranzwerkstatt in "Agnes Bernauer" im Münchner Cuvilliéstheater.

(Foto: Sandra Then/Residenztheater)

Die etwas andere "Addams Family", alternative Lebensentwürfe am Münchner Cuvilliéstheater und ein philosophischer Comic über Frantz Fanon. Fünf Empfehlungen.

Von SZ-Autoren

Theater: "Agnes Bernauer" von Franz Xaver Kroetz in München

"Reicher Mann und armer Mann standen da und sah'n sich an. Und der Arme sagte bleich: Wär' ich nicht arm, wärst Du nicht reich." Bertolt Brechts gereimte kleine Basistheorie des Kapitalismus könnte als Motto stehen über dem Stück "Agnes Bernauer" von Franz Xaver Kroetz, uraufgeführt 1977 in der DDR - Kroetz war damals DKP-Mitglied - und schon lange nicht mehr auf einem Spielplan gesichtet. Im Münchner Cuvilliéstheater kommt es nun, kunstvoll komisch aufpoliert von Nora Schlocker, wie ein vorweihnachtliches Geschenk daher: eine märchenhafte Parabel auf ungerechte soziale Verhältnisse - mit der frohen Botschaft, dass da eine nachdenkt, aufsteht und ausbricht. Gar nicht mal, um politisch aktiv zu werden, es ist kein Lehrstück à la Brecht. Sondern einfach nur, um anders zu leben. Agnes Bernauer, gespielt von der leuchtenden Antonia Münchow, emanzipiert sich aus Empathie. Und der Erste folgt ihr auch schon: Es ist ihr eigener Mann (Max Rothbart). Bis dahin eine Lusche, sagt er am Ende: "Da bin ich."

Kroetz' Protagonistin ist die Tochter eines bankrotten Friseurs (Max Mayer), die in die reiche Familie Werdenfels einheiratet, mit Schloss in Straubing. Vater Werdenfels (stark in seiner Restgewissensnot: Christoph Franken) hat sich hochgearbeitet von ganz unten, er macht sein Geld mit Rosenkränzen, die von Billiglohnarbeitern in Heimarbeit hergestellt werden. Als Agnes deren Elend mitbekommt, will sie Gutes tun, ihnen helfen, stößt aber auf harsche Ablehnung, wird von der Dorfjugend sogar ausgeraubt und missbraucht. Um am Ende aber nicht zu hassen, sondern mit ihrem Weggang in ein eigenständiges Leben den bequemen Kapitalistenweg zu verlassen.

Man muss das als Gleichnis lesen. Schlocker bedient denn auch nicht den Kroetz'schen Realismus, obwohl sie in dessen katholisch-bayerischem 70er-Jahre-Milieu bleibt. Sie inszeniert, glasklar und konzentriert, eine Art Kirchenkabinettstück, eine Hyper-Parabel mit Hyper-Figuren, was dank der kurios formidablen Ausstattung und der vorzüglichen Schauspieler erstaunlich gut auf- und zu Kopf geht. Die Bühne (Marie Roth) ist eine sich drehende Beichtstuhlanlage aus dunklem Holz: Fenster, Logen, lila Vorhänge, oben auf dem Sims umlaufend das "Ave Maria" aufgemalt. Die Kostüme (Jana Findeklee, Joki Tewes): ein Übertreibungswahnsinn im 70er-Gedächtnis-Look. Allein die gehäkelten Patchwork-Westen der Lohnarbeiter sind das Eintrittsgeld wert. Oder die Rosenkranzperlen: apfelgroße Kugeln aus Stoff. Sehr groß- und feinartig auch die blasmusikalisch verfremdete Düstermusik des Live-Quartetts um Leo Gmelch (Tuba) und Jan Kiesewetter (Tenorsaxofon). Ein Politmärchen. Sehenswert. Christine Dössel

Comic: Frédéric Ciriez und Romain Lamy: "Frantz Fanon"

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Im August 1961 fand in Rom ein wichtiges Treffen statt: Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre und Claude Lanzmann trafen Frantz Fanon, den bedeutenden Psychiater und Schriftsteller, dessen Buch "Die Verdammten der Erde" zum Klassiker wurde. Drei Tage lang diskutieren sie über Philosophie, den Kolonialismus und die Befreiungsbewegungen. Fanon erzählt auch sein Leben als Junge aus Fort-de-France auf den Antillen, als Soldat, Arzt und Politiker. Bis heute brisante, tabuisierte Themen wurden adressiert, leider erinnert sich kaum noch jemand an diese geistesgeschichtliche Episode. Darum haben Frédéric Ciriez und Romain Lamy den Tagen von Rom eine Graphic Novel (Hamburger Edition, 230 Seiten 25 Euro) gewidmet, die nun in der Übersetzung von Michael Adrian auch auf Deutsch vorliegt. Es ist eine tolle Möglichkeit, sich mit hochaktuellen politischen und philosophischen Fragen vertraut zu machen und zugleich auf eine farbenfrohe, mentale Reise in Zeit und Raum zu gehen. Nils Minkmar

Favoriten der Woche: Skulpturenmuseum Marl

Skulpturenmuseum Marl

(Foto: Ralf Deinl)

Kunst: "(Blackout)" von Mischa Kuball in Marl

Blendend weißes, pulsierendes Licht strahlt aus dem Erdgeschoss und verwandelt das hohe Betongebäude im trüben Grau der Novembertage in eine Laterne. Der Glaskasten, das Museum in der Industriestadt Marl, nie war er sichtbarer als während der Intervention "(Blackout)" des Künstlers Mischa Kuball, der letzten, bevor es ausziehen muss. Fast 40 Jahre lang symbolisierte das Museum Glaskasten den Willen der Nachkriegsgesellschaft, mit "Kultur für alle" auch ungewöhnliche Orte zu bespielen. In Marl hatte man den Freiraum erkannt, den das in brutalistischem Stil gebaute Rathaus eröffnete, die Fläche unter dem Sitzungssaal mit Glasfenstern eingezäunt - und den Raum zum Museum deklariert. Auch wenn der Glaskasten in drei Jahren an anderer Stelle neu eröffnet, so erlischt, wenn am 9. Januar das Licht von Mischa Kuball ausgeknipst wird, eine der hellsten Initiativen der so kunstfreundlichen, demokratischen 80er-Jahre. Catrin Lorch

Film: "Die Addams Family 2"

Tha Addams Family 2

Die etwas andere Familie: Mutter Morticia und Vater Gomez in der Mitte, flankiert von Tochter Wednesday und Sohn Pugsley. Zusammen ergeben sie die Addams Family.

(Foto: Metro Goldwyn Mayer Pictures)

Ferien mit dem Camper, das war diesen Sommer und Herbst angesagt. Auch die Addams Family, die ansonsten immer auf etwas andere Art lebt und agiert, geht in der zweiten Addams-Zeichenfilmeskapade von Greg Tiernan und Conrad Vernon auf Grand Tour. Nach der TV-Serie in den 60ern und dem Kinofilm von Barry Sonnenfeld, 1991, mit Anjelica Huston und Raúl Juliá, ist die Animation die dritte Erscheinungsform der boshaft-makabren Sippe um Mutter Morticia und Vater Gomez und mit jeder ist sie uns ein großes Stück nähergekommen - die Entwicklung der amerikanischen Familien-TV-Comedys ist hier gespiegelt. In den 60ern waren sie eher steif und förmlich, ganz neuenglisches Bürgertum, mit angenehm ordinären, geilen Touch. In der Animation sind sie nun sehr viel gewöhnlicher, schrecklich normaler Mittelstand. Und sie machen, wie jede ordentliche amerikanische Familie, einen Trip durch Amerika, von den Niagarafällen bis zum Grand Canyon und zum Death Valley. Als Familientherapie gewissermaßen. Und die Familie wirkt heute auf ganz natürliche Weise unverschämt divers.

Diesmal geht es den Addams an die (genetische) Substanz. Die Tochter Wednesday, melancholisch und sehr genialisch, hat bei einem Jugend-forscht-Wettbewerb mit einem Experiment geglänzt, in dem sie die Erbanlagen diverser Lebensformen mixte - und damit das Interesse eines mad scientist (aus Sausalito!) erregte. (Als Spätfolge davon wird der Onkel Fester immer polypiger, entwickelt im Verlauf der Fahrt und des Films immer neue Tentakel an seinem Körper.) Plötzlich steht eine ungeheuerliche Behauptung im Raum: Ist die enervierend coole Wednesday wirklich eine Addams? Wurde sie bei der Geburt womöglich vertauscht? Ist sie zu Höherem geboren, zu großer Wissenschaft und - mit dieser meistens im Doppelpack - totaler Weltherrschaft?

"Ich bin kein Freak", sagt Wednesday zwei Kids, die sie am Strand von Miami dumm anquatschen: "I am a force of nature." Sie und der lange Lulatsch Lurch - ominöser Hausdiener der Familie - bilden ein herrliches Paar. In einer Bar erledigen sie spontan eine Konfrontation mit einem Trupp Motorradrocker. Zeig ihnen, was du mit deinen kalten, leblosen Fingern tun kannst, fordert sie ihn auf, und er hämmert los: "I will survive ..." Als es beim großen Showdown am Schluss zu einer ähnlichen Situation kommt, vergewissert sie sich vorsichtshalber, dass kein Klavier im Raum ist ... Fritz Göttler

Pop: Moonchild Sanelly

Favoriten der Woche: Moonchild Sanelly 2018 bei einem Konzert in Prag.

Moonchild Sanelly 2018 bei einem Konzert in Prag.

(Foto: Michal Kamaryt/AP)

Anders als gerne behauptet wird, bewegt sich die Popmusik noch. Man muss es nur hören wollen. Südafrika etwa bescherte der Welt vor ein paar Jahren das immer noch zu unbekannte, grandiose neue Genre Gqom, eine Mischung aus Hip-Hop, Kwaito House und Break Beats. Gqom-Tracks klingen wie ein Art synkopiertes Stolpern, gleichzeitig beschleunigt und abgebremst. Aber sehr tanzbar und sehr entspannt. Der Name ist zugegeben ein kleines Problem, denn der größte Teil der Menschheit dürften sich auch nach dieser Anleitung sehr schwer tun, ihn korrekt auszusprechen: nach dem G, das wie das deutsche G ausgesprochen wird, folgt eine Art Zungenschnalzen, danach der letzte Laut: gom. Aber wen kümmern die Feinheiten, wenn es inzwischen Gqom-Stars wie die südafrikanische Sängerin Moonchild Sanelly gibt! Man höre nur ihren Hit "Yebo Teacher" und ihre neue Single "Demon", die verrückterweise auch Teil des Soundtracks des extrem populären Videospiels "Fifa 22" wurde. Jens-Christian Rabe

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