Faust in Berlin mit Grönemeyer-Musik Des Teufels Show

Mephistopheles mit den Scherenhänden: Schauspieler Christopher Nell in Robert Wilsons Faust-Inszenierung

(Foto: dpa)

Faust I und II am Stück - geht das unter 21 Stunden? Und wie stellt sich Herbert Grönemeyer als Theatermusiker an? Fragen und Antworten zur Faust-Inszenierung am Berliner Ensemble.

Von Christine Dössel

Faust I und II an einem Theaterabend - geht das?

Das geht schon, allerdings nur mit extremen Kürzungen. Als Peter Stein bei der Expo 2000 den geballten "Faust" inszeniert hat, ohne jede Streichung, hat das 21 Stunden gedauert. Bei Wilson am Berliner Ensemble sind es nun vier Stunden, fünfzehn Minuten. "Faust I" wird relativ zackig durchgehandelt. Osterspaziergang, Studierzimmer, Hexenküche - alles nur kurz angerissen auf dem schnellen Weg zur Gretchen-Geschichte (deren Tragik hier schwer versüßlicht wird). Auerbachs Keller fehlt ganz. Manche Szenen entstehen nur aus Kernsätzen heraus, die dann mehrmals wiederholt werden. Erzählt wird in Bildern. Der kulturhistorisch ab- und ausschweifende zweite Teil gilt eigentlich als unspielbar. Wilson geht da auch gar nicht als Denker, sondern als heiterer Märchenonkel ran. Faust und Mephisto bewegen sich in dieser "großen Welt" wie Alice im Wunderland. Und treffen auf lauter groteske Gestalten.

Wie ist die Inszenierung?

Es ist ein Faustical - "Faust" als rockiges Musical. Ästhetisch ein typischer Wilson: perfekt ausgeleuchtetes, hochstilisiertes Bildertheater mit Schauspielern, die wie Puppen agieren. Weiß geschminkte Gesichter, expressionistische Stummfilm-Gestik, lautverstärkte Geräusche, Scherenschnitt- und Schattentanz-Optik. Alles läuft wie am Marionetten-Schnürchen. Es ist ein Spiel mit Doppelungen, Echos, Bewegung im Raum. Nicht immer große Kunst (öfters auch mal kitschig). Aber ganz großes Kunsthandwerk. Im Zentrum steht Mephisto, der Teufel, er ist der Strippenzieher, es ist seine Show. Faust selbst geht im Bildertrubel eher unter, obwohl - oder weil - es ihn gleich fünffach gibt, zumindest im ersten Teil. Auch Gretchen ist ein Drilling.

Wie war die Musik von Herbert Grönemeyer?

Eingängig, schmissig, gefällig, funktional - und ein bisschen auch beliebig. Das Erstaunliche ist: Grönemeyer hat den Abend tatsächlich durchkomponiert, nicht nur ein paar Lieder geschrieben. Er liefert den gesamten Soundteppich, lässt orgeln, donnern, schmalzen, rappen, steppen und sehr viel geigen, je nach Stimmungs- und Szenenlage. Ob Jazz, Blues, Flamenco, zirkushafte Varieté- oder sanfte Gefühlsmusik, ob Balladen oder Choräle: In Grönemeyers Jukebox ist alles drin. Klingt allerdings oft nach Synthesizer und Computer-Kompositionsprogramm mit bekannten Versatzstücken. Aber es gibt auch richtig gute Songs. Einen gab Grönemeyer bei der Premiere als Zugabe selber zum Besten, im nöligsten Grönemeyer-Sound: das "Türmerlied". Es beginnt mit der Zeile "Zum Sehen geboren / zum Schauen bestellt" und endet mit den Worten: "Ihr glücklichen Augen / was je ihr gesehen, / es sei, wie es wolle, / es war doch so schön".

Bester Auftritt?

Sensationell gut ist Christopher Nell als Mephisto - eine sinnenfrohe Mischung aus abgetakeltem Altrocker, durchtriebenem Großstadtindianer und unternehmungslustiger Transe. Ungeheuer agil, lasziv, spitzbübisch. Er kann wunderbar singen. Und jodelt einmal sogar.

Lieblingsszene?

Am Ende nimmt Mephisto eines seiner Teufelshörnchen ab und setzt es seinem alten Freund Faust auf den Kopf. Und dann sitzen sie nebeneinander auf einem Bänkchen wie ein altes gehörntes Ehepaar. Sie sind keine Antagonisten, sondern: eins. "Wohin soll's nun gehen?", fragt Faust. "Wohin es dir gefällt", antwortet Mephisto. Darauf Faust: "Wohin es dir gefällt." Schön.

Die Inszenierung ist etwas für Sie, wenn ...

... Sie den "Faust" nicht für heilig halten und sich mal wieder so richtig Ihrer kindlichen Schau- und Theaterlust hingeben wollen. Und wenn Sie nicht von vornherein Wilson und Grönemeyer eh scheiße finden.

Ein Satz zum Mitreden?

"Den lieb ich, der Unmögliches begehrt."