Superheldinnen
Was machen eigentlich Gutemine und die anderen Frauen bei "Asterix", während ihre Männer Wildschweine futtern? Bringen sie die Kinder ins Bett? Machen sie hinterher den Abwasch? Nicht nur der Barde wird vom Schlussbankett ausgeschlossen. Man kann beim Lesen von Comic-Klassikern schon mal fremdeln. Weil Frauen keine Rolle spielen, sie nur Stofffetzen tragen, Riesenbrüste oder gigantische Hinterteile haben (man denke nur an die Bilder von Robert Crumb). Comics waren lange Zeit Männersache, von Männern gezeichnete, von (oft jugendlichen) Männern gelesene Männerfantasien. Erst Ende der Neunzigerjahre hat sich das geändert.
Wie sehr Zeichnerinnen die Szene mittlerweile prägen, zeigt eindrucksvoll gebündelt die Ausstellung Vorbilder*innen - Feminismus in Comic und Illustration (comic-salon.de). Die Schau war ursprünglich für den Comic-Salon Erlangen kuratiert worden, konnte pandemiebedingt aber nicht gezeigt werden. Nun eröffnet sie im Institut français in München das Münchner Comicfestival (comicfestival-muenchen.de), im Anschluss ist sie in Berlin, Schwarzenbach und Erlangen zu sehen. 30 Zeichnerinnen sind vertreten, zum Teil mit Originalen. Viele der Comickünstlerinnen sind bekannt wie Alison Bechdel, Aisha Franz, Ulli Lust, Liv Strömquist, Judith Vanistendael oder Barbara Yelin, aber es gibt auch Entdeckungen. Vor allem ist die pure Zahl bedeutender Zeichnerinnen imponierend. Wie stark die Frauen mittlerweile sind, fällt in den Verlagsprogrammen nicht unbedingt auf.
Die behandelten Themen sind vielfältig, die Schau gliedert sie in acht Kapitel von "Aktivistinnen und Anarchas" bis zu "Strong Female Lead". "Ein Comic", heißt es, "besteht den Bechdel-Test ( ein Test, um stereotype Darstellungen weiblicher Figuren zu beurteilen) "wenn er Frauen als selbstbestimmte Charaktere darstellt. Sie werden nicht durch ihre Beziehung zu einem Mann definiert, sondern haben ihre eigene Mission." In den gezeigten Arbeiten erzählen Frauen von ihren Verletzungen, der Suche nach (sexueller) Identität. Sie erfinden Superheldinnen, feiern weibliche Vorbilder wie Tove Jansson oder erzählen von einer Welt, in der Männer (fast) ausgestorben sind. Besonders eindrucksvoll sind großformatige Zeichnungen von Anke Feuchtenberger, die als Professorin für Graphisches Erzählen in Hamburg viele Comickünstlerinnen beeinflußt hat. Barbara Yelin widmet ihr ihren neuen Comic "Heldinnenreise", in der es die Aufforderung an alle Frauen gibt, Banden zu bilden. Sie dürfte auch für die Ausstellung programmatisch sein: Zeit wird es, dass immer mehr Girl's Clubs entstehen. Martina Knoben
Ein Totenkopf von Bernini

Er sieht aus wie ein menschlicher Totenschädel, ist aber viel schöner, nämlich aus weißem Carrara-Marmor: Die Kunstsammlungen Dresden glauben, eine Skulptur aus ihren Beständen jetzt zweifelsfrei dem Barockbildhauer Gianlorenzo Bernini zuschreiben zu können. August der Starke hatte ihn 1728 durch einen Kunstkauf-Agenten in Rom erworben. Bestellt worden war er dort im April 1655 vom eben zum Papst gewählten Alexander VII., der ihn sich auf den Schreibtisch legte, vielleicht als Briefbeschwerer, vor allem aber als Memento Mori. Denn dass der Tod jederzeit und überall lauere, war nicht zuletzt durch Pestausbrüche wie um 1556/57 ein dauerndes Lieblingsthema im Barock. So wird die Präsentation des Depotfunds im Dresdner Zwinger nebenher auch zu einer Sonderausstellung über die Kulturgeschichte von Pandemiemaßnahmen und Maskenzwängen zu anderen Zeiten. Peter Richter
Attwenger: "Drum"

Attwenger-Reime stehen steil über Ziehharmonikasalven: "Klimawandel, Schwiegermutter, Lebenswandel, Vogelfutter, haufenweise Emotionen, tonnenweise Emissionen, Businessclass, Economy, fliagt der Kaas jetzt ohne mi?". "Drum" (Trikont) ist das neunte Album von Markus Binder und Hans-Peter Falkner aus Linz in dreißig Jahren. Über Austropop und Mundart-Sounds sind die Moden inzwischen mehrfach drübergegangen und die Norddeutschen verstehen noch immer kein Wort. Das macht aber Attwenger gar nichts aus, weil sie Zeit und Welt und Grant gegen rechte Identitätspolitik und globalisierte Verblödung in ihre Musik einfach hineinfusionieren. Dann ist plötzlich Mardi Gras in Oberösterreich und zwischendrin geht ein guter Qualtinger-Vibe direkt rein ins 21. Jahrhundert: "I brauch auf jeden Fall a zweite Realität, weil mit aaner alaa si des niamals ausgeht." Marie Schmidt
Johnny Flynn

Eigentlich ist der 38-Jährige gerade dabei, als Schauspieler richtig berühmt zu werden: Demnächst wird er in "Stardust" als junger David Bowie zu sehen sein. Vergangenes Jahr war er Mr Knightley in Autumn de Wildes herrlicher Jane-Austen-Verfilmung "Emma" - Austen-Helden sind ikonische Rollen in der britischen Filmwelt. Als die Regisseurin britische Freunde nach einem geeigneten Darsteller für ihren Knightley fragte, hörte sie überall nur Flynns Namen, das ganze Land sei verliebt in den jungen Mann mit den immer etwas verstrubbelten blonden Haaren und den dezent-raubeinigen Narben im Gesicht (nichts Kriminelles, Flynn wurde als Kind in seiner Heimat Südafrika von einem Hund angefallen). Wer Netflix genügend durchpflügt, hat ihn - in jüngeren Jahren - als verpeilt-romantischen Frauenhelden in der hübschen Sitcom "Lovesick" gesehen.
Angefangen aber hat Flynn als Musiker, er spielt mehrere Instrumente und macht erdigen, melancholischen Folk, zusammen mit der Band "The Sussex Wit". Es gibt schon fünf Studioalben. Flynns Lieder sind melodisch, verspielt, manchmal klingen sie wie moderne Versionen alten englischen Liedguts. Er singt sie mit einer rauen, kräftigen, aber brechenden, im besten Sinne seelenvollen Stimme, als hätte er lange gegen wilde Stürme an Britanniens Küsten ansingen müssen. Zu diesen Wurzeln, das abgegriffene Bild passt hier ausnahmsweise, weil es so botanisch ist, ist er nun während der Pandemie zurückgekehrt. Im März 2020 fing er an sich mit dem Schriftsteller und Cambridge-Professor Robert Macfarlane hin und her zu schreiben, dem großen Star des Nature Writing. Natürlich sind die beiden Freunde. Später nahmen sie die entstandenen Songs in einer Hütte in Hampshire auf. Sehr englisch, das alles.
Flynn und MacFarlane nahmen sich dabei das uralte Gilgamesh-Epos zur Inspiration. Sie machten Lieder über Traurigkeit, alte Bäume und immer wieder Schiffe, Flüsse und das Meer. Daraus wurde das bemerkenswerte Album "Lost in the Cedar Wood". Es klingt nach Wald, nach krachenden Wellen, nach Wind und kann einen sanften Hang zum Seashanty, dem Überraschungs-Hit-Genre der Coronazeit nicht verleugnen. Wer seinen Kopf nach über einem Jahr mit Meeresluft durchlüften will, höre sich diesen dunkel leuchtenden musikalischen Schatz an. Kathleen Hildebrand
Cyprien Gaillards "Frankfurter Schacht"

Die dunkelgraue Tonne, die vier Meter hoch in der Grünanlage aufragt, wirkt funktional. Doch schon die Nähe zur Dependance des Frankfurter Museums MMK deutet an, dass da mehr ist als ein Fahrstuhl oder ein Umspannkasten. Der "Frankfurter Schacht" (2021), entworfen von Cyprien Gaillard, ist eine Skulptur im öffentlichen Raum - was auch fast technisch klingt.
Der französische Künstler hat seinen Entwurf auch tatsächlich einem Lüftungsschacht angeglichen - den aber mit einer Tür ausgestattet, inklusive silbernem Klopfer, was an den Eingang in "Alice im Wunderland" erinnert. Diese Tür öffnet sich in der Taunusanlage, die nur aussieht wie ein Park, tatsächlich aber eine der belebtesten Flächen der Innenstadt ist: morgens flitzen Radfahrer über den Kies, mittags essen die Banker aus den nahen Hochhaustürmen dort eilig ihren Lunch, nachts werden Drogen gehandelt und Kaninchen blicken einen mit fahlen Augen an. Und dann noch die Denkmäler, Schiller, Beethoven, Heine, Schneewittchen und die sieben Zwerge, Kriegermonument, Winzerbrunnen. Wenn man die Hydranten, Ampeln und Verkehrsschilder dazu nimmt, lässt das einem Bildhauer nicht viel Raum - und auch dem Betrachter nicht.
Doch man kann eintreten. Und findet sich umhüllt von hellem Rosa. Das Innere ist mit Onyx getäfelt, einem Stein, der fast weich aussieht, sehr sauber und glatt poliert ist. Der Schacht ist kein Denkmal und kein Monument, er soll benutzt werden. Als kleines Stück der Abgeschiedenheit. Und weil er nach oben offen ist, bleibt man einen Moment lang mit dem Blau des Himmels oder dem Grau der Wolken allein. Catrin Lorch
