bedeckt München 21°

Favela-Dokumentation "Hill of Pleasures":"Wie ein stiller Krieg"

Hill of Pleasures

Eine Patrouille der Spezialeinheit UPP kontrolliert Bewohner von Morro dos Prazeres auf Waffen und Drogen - Szene aus "Hill of Pleasures".

(Foto: KeyDocs/Nofoco/VPRO)

Ein Jahr vor der Fußball-WM richten sich die Blicke auf das Gastgeberland Brasilien. Die Dokumentarfilmerin Maria Ramos hat monatelang in einer Favela von Rio gedreht, in der eine Spezialeinheit endlich Sicherheit schaffen soll. Ein Gespräch über Klischees und warum fehlende Gewalt Zuschauer irritieren kann.

Am 12. Juni 2014 soll in Brasilien die Fußball-WM starten, zwei Jahre später wird das Land die Olympischen Sommerspiele ausrichten. Die Vorbereitungen auf diese Großereignisse lenken größere internationale Aufmerksamkeit auf die Situation der Favelas. Die Metropole Rio de Janeiro versucht, durch Spezialeinheiten der Polizei nach und nach die berüchtigten Armenviertel unter Kontrolle zu bringen.

Die Brasilianerin Maria Ramos hat bereits zahlreiche Dokumentationen gedreht. Ihr aktueller Film "Hill of Pleasures" ist das Ergebnis monatelanger Beobachtungen in der Favela Morro do Prazeres - sie hat dafür sowohl Einwohner als auch Mitglieder der Friedens-Polizei UPP (Pacifying Police Unit) begleitet, die die bisherige Macht der Drogenbosse brechen und dabei helfen soll, neue Strukturen aufzubauen. Was sie auf die Leinwand bringt, widerspricht teils dem, was viele Zuschauer offenbar beim Thema Favela erwarten. Das zeigten auch Reaktionen des Publikums bei der Deutschlandpremiere beim Internationalen Dokumentarfilmfest in München.

SZ.de: Welchen Eindruck vom Leben in den Favelas von Rio haben Sie gewonnen?

Maria Ramos: Ich glaube, dass alle Menschen widersprüchlich sind. Auch die Menschen in den Favelas. Die üblichen Gegensätze "Gut gegen Böse" wollte ich vermeiden. So zeige ich zum Beispiel eine junge Drogendealerin auch als Tochter, als Schwester, als menschliches Wesen. Polizisten kommen genauso zu Wort. Allerdings wundern sich viele Zuschauer, dass der Film so ruhig sei und man keine Gewalt sehe - als ob sich die Leute dort zehn Stunden pro Tag gegenseitig umbringen würden.

Zuschauer beschweren sich über mangelnde Gewalt in Ihrer Dokumentation?

Sie beschweren sich nicht, aber es gibt viele Fragen. Auch danach, ob ich Gewalt versteckt hätte.

Was antworten Sie ihnen?

Dass das nicht der Fall ist. Es wäre auch gar nicht nötig gewesen, im Fall einer befriedeten Favela wie Morro dos Prazeres. Natürlich gibt es da noch Spannungen, aber die Polizei hält sie unter Kontrolle. Sicherheit wird hier wiederhergestellt. Das kann ich nicht verleugnen.

Ist das Publikum, in diesem Fall das europäische, also sensationsgierig in Bezug auf die Favelas?

Ich glaube nicht, dass das speziell am europäischen Publikum liegt. Es geht insgesamt um die Art und Weise, wie die Favelas meist dargestellt werden. Besonders in den Spielfilmen, die weltweite Erfolge geworden sind, wie "City of God" oder "Tropa de elite". Die nutzen die Gewalt und die Kriminalität für sich, es geht sehr brutal zu: Spezialeinheiten in Schwarz gegen gnadenlose Drogenhändler. Daraus sind gewisse Vorstellungen entstanden, wie Favelas und ihre Einwohner sind. Auch Reportagen in den Medien konzentrieren sich oft nur auf die Konflikte und verkürzen alles extrem. Ich verstehe also, woher die Erwartungen des Publikums kommen.

Hill of Pleasures

Ein Bewohner von Morro dos Prazeres geht seiner Arbeit als Buchhändler nach - Szene aus "Hill of Pleasures".

(Foto: KeyDocs/Nofoco/VPRO)

Sehen Sie Ihren Film als eine Art Gegendarstellung?

Nein, aber ich will Klischees auseinandernehmen. Diesen Unsinn, den wir alle im Kopf haben - sei es in Europa oder in der brasilianischen Mittelschicht. 90 Prozent der Menschen, die in den Favelas wohnen, sind Arbeiter. Die Leute haben Jobs, sie essen zu Mittag, spielen mit ihren Kindern, die Kinder gehen zur Schule. Selbst in den Favelas, die noch nicht befriedet sind. Und zugleich haben manche ab und zu Probleme und gewaltsame Konflikte. Ja, Menschen werden getötet und Dinge geraten außer Kontrolle, aber nicht ständig und jeden Tag!