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Fünf Favoriten der Woche:Kleine Knüller

The Painter and the Thief, Arte

Schau mich an: Die Künstlerin Barbora Kysilkova zeichnet den Mann, der ihr Bild gestohlen hat.

(Foto: Benjamin Ree/Kristoffer Kumar/RBB)

Fünf Wochengewinner: Ein norwegischer Dokumentarfilm über Vertrauen, Pop-up-Theater aus New York und eine App, die Menschen zum Rappen bringt.

Von SZ-Autorinnen und Autoren

The Painter and the Thief

Er hat ihre Bilder geklaut, sie will sie wiederhaben. Sie ist die Künstlerin, er der Dieb. Die Sache ist also eigentlich klar. Auf krisseligen Aufnahmen der Überwachungskamera einer Galerie hat sie die beiden Männer gesehen, die mit den zusammengerollten Leinwänden einfach hinausspaziert sind am helllichten Tag. So beginnt der norwegische Dokumentarfilm "The Painter and the Thief", (bis 27. April 2021 in der Arte-Mediathek) mit dem offensichtlichen Opfer, der tschechischen Malerin Barbora Kysilkova, die versucht, den Verlust ihrer Gemälde zu begreifen. "Schwanengesang" ist eines davon, ein riesiges Werk, für sie eines ihrer wichtigsten. Das Filmteam begleitet sie da bereits, um ihre Suche zu dokumentieren. Hier das Opfer, da die Täter.

Doch dann schlägt die Geschichte den ersten Haken. Barbora Kysilkova und der Dieb, Karl-Bertil Nordland, lernen sich im Gerichtssaal kennen. Sie bittet darum, ihn porträtieren zu dürfen. Als Gegenleistung sozusagen. Er willigt ein. Nordland ist ein Junkie mit tieftraurigen Augen, der sich nicht an den Diebstahl erinnern kann. Misstrauisch findet er sich wieder im Zentrum des Interesses und im Atelier dieser übersprudelnden Frau. Sie werden so etwas wie Freunde, was erstaunlich ist, weil sie eine Umarmerin ist und er stets vor Umarmungen zurückweicht. Sie habe in ihm nicht den Dieb sehen können, sagt Kysilkova, er habe ihr leidgetan.

Vorsichtig dringt die Doku (Regie: Benjamin Ree) weiter in die Leben der beiden vor, wechselt die Perspektive. "She sees me very well, but she forgets that I can see her, too", sagt Nordland über Kysilkova. Sie wisse gar nicht, was ihn außer seiner Sucht noch ausmache. Sie, einst aus einer Gewaltbeziehung geflüchtet, sitzt an seinem Krankenbett - er hatte einen Autounfall - und bewundert seine Wunden an der Hand. Wie Stigmata, sagt sie, der Blick beinahe gierig. Plötzlich ist nicht mehr so klar, wer hier von wem nimmt. Und ob sie ihn nur aus Selbstlosigkeit in ihr Leben gelassen hat. "The Painter and the Thief", ist ein Meisterstück über Vergebung und Vertrauen. Darüber, was einen Menschen ausmacht, und die tiefe Sehnsucht, gesehen, erkannt zu werden. Christiane Lutz

"Nothing Breaks Like A.I. Heart"

Auswahlmöglichkeiten aus dem Text "Nothing breaks like A.I. Heart" aus dem Pudding Magazin

An solchen Stellen in der Geschichte gibt der Leser der KI neue Impulse.

(Foto: Maria Scherlies/The Pudding)

Bei "Generative Pre-Trained Transformer" sollte man einmal nicht an Stangenware aus dem Superhelden-Kino denken. Sondern an Sprache. Übermenschlich heldenhaft ist an "GPT" auch erst einmal gar nichts, im Gegenteil. Diese künstliche Intelligenz, denn darum handelt es sich, ist fast schon zu menschlich. Ausgetüftelt von der Non-Profit Organisation OpenAi hat sich in dem nicht einmal einen Jahr seit ihrer Veröffentlichung ein Hype um diese Textversteh- und Erzeugungsmaschine "GPT-3" entwickelt, die dritte Version dieses "Generative Pre-Trained Transformers". Die Aufregung ist verständlich.

Man muss nun nicht tief in die Methoden des "Deep Learning" einsteigen, die GPT-3 hervorgebracht haben. Man erfährt, die seien gar nicht so kompliziert. Und sieht dann Grafiken, die wie Strickmuster für Norwegerpullis aussehen. Anschließend geht man mit der Gewissheit nach Hause: Das ist kompliziert. Was man aber versteht, ist die Quantität an Daten, die solche Lernsysteme zum Training benötigen. Für GPT-3 wurden also benötigt: 45 Terrabyte an reinen Textdaten, das sind fast alle Bücher der Menschheit, genauer: 77 Milliarden, eine Menge, die den Enzyklopädisten Denis Diderot zum Weinen gebracht hätte. Doch machen die Bücher nur 16 Prozent der Trainingstexte aus. Drei Prozent stammen aus den Artikeln der Wikipedien. Das Übermaß an Content, 81 Prozent, stammt aus den Fängen von Common Crawl, einer Organisation, die das Geschnatter im Netz archiviert. 285 000 CPUs bearbeiteten das Konvolut, zusätzlich 10 000 GPUs, Grafik-Rechner. Das ist alles, nun ja, sehr viel.

Aber nur schnöde Theorie. Man kann GPT-3 auch erleben. Mehrere Zeitungen und Online-Publikationen haben die KI schon Artikel schreiben lassen - darunter der Guardian. Das New Yorker Online-Magazin The Pudding hat die Künstliche Intelligenz eine Liebesgeschichte ersinnen lassen: "Nothing Breaks Like A.I. Heart", genauer: GPT-3 verändert sie, wenn der Leser an ein paar Stellrädern dreht, um dem Algorithmus neuen Schwung und eine andere Richtung zu geben. Nebenbei werden auch noch Geschichte und Trainingsmethoden von GPT-3 erklärt. Das alles ist nicht nur wunderschön aufgemacht. Es ist sehr erstaunlich. Bernd Graff

Pop-up-Architektur

Wozu alte Schiffscontainer gut sind: zum virensicheren Pop-up-Theaterspielen im öffentlichen Raum.

(Foto: Marvel architecture)

Es gibt aktuelle Worte, auf die man gut verzichten kann. Auf den "Impfling" etwa. Oder auf die deutsche Impfstrategie, die zur Hälfte aus der Qual des Geimpftwerdens, zur anderen Hälfte aus der Qual des Nicht-Geimpftwerdens besteht. Neben diesen Worten der Idiotie gibt es solche der Utopie. Der Seuche ist auch der Pop-up-Radweg oder die Pop-up-Schankfläche zu verdanken. Was ursprünglich das Öffnen eines Browserfensters bedeutet hat und reines IT-Gebrabbel war, ist heute dem Städtebau zuzurechnen. Das Büro Marvel hat in diesem Sinn für das New Yorker Projekt OpenCulture, das an 100 Tagen bis zu 300 kostenlose Performances im öffentlichen Raum vorsieht, Covid-sichere und temporär konzipierte Pop-up-Straßentheater aus Schiffscontainern entworfen. So was darf gern, pop up!, plötzlich auftauchen. Und auch bleiben. Gerhard Matzig

Luis Buñuel

El río y la muerte, 1954

"Der Fluss und der Tod", ein kleiner unbekannter Film von Luis Buñuel.

(Foto: Pidax Film)

Ein Film einfach wie eine Gleichung. Ein Dorf, zwei verfeindete Clans, durch das Gesetz der Blutrache unerbittlich verbunden, das Töten geht hin und her. Wenn der Mörder es über den Fluss schafft, bleibt er unbehelligt, er lebt dann in der Wildnis, im Gefängnis der Einsamkeit. Eines Tages geht die Gleichung nicht auf, einer der Söhne will das Gesetz nicht mehr erfüllen. "Der Fluss und der Tod", ein kleiner unbekannter Film von Luis Buñuel, mit viel Gespür für mexikanischen Machismo (auf DVD bei Pidax). Von der DEFA synchronisiert, die betulich die Musik folklorisiert hat - im Original merkt man, wie fiebrig die Musik das Melodram vorwärtstreibt. Buñuel zeigt die Männer wie kleine Jungen, insgeheim froh, dass sie, wie Robinson Crusoe, weg sind aus der Gesellschaft, der Familie und ihren Verpflichtungen. Fritz Göttler

Voloco

Screenshot (c) Voloco

Auf einmal möglich: rappen wie ein Star.

(Foto: Voloco)

Rappen ist - das wissen alle, die schon mal Fontanes "John Maynard" ein bisschen flotter aufgesagt haben - gar nicht schwer, und trotzdem klingt es heute unfassbar spießig, wenn man einfach lostextet. Warum? Weil aktuelle Helden wie Travis Scott oder Lil Nas X mit Effekten arbeiten, die selbst den staubigsten Reim in quecksilbrigen Singsang verwandeln. Wer also im Freundeskreis oder vor den eigenen Kindern ein bisschen angeben will, soll sich die App Voloco installieren (iOS und Android, gratis): Jede Sprachaufnahme lässt sich damit simpel bearbeiten, mit Beats und zeitgemäßen Tricks - bis die Einkaufsliste plötzlich zum krassen Trap-Track mutiert und selbst aus dem Vortrag neuer Corona-Regeln kleine Knüller werden, die auch Kanye West Angst einjagen werden. Exzess, wo ist dein Stachel? Joachim Hentschel

© SZ/hoc
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